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Polit-Alarm: "Wir steuern auf den Pflegenotstand hin"

Der 5. Teil unserer Serie zur Landtagswahl widmet sich der Pflege: Woher soll in Zukunft das Pflegepersonal kommen? Womit kämpft die Branche? Die Diskussion zum Nachsehen und Nachlesen.

Diskussion ab 18.30 Uhr: mit Krotzer, Riener, Meißl und Moderatorin Claudia Gigler.
© Juergen Fuchs
Diskussion ab 18.30 Uhr: mit Krotzer, Riener, Meißl und Moderatorin Claudia Gigler.
Von  Thomas Rossacher und Saskia Ehmann

Die Kernfrage im Wahl-Studio zur Pflege: Wer soll uns Steirer morgen pflegen? 23.000 Pflegekräfte bundesweit fehlen. Das System, die Angebote und die Ausbildung müssten reformiert werden. Aber reicht das, um auch junge Steirer für den harten Beruf zu gewinnen? 

Diese Fragen prägten die Debatte mit Barbara Riener, Landtagsklubobfrau der steirischen ÖVP, Robert Krotzer, Stadtrat für Gesundheit und Pflege in Graz (KPÖ) und Arnd Meißl, dem  Gesundheitssprecher der FPÖ.

Hier die gesamte Diskussion zum Nachsehen:

Serie zur Landtagswahl

Aus der Debatte

Ein Ansatz zur Lösung des Personalproblems liegt in der Ausbildung. Die FPÖ fordert schon seit längerem eine Lehre für die Pflege. Arnd Meißl will bereits 15-Jährige in die Pflicht nehmen. Man müsse die Jugend früh abholen.

Barbara Riener kontert, dass man Jugendliche nicht zu früh in diesen Beruf schicken könne. Eine andere, bereits bestehend Lösung ist die Pflegeausbildung mit Matura. Hier bestehe jedoch die Gefahr, dass Absolventen nicht als Pflegekräfte zu arbeiten beginnen, sondern dann ein Studium ergreifen. Laut Riener ist die Gesundheits-und Krankenpflegeschule das sinnvollste Ausbildungsmodell.

Der Pflegeberuf muss aber auch attraktiv gestaltet sein – für Robert Krotzer wäre das mit einer entsprechenden Entlohnung, mehr Entlastung und mehr Urlaubsanspruch zu machen. "Wir steuern auf den Pflegenotstand hin", unterstreicht er die Dringlichkeit.

24-Stunden-Betreuung: Laut Krotzer haben "wir einen Wildwuchs an Pflegeagenturen." Dieser wäre nur durch klare Richtlinien steuerbar. Das neue Qualitätszertifikat wäre nichtssagend, jeder könnte das vergeben, nur 13 von 800 Pflegebetrieben konnten sich das bisher leisten. "Natürlich müsse man die Organisationen überprüfen", stimmte ihm Riener zu.

Pflegedrehscheibe: Das Modell der Pflegedrehscheibe soll bis Mitte 2020 in alle Bezirke ausgeweitet werden, so Krotzer. Es helfe  den Betroffenen und deren Familien, die passende Lösung zu finden. Dabei ginge es darum den Menschen eine Anlaufstelle zu bieten, und nicht wie zum Beispiel in Vorarlberg alle älteren Personen zu Hause zu besuchen. Man wolle niemanden diskriminieren.

Generell gilt: "Mobile Pflege vor stationärer", sagt Riener. Menschen wollen so lange als möglich zu Hause betreut werden. Das sei auch die Devise bei an Demenz erkrankten Personen. Betroffenen geht es im gewohnten Umfeld am besten, betont Meißl.

Taten statt Worte: Krotzer fasst zusammen: Die Steiermark braucht mehr Hauskrankenpflege, eine Online-Datenbank ist notwendig, eine Checkliste muss angefertigt werden. Auf die Frage, ob es noch Hoffnung auf eine Lösung des Pflegeproblems gibt, antwortet Riener, dass sie natürlich noch Zuversicht habe. Es gibt einige gute Lösungsansätze – an diese kann der neue Landtag nach der Wahl anknüpfen.

Einig sind sich alle Landespolitiker, dass der Regress (Vermögensrückgriff der öffentlichen Hand) auch für die mobilen Dienste fallen muss.

