Klima-ProtesteWiener Baustellen-Besetzer richten sich wohnlich ein

Seit zehn Tagen blockieren Aktivisten Baustellen der umstrittenen Stadtstraße in Wien. Sie sind wohl doch gekommen, um zu bleiben. Ein Besuch im Zeltlager.

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© (c) Tobias Holub
 

Eigentlich war alles anders geplant. Als das erste Mal unter Aktivistinnen und Aktivisten die Idee einer Besetzung aufkam, war stets von der Lobau die Rede. Jener Nationalpark, der im Rahmen der Wiener Nordostumfahrung für einen Autobahnbau untertunnelt werden soll. Die Ankündigung von Klimaministerin Leonore Gewessler (Grüne), alle geplanten Autobahnprojekte zu evaluieren, wollten sie nützen, um mit einer Besetzung öffentlichen Druck zu erzeugen. Jetzt stehen seit bald zwei Wochen dutzende Zelte rund fünf Kilometer von der Lobau entfernt in Hirschstetten.

"Als wir mitbekommen haben, dass Vorarbeiten für die Stadtstraße begonnen haben, haben wir schnell umdisponiert und diese Baustellen besetzt", erzählt Lena Schilling, Mit-Initiatorin der Besetzung und seit Beginn im Dauereinsatz, "denn ohne Lobau-Autobahn ergibt die Stadtstraße wenig Sinn und umgekehrt." Die Stadtstraße soll die Tangente mit der geplanten Lobau-Autobahn verbinden und dabei das Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern entlasten. Die Anschlussstelle in der Seestadt gehört aber zum Bauabschnitt der Autobahn. Eine Studie der TU kam 2018 zum Ergebnis, dass diese Entlastung aber nur kurzweilig ist. Die neuen Straßen würden mehr Autos anlocken. Ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs würde gemeinsam mit konsequenter Parkraumbewirtschaftung das Gebiet in ähnlichem Ausmaß, dafür nachhaltig entlasten.

Küchen- und Hausaufgabenzelt

Die Aktivisten haben sich auf mehrere Standorte verteilt. Zwei Baustellen sind besetzt, dazwischen haben sie das sogenannte Klimacamp eingerichtet. Rund 40 Menschen seien regelmäßig bei den Morgentreffen, über den Tag verteilt würden an die 100 Menschen zumindest vorbeikommen, schätzt Schilling. Einige schlafen hier und gehen vom Camp in die Arbeit, für die Studenten unter hat das Semester noch nicht begonnen, Pensionisten aus der Nachbarschaft verbringen hier Zeit und viele Schüler, die vergangene Woche noch ganztägig dort waren, kommen jetzt eben nachmittags. Der Schulanfang hat das Camp zwar etwas dezimiert, die Aktivisten schaffen aber Abhilfe. Neben dem Küchenzelt, dem Technikzelt und dem Erste-Hilfe-Zelt soll bald auch eines für Hausaufgaben stehen. Nächste Woche soll auch eine Art Elternabend stattfinden.

Rund 100 Menschen kommen täglich ins Protestcamp, etliche übernachten dort. Foto © (c) Tobias Holub

Eine der besetzten Baustellen, dort wo die Tangente zur S2 wird, soll einmal eine Autobahnabfahrt zur Stadtstraße werden. Dort ist derzeit nicht viel los, erzählt eine Aktivistin, die gerade von dort ins Zeltlager zurückkommt. Etliche Zelte und Holzkonstruktionen aber keine Bauarbeiter sind dort zu finden. Es gehe hauptsächlich darum, nicht wegzugehen, erzählt sie: "Es darf einfach nicht passieren, dass diese Straße gebaut wird."

