Das nationale Impfgremium wartet gespannt auf neue Empfehlungen der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zum Corona-Vakzin von AstraZenca am Donnerstag. Im Unterschied zu Deutschland und anderen EU-Staaten hat Österreich keinen vorläufigen Impfstopp empfohlen.
 

Rund um die Beschaffung von Impfstoffen offenbarten sich in den letzten Tagen große Differenzen - zwischen ÖVP und Grünen, Wien und Brüssel. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen zum Impfstoffstreit.

Wie viele Dosen hat Österreich liegen gelassen?

Österreich hat 1,99 Prozent an der EU-Gesamtbevölkerung. Entsprechend dem Verteilungsschlüssel wären uns genau so viele Dosen von allen Impfstoffen zugestanden. Österreich entschied sich aber dafür, weniger von Pfizer/Biontech und Johnson&Johnson zu bestellen, dafür mehr von ungenutzten AstraZeneca-Dosen von anderen EU-Staaten einzukaufen. Wie viele Dosen Österreich liegen gelassen hat, ist nicht ganz klar. Das Gesundheitsminsterium spricht von rund 100.000 Impfdosen mehr, die über einen Reservetopf für das zweite Quartal bestellt werden hätten können. Im Kanzleramt hingegen spricht man von "mehreren Hunderttausend Dosen."

Warum hat Österreich nicht mehr bestellt?

Die Entscheidung wurde im Herbst getroffen, als man noch nicht wusste, wann welcher Impfstoff zugelassen würde. AstraZeneca galt als vielversprechendster Kandidat, auch, weil er nicht bei minus 75 Grad gekühlt werden muss und leichter im ländlichen Raum und von Hausärzten verimpft werden kann. Ex-Impfstoffkoordinator Clemens Martin Auer argumentierte außerdem: Insgesamt seien 31 Millionen Dosen bestellt worden, mehr als das Doppelte dessen, was Österreich braucht, um alle Erwachsenen durchzuimpfen.

Was hat Österreich beim Bestellen falsch gemacht?

Im Nachhinein erwies sich AstraZeneca als der Impfstoff, der am meisten Probleme macht. Auch über den Verteilmechanismus in der EU war man schlecht informiert: Es geht nämlich nicht nur um die absolute Zahl der bestellten Dosen, sondern auch um den Lieferzeitpunkt. Im Gesundheitsministerium war unklar, ob jene, die mehr bestellten, von Beginn an mehr bekommen oder nur länger beliefert werden. Das verstärkte das innereuropäische Ungleichgewicht.

War Österreich zu geizig?

Eine Dosis von AstraZeneca kostet etwa 1,80 Euro, eine Dosis von Biontech/Pfizer rund 12 Euro. Die SPÖ kritisiert, dass für die Impfdosen eine Obergrenze von 200 Millionen Euro beschlossen wurde. Das sei nur ein "erstes Budget" gewesen, sagt Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Das entspräche allerdings 28 Euro pro Kopf der impfbaren Bevölkerung, was bei den Impfpreisen realistisch ist.

Bekommt Österreich jetzt wirklich mehr Dosen?

Biontech/Pfizer wird zehn Millionen Impfungen vorzeitig liefern. Österreich soll davon rund 400.000 zusätzliche Dosen bekommen, meint Bundeskanzler Sebastian Kurz. Dafür müssen die EU-Staaten aber einstimmig entscheiden, die Lieferung dafür zu nutzen, die aktuelle Schieflage ausgleichen.

Wird es diese Korrektur geben?

Das ist noch offen, denn jene Staaten, die schneller bestellt und mehr Geld in die Hand genommen haben, müssten auf den ihnen zustehenden Anteil verzichten – aus Solidarität mit den Nachzüglern, die auf Impfstoffe aktiv verzichtet haben. Offen ist noch dazu, ob das überhaupt möglich ist, weil jedes EU-Land die Lieferungen bilateral mit dem Impfhersteller vertraglich vereinbart hat.

Werden bis zum Sommer alle, die das wollen, geimpft werden?

Bis Ende Juni können in Österreich 4,6 Millionen Menschen geimpft werden, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Auch im Kanzleramt glaubt man, dass bis dahin alle impfwilligen Erwachsenen ihren ersten Stich bekommen haben, im Herbst wären alle durchgeimpft. In diesem Plan ist aber einkalkuliert, dass weiterhin mit AstraZeneca geimpft wird. Sollte die Europäische Arzneimittelagentur EMA heute eine gegenteilige Empfehlung aussprechen, hält dieser Plan nicht.