Kein Einzelfall

Frau B. hat ein Problem. Ihr pflegebedürftiger Lebensgefährte ist fest in einer kleinen Gemeinde der Obersteiermark verwurzelt. Er hat natürlich auch dort Anspruch auf mobile Pflege, steht aber seit Monaten ohne Hilfe da. Seit man sich im Streit vom örtlichen Trägerverein getrennt hat, muss improvisiert werden. Doch Ersatz wäre kaum zu finden, sei zu teuer oder schlicht zu schlecht gewesen, moniert die Frau. Kein Trost: Der Mann lag zuletzt wochenlang im Spital. Nach der Entlassung gehe die Suche von vorne los.

Personalsuche ist das Reizwort für Angehörige und Branche. Zahlen des Arbeitsmarktservice Steiermark belegen es: Bei den Heimhilfen sind die Stellengesuche um mehr als 100 Prozent gestiegen (112 offene Stellen; Vergleich September 2018 zu 2019). Pflegeassistenten wurden in 217 Fällen gesucht (ein Plus von 27 Prozent), zudem 139 Diplomkrankenpfleger (plus neun Prozent). Steirische Heimbetreiber, Trägervereine, Spitäler, Behindertenbetreuungs- und Reha-Einrichtungen etc. ringen gleichermaßen um Nachwuchs. Oder luchsen sich gegenseitig Mitarbeiter ab. 

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Dieser Engpass ist freilich nicht völlig selbst verschuldet. So ist die Geburtenbilanz (Differenz zwischen Lebendgeborenen und Sterbefällen) in der Grünen Mark seit gut zwanzig Jahren negativ. 2018 lag das Minus bei 1548. Hingegen wird die Zahl der „hochaltrigen“ Steirer – 85 Jahre und älter– bis 2025 um ein Drittel (!) auf knapp 43.000 Frauen und Männer ansteigen. Übersetzt: Es gibt immer weniger junge Steirer, die einen Pflegeberuf ergreifen könnten, für immer mehr ältere Steirer.

Abwanderung verschärft den Trend: Im Murtal, Murau oder in Bruck-Mürzzuschlag gingen seit 2001 Abertausende Bürger „verloren“. In diesen Bezirken hört man am häufig, Pflegeplätze könnten schlicht aus Personalmangel nicht belegt werden.

Bezirksunabhängig: Nachwuchs und Umsteiger bevorzugen eine „sichere Stelle“ im Spital. Und das nicht erst seit 2017, als ein neues Gehaltsschema – mit im Durchschnitt 210 Euro mehr im Monat – die Kages attraktiver macht. Ja, es ist auch eine Frage der Möglichkeiten: Landesweit stehen rund 6500 Mitarbeitern in der stationären Pflege (Heime) mehr als 11.000 Kräften in Krankenhäusern gegenüber. Letztere sind meist für die Spitalsgesellschaft Kages tätig. 8855 Pflegekräfte listet eine Anfragebeantwortung des Gesundheitsressorts auf, großteils diplomiertes Personal. Der Anteil ausländischer Mitarbeiter (280, Stand April) ist marginal.

Doch selbst die Kliniken müssen sich anstrengen: Ende 2018 sind zum Beispiel an der Uniklinik 70 Posten (Diplomkrankenpflege) unbesetzt geblieben.

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Die Bedarfsstudien

Der Bedarf steigt weiter, das untermauerte heuer eine Studie des Entwicklungs- und Planungsinstitutes für Gesundheit (Epig). Bis 2025 würden Krankenhäuser zwar etwa fünf Prozent weniger Pfleger benötigen – sofern die Spitalsreform plangemäß umgesetzt und die Medizin weiterhin so große Fortschritte mache. Auf jeden Fall bedinge die demografische Entwicklung „zusätzlichen Personalbedarf in der Langzeitpflege“. Daher brauche es gut 300 Mitarbeiter im diplomierten Bereich und 420 in der Pflegeassistenz zusätzlich.

Österreichweit, besagt eine „Wifo“-Studie, sind bis 2030 etwa 23.000 Pflegestellen zusätzlich notwendig. „Das ist nicht zu schaffen“, winkt Wolfgang Habacher (Epig) ab. Er beziffert den steirischen Mehrbedarf mit einem Prozent. Bis 2025 "brauchen wir 21.200 Kräfte". Bedingung: „Wir müssen anders pflegen als heute“, Strukturen und Kompetenzen ändern sich.