Da ist sie sich mit Werner Schandl einig. Der Hirschstettener protestiert seit bald neun Jahren gegen die Stadtstraße und ist einer jener, die täglich im Camp vorbeikommen. Angefangen hat es mit einer Probebohrung im Herbst 2012. Dann habe er zu recherchieren begonnen und die Bürgerinitiative "Hirschstetten-retten" gegründet. Mit und für seine Kinder, wie er erzählt: "Die Stadt hat es verabsäumt, rechtzeitig die Öffis auszubauen und die Taktfrequenz zu erhöhen. Ich will den Kindern eine Stimme geben, die diese toxische Suppe auslöffeln müssen." Schandl hat sich wohl schon oft den Mund fusselig geredet, aus dem Stegreif hat er eine Reihe an Zahlen parat, die die Notwendigkeit der Straße widerlegen. Wie viele Autos dann durch Hirschstetten fahren würden, wie viel lauter das für die Anrainer ist, insbesondere Kindergartenkinder und welche Entlastung mehr Straßenbahnen bringen würden. Er glaubt fest daran, dass die Aktivisten Erfolg haben werden: "Es gibt jetzt die Möglichkeit für die Politik, ohne Gesichtsverlust einen Rückzieher zu machen."

Gekommen, um zu bleiben

Anders als in der Lobau gibt es in Hirschstetten keine endlosen Wälder, keine Aulandschaft, keinen Nationalparkstatus. Das ist auch ein Problem für die Aktivisten: "Hirschstetten ist so weit weg von den Köpfen", sagt Lena Schilling. Aufmerksamkeit für die Stadtstraße zu bekommen sei daher schwierig. Nicht zuletzt deshalb hoffen sie, noch das Ergebnis von Gewesslers Evaluierung abwarten zu können. Entgegen der demonstrativen Ruhe von Seiten der Behörden und der Asfinag wird jederzeit eine Räumung befürchtet. Am Donnerstag ist ein Konzert geplant und langsam wollen die Aktivistinnen und Aktivisten das Camp wetterfester machen. Sie wollen nun doch länger bleiben als geplant.

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Danke für Ihr Verständnis.

krautundrüben
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Klimaschutz und weibliche Aktivistinnen

Es ist bemerkenswert, wie schnell sich hier einige User beim Thema "Klimaschutz" und "weibliche Aktivistinnen" auf den Schlips getreten fühlen. Ich habe 5 Kinder, davon 2 Studierende, der Rest Pubertierende, die sich zwar nicht aktivistisch engagieren, aber für die viele klimaschonende Alltagshandlungen ganz selbstverständlich sind. Mein jüngster Sohn zweifelte unlängst, ob das bei den vielen D...., die es gibt, überhaupt Sinn mache, auf eine Klimaerholung zu setzen. Die Kommentare einiger User hier würden ihm leider recht geben! Evaluierung von Straßenbau ist wohl noch legitim, und das einzufordern wohl noch legitimer.
Klimaschutz geht uns alle an, wer das leugnet, ist von gestern!

P.S. Danke an die KZ für die Serie "Wege aus der Klimakrise" in der Printausgabe!

schteirischprovessa
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Da will eine kleine Minderheit über die große Mehrheit diktieren.

Das ist absolut undemokratisch.
Demokratisch wäre eine Volksabstimmung in den betroffenen Wiener Bezirken.

melahide
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Und

demokratisch ist es, wenn 51 % den restlichen 49
% alle Rechte nehmen? Spannend!

lamagra
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"demokratisch ist es, wenn 51 % den restlichen 49 % alle Rechte nehmen?"

JA, genau so funktioniert die Demokratie!
Hat bei der letzten BP-Wahl auch niemanden gestört, dass es im 1. Wahlgang auch nur ein paar hundert Stimmen mehr waren.
Gilt wohl nur dann, wenn die Entscheidung passend zur Gesinnung ausfällt!

derdrittevonlinks
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Nein, ...

... die Volksabstimmung bezieht sich dann nur auf das persönliche und emotionale Bedürfniss der Einzelnen und nicht auf das Wissenschaftliche und den Verlust von Leben an sich.
Wirtschaftspolitik zeigt dem Leben meist nur die Fratze, Wissenschaft hingegen lässt in die Zusammenhänge des Lebens blicken.

derdrittevonlinks
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Und um es einmal aus der Psychosomatik zu sehen, ..

.... hier ein Bild quasi:

Ihr habt meiner Mutter die Gebärmutter genommen, ich als Rachebeauftragter für die Mütter und die Herde, nehme euch den Lebensraum.

Das zieht mindestens eine Opstipