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Der steirische Sport fordert die Verdoppelung des Budgets

Nur zwei steirische Sportler sind aktuell für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert, im Bundesländervergleich hinkt das „Sportland“ hinterher. Die Landesfachverbände schlagen nun Alarm. Es gilt, das (Sport-)Land neu zu denken.

117 Titel gingen im Jahr 2018 in die Steiermark
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117 Titel gingen im Jahr 2018 in die Steiermark
Günter Sagmeister
Chef vom Dienst/Print

Die steirische Politik muss sich keine Sorgen machen, dass nach dem Ende der Olympischen Sommerspiele in Tokio am 9. August mit viel Blitzlicht und großem Tamtam Medaillen-Empfänge zu veranstalten sein werden oder Einträge in goldene Bücher anstehen. Derzeit dürfen gerade einmal zwei steirische Sportler mit einer Einladung nach Japan rechnen: Tennisspieler Oliver Marach und Golfer Matthias Schwab. Eine Handvoll weitere Steirer hat zwar noch Chancen, sich für die Spiele zu qualifizieren, aber diese sind in etwa so groß wie jene, dass Österreichs Fußball-Nationalteam nach der EM-Qualifikation gleich den Titel holt. Schwimmerin Caroline Pilhatsch ist zwar Vize-Weltmeisterin über 50 Meter Rücken, allerdings auf der nicht olympischen Kurzbahn. Auf der Langbahn ist sie noch klar hinter dem Olympialimit. Und so lässt sich schon heute prophezeien, dass Hugo Simon der letzte Steirer bleiben wird, der eine Olympia-Medaille geholt hat: Silber mit der Mannschaft 1992 in Barcelona. Wobei der gebürtige Deutsche nur als „Steirer“ geführt wird, weil er für den Mürztaler Klub Schloss Graschnitz geritten ist.

>>So denken die steirischen Landtagsklubs über den steirischen Sport<<

Abseits der Verbandsstruktur

Doppel-Spezialist Oliver Marach lebt mit seiner Familie seit Jahren in Panama und ist nur selten Gast in der steirischen Heimat. Mathias Schwab hat sein golferisches Handwerk an der renommierten amerikanischen Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, gelernt und verfeinert, also auch abseits jeglicher heimischen Verbandsstruktur. Da stellt sich die Frage: Was ist los mit dem Sportland Steiermark? Es glänzt zwar mit internationalen Großveranstaltungen wie Formel 1 und MotoGP in Spielberg oder dem legendären Nachtslalom in der Schladminger WM-Stadt, doch ist das eigentlich nur ein Deckmäntelchen über der steirischen Sport-Basis.

Sport in Zahlen

459.287 Mitglieder waren im Jahr 2018 in 2254 Sportvereinen im Einsatz. ASKÖ ist der stärkste
Breitensportverband mit 170.753 Mitgliedern (745 Vereine) vor der Sportunion (153.443/713) und dem ASVÖ (135.091/796).

40 hauptberufliche Mitarbeiter hat der FC Salzburg neben dem neunköpfigen Trainerteam für seine Fußballer. Der steirische Leichtathletik-Verband kann sich für 4525 Mitglieder gerade einmal 1,5 Angestellte leisten.

7,7 Millionen Euro beträgt das Sportbudget des Landes Steiermark, 209.000 Euro davon gehen an die zwölf Landesleistungszentren. Schach, Orientierungslaufen, Schützen und Moderner Fünfkampf verlieren aber 2020 diesen Status, weil sie nicht alle Kriterien erfüllen. Sie hätten einen Trainer/Funktionär mit 20 Stunden anstellen müssen, was sich aber keiner leisten kann.

Im Winter gibt es zumindest ein paar Namen, deren Träger Jugendlichen als Vorbild dienen: Cornelia Hütter, Nicole Schmidhofer, Ramona Siebenhofer, Tamara Tippler oder Daniela Iraschko-Stolz und Franz-Josef Rehrl. Doch im Sommer schaut es recht trüb aus. Noch ein Indiz sollte alle Alarmglocken im Land läuten lassen: Im Jahr 2018 haben steirische Sportler zwar 117 Staatsmeistertitel geholt, aber rechnet man diese Titel im Bundesländervergleich pro Einwohner hoch, ist die Steiermark mit 811 Schlusslicht. In Tirol kommt ein Staatsmeistertitel auf 354 Einwohner, im Burgenland auf 406, in Salzburg auf 444, in Vorarlberg auf 465.

Das steirische Sportbudget 2019

Gesamtsumme: 7,7 Millionen Euro inklusive Personalkosten

Leistungs- und Spitzensport:
Einzelspitzensportförderung 120.000 Euro
Mannschaftsspitzensportförderung 1.200.000 Euro
Akademien (Fußball, Eishockey, Ski, Handball, Volleyball, KSV-Akademie, Basketball, Damen-Akademie Fußball) 1.161.000 Euro
Nachwuchsleistungskompetenzzentrum Graz 20.000 Euro
Fachverbandsförderungen (Basisförderung, 4-Bereiche, Modelltraining, Aus- und Fortbildung, Gratifikation) 921.892 Euro
Veranstaltungen (Min. 50 % Spitzensport z.B. Nightrace, Nordische Kombination)

Breitensport:
Dachverbandssubvention
(ein Teil der Subvention muss für die Mitgliedsvereine verwendet werden.) 779.700 Euro
Bewegungsland Steiermark 576.000 Euro
Landessportkoordinatoren (Handball, Volleyball, Leichtathletik, Rodeln) 154.000 Euro
Berufsausbildung Nordisches Ausbildungszentrum (Landesbeitrag) 246.000 Euro
Landesleistungszentren und Anwärter (Schwimmen, Badminton, Judo, Tennis, Rad, Leichtathletik, Fechten, Orientierungslauf, Schach, Sportklettern, Sportschützen, Moderner Fünfkampf) 209.000 Euro
Verein Special Olympics 59.000 Euro
Behindertensportverband 24.000 Euro

Die Perspektive fehlt

Die Gründe, warum die Steiermark der Weltspitze hinterherhinkt, sind freilich vielfältig. Man muss auch zwischen Ballsport und Einzelsport unterscheiden. In den Ballsport-Akademien werden zwar viele Talente gefunden und ausgebildet, doch dann wandern sie ab. Bestes Beispiel ist der Fußball, wo Spieler wie Lazaro, Sabitzer, Gregoritsch, Prödl, Posch, Danso, Wolf, Royer und viele mehr nach Deutschland, England, Italien oder in die USA wechselten, weil im eigenen Land die sportliche und finanzielle Perspektive fehlt. Ähnliches gilt im Volleyball, Handball oder Basketball.

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In den Einzelsportarten hapert es schon an grundsätzlichen Strukturen. Während in mit Österreich durchaus vergleichbaren Ländern wie Slowenien, Kroatien, Dänemark, Schweden oder den Niederlanden das Verhältnis Athlet zu Trainer meist schon 1:1 beträgt, hält in der Steiermark ein Heer von unbezahlten Freiwilligen und Idealisten den Sport am Leben. Beispiel Leichtathletik: Es gibt 60 Vereine mit 4525 Mitgliedern, aber einzig der Landeskoordinator besitzt eine Vollzeitanstellung. Der steirische Landestrainer betreut den 21-köpfigen Elite-Kader in einer 20-Stunden-Anstellung. Für Physiotherapie oder Leistungsdiagnostik erhalten alle Elite-Athleten gemeinsam einen Verbandszuschuss in Höhe von 22.000 Euro. Die Betreuung organisieren sich die Sportler selbst. Für mehr fehlt das Geld.

Wolfgang Bartosch ist Vorsitzender des Vorstandes im Landessportfachrat
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Wolfgang Bartosch ist Vorsitzender des Vorstandes im Landessportfachrat

Die Akzeptanz fehlt

Was dem Sport hierzulande aber noch mehr fehlt, ist die Akzeptanz und ein Bewusstsein über die gesellschaftliche Bedeutung. Wolfgang Bartosch, Vorsitzender des Vorstandes im Landessportfachrat, sagt: „Sport ist eine Querschnittsmaterie aus Bewegung, Gesundheit, Sozialem wie Integration bis hin zum Tourismus. Sport vermittelt wichtige Werte in der Gesellschaft, verbindet Generationen, Kulturen und fördert die Gemeinsamkeit. Doch es mangelt leider am Sportbewusstsein.“ Am Bewusstsein, dass sich Investitionen in den Spitzensport zwar nicht unmittelbar rechnen, aber dass Vorbilder geschaffen werden, die quasi Bewegungsanimateure sind. Auch die Sponsoring-Kultur ist in unseren Breiten eine fatale. Die meisten steirischen Großkonzerne machen einen großen Bogen um den Sport. Bestes Beispiel ist die Andritz AG mit mehr als 29.000 Mitarbeitern und einem Milliardenumsatz, die Sponsoring klar an Verkaufszahlen im Maschinen-Anlagenbau verknüpft und auch gegen ein im Sport vielfach gebrachtes Argument resistent ist, dass Konzerne dieser Größenordnung eine soziale Verpflichtung gegenüber ihrem zentralen Standort haben.

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Sportstrategie 2025 (PDF: 2.7 MB)

Für Wolfgang Bartosch ist klar, dass sich viel ändern muss: Die Talente-Sichtung muss über Kooperationsmodelle mit Schulen intensiviert werden. Er wünscht sich den Ausbau von Landesleistungszentren mit sportwissenschaftlicher Begleitung und einem professionellen Umfeld. Und er fordert mit den Landesfachverbänden eine Verdoppelung des Landessportbudgets, das 7,7 Millionen beträgt und im Bundesländervergleich im untersten Bereich liegt. „Langfristig wollen wir eine Verdreifachung. Und wir reden hier nicht von so großen Beträgen im Vergleich zum Gesamtbudget“, sagt Bartosch. Außerdem empfiehlt er der künftigen Regierung einen Blick in die „Landessportstrategie 2025“, die Franz Voves im Juni 2014 in seiner Funktion als Landeshauptmann präsentiert hatte: „Mehr Menschen zum Sport! Mehr steirischer Erfolg im Sport.“ Auf 20 Seiten ist definiert, was passieren müsste, damit die Steiermark nicht wie bei Olympia in Tokio nur Zaungast ist. Überschriften sind also formuliert. Sie warten nur auf Umsetzung.