Muss nicht verstärk im Ausland „gefahndet“ werden? Agenturen für Personenbetreuer (sagen Sie nicht 24-Stunden-Pfleger dazu) leben davon. Im Herbst stieg die Anzahl der Vermittler in der Steiermark erneut, teilt die Wirtschaftskammer mit. 16.473 Betreuer haben hierzulande ein Gewerbe angemeldet (bzw. zeitweise ruhend gestellt), das sind um gut 5000 mehr als vor fünf Jahren. Die meist weiblichen Betreuer stammen zu 61 Prozent aus Rumänien, der Anteil der Slowakei geht zurück, jener Kroatiens steigt. Der Anteil österreichischer Personenbetreuer beträgt lediglich 1,8 Prozent.

1550 statt 550 Euro 

Die Personalsituation sei eben angespannt, verrät ein Anbieter der ersten Stunde: „Es wird immer schwieriger“, die Konkurrenz unter den Agenturen würde stets größer. Und den Kunden gehe „es primär ums Geld. Leider, weil das der Qualität schadet.“ Tenor: Wer korrekt und nicht nur 25 Euro am Tag zahle; wer regulär mit Taxiunternehmern für Transporte in die Heimat der Frauen arbeitete, der könne preislich kaum mithalten. Die nach Jahren fixierte Valorisierung des Pflegegelds sei zu gering. Was sich ändern muss? „Die staatliche Förderung von monatlich 550 Euro (für zwei selbstständige Betreuerinnen, Anm.) auf 1550 erhöhen.“ Ob die neue Bundesregierung das zu finanzieren bereit ist?

Steirische Heime und Kliniken halten ebenso nach Fachkräften aus dem Ausland Ausschau. Nur „sind wir ja nicht alleine. Alle suchen Pflegepersonal, das ist ein internationales Phänomen“, schildert ein Eingeweihter. Selbst wenn man sprachlichen Hürden ausblendet: Ohne die Berufsberechtigung geht nichts. Für die „Feststellung der Gleichwertigkeit von Ausbildungsabschlüssen“ in Gesundheitsberufen hat das Land Steiermark gerade eine einzige Referentin. So viel zur Wertigkeit.

Ausbildung kostenlos

Die Strategie des Landes ist eine andere. „Berufswechsel eindämmen, Interesse am Beruf anheben“, lauten zwei Leitsätze. Um die Gesundheitsberufe zu bewerben, genehmigte die Landesregierung heuer 100.000 Euro. Nun „schluckt“ das Land seit Herbst auch die Kostenbeiträge für die Ausbildung in Pflegeassistenz. Das bedeutet eine Ersparnis von 2900 Euro pro Kopf, an den Schulen des Landes wohlgemerkt. Kürzlich beschlossen: Wegen „Minderauslastung bei den bestehenden Ausbildungszweigen“ bietet das Land künftig noch Lehrgänge für Heimhilfen an. Und: Die Honorare für externe Vortragende werden auf 56 Euro je Einheit erhöht.

Das können sich andere nicht leisten. Vertreter einer örtlichen Ausbildungsinitiative beklagen der Kleinen Zeitung gegenüber, man habe ihnen behördenseitig „nur Steine in den Weg gelegt“. Ob Anfahrtswege, Inhalte, Dokumentation oder Kursplätze: „Es hat viele Monate gedauert, bis endlich alles genehmigt gewesen ist – das war dermaßen frustrierend.“

Pflege mit Matura

Nachbar-Bundesländern ist dieses Gefühlsgemenge nicht fremd. Um das Interesse und die Qualität zu steigern, bieten das Land Niederösterreich und die Caritas ab nächstem Schuljahr eine Pflegeausbildung mit Matura. Absolventen haben eine Jobgarantie.

Das Burgenland verfolgt wiederum einen „Zukunftsplan“, die Innovation darin ist ein Anstellungsmodell für pflegende Angehörige. Nach einer entsprechenden Ausbildung (100 Stunden mindestens) sind Angehörige bis 40 Wochenstunden bei einer neuen Landesgesellschaft angestellt. Verdienst? Bis zu 1700 Euro netto. Ob das auch eine Variante für die Steirer ist? Nun, das Burgenland hat deutlich weniger Einwohner und stationäre Heime. Da wie dort wird am Ausbau der mobilen Dienste und der Kurzzeitpflege gearbeitet.