EU soll mehr Energie in den USA kaufen: Verwunderung über fossilen Fantasiedeal
Teil des umstrittenen Zoll-Deals: Binnen drei Jahren will die EU Energie um 750 Milliarden Dollar aus den USA importieren. Ein gigantisches Volumen, das aus mehreren Gründen für Irritation bei Experten sorgt.

Der Zoll-Deal zwischen den USA und der EU sorgt seit Sonntag für Debatten. Die EU konnte damit zwar pauschale Zölle von 30 Prozent abwenden, die sonst ab heute gedroht hätten. Stattdessen soll für die meisten Güter nun ein US-Basiszoll von 15 Prozent gelten. Abseits der reinen Zollthematik wird aber auch – mit einer gewissen Verwunderung – auf weitere zentrale Aspekte des geplanten Abkommens geblickt. Wie berichtet, soll die EU in den nächsten drei Jahren um 750 Milliarden Dollar Energie in den USA einkaufen. Dabei geht es insbesondere um LNG, also Flüssiggas. Das sorgt in vielerlei Hinsicht für Stirnrunzeln.
Zum einen stellt sich die Frage, inwieweit das die EU-Kommission überhaupt in Aussicht stellen kann, wo doch die Unternehmen als Käufer auf den Plan treten müssen. Hinzu kommt, dass das gigantische Volumen unrealistisch erscheint, es fehlt an Infrastruktur, zudem müssten – bei 250 Milliarden Dollar pro Jahr – die USA fast nur noch ausschließlich in die EU liefern. Hinzu kommt etwa in Österreich die Sorge, dass man sich nach den leidvollen Erfahrungen der russischen Gas-Abhängigkeit in die nächste Abhängigkeit stürzt. „Die LNG-Importe aus den USA haben sich bereits in den letzten vier Jahren verdreifacht. Wir müssen aufpassen, dass wir nach dem Zoll-Thema nicht in eine neue Abhängigkeit schlittern, nämlich in einem Bereich, der für uns strategisch von enormer Bedeutung ist – da geht es um die Frage der Energieversorgung“, warnte zuletzt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer im Gespräch mit der Kleinen Zeitung.
„Der Umfang der Summen ist aber noch zu klären“
Der Industrielle Christian Knill, Obmann des Fachverbands der Metalltechnischen Industrie, gab zu bedenken: „Ich bezweifle, dass sich durch den Einkauf von teurem LNG-Flüssiggas aus den USA die Energiepreise in Europa senken lassen, das könnte die Wettbewerbsfähigkeit weiter unter Druck bringen.“
Alfons Haber, Vorstand des Energieregulators E-Control betont: „Die USA sind schon aktuell ein sehr großer LNG-Lieferant für Europa. Der Anteil könnte noch erhöht werden, denn die USA haben ihre LNG-Kapazitäten ausgebaut, um eine höhere Nachfrage zu bedienen. Eine weitere Erhöhung der LNG-Exporte nach Europa sei „auch logistisch möglich“. Auch er schränkt ein: „Der Umfang der Summen ist aber noch zu klären.“
OMV-Chef Alfred Stern: „Europa darf sich nicht zurücklehnen“
Die Absichtserklärung der EU, verstärkt Öl und Gas aus den USA zu beziehen, sei „natürlich sinnvoll“, wird unterdessen Alfred Stern zitiert. Der OMV-Vorstandschef verweist darauf, dass die USA sich in den letzten Jahren „als der wichtigste LNG-Lieferant für Europa etabliert“ habe. Allein die OMV habe dort LNG-Verträge für zwei Millionen Tonnen jährlich abgeschlossen, so Stern. Doch auch er betont: Europa dürfe sich „nicht zurücklehnen“, müsse auch die eigene Energieproduktion erhöhen. „Ich weiß nicht, was die EU genau vorhat und machen wird, aber bei der OMV werden wir natürlich weiterhin an der Diversifizierung unseres Gas-Portfolios arbeiten. Wir werden weiterhin privatwirtschaftliche Verträge abschließen, und diese müssen auch so sein, dass wir damit wirtschaftlich umgehen können“, so Stern zur APA. „Je mehr Lieferquellen wir haben, desto besser – weil Angebot und Nachfrage den Gaspreis in Europa bestimmen werden.“ Die OMV selbst treibt im rumänischen Schwarzen Meer ihr Projekt „Neptun Deep“ voran, „das für die EU von strategischer Bedeutung ist. Mit 100 Milliarden Kubikmetern förderbaren Reserven ist das das größte Gasprojekt der EU.“ Eigene Produktion „ist das beste, was die EU für die Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit tun kann.“
Die OMV hat im ersten Halbjahr deutlich weniger verdient als im Vorjahr. Der den Aktionären zurechenbare Gewinn fiel um 55 Prozent auf 384 Millionen Euro. Grund dafür waren vor allem niedrigere Ölpreise, Währungseinflüsse und geringere Verkaufsmengen. Der Umsatz des teilstaatlichen Energie- und Chemiekonzerns ging im Halbjahr um sieben Prozent auf zwölf Milliarden Euro zurück, das operative Ergebnis (vor Sonder- und Lagerhaltungseffekten) sank um 19 Prozent auf 2,19 Milliarden Euro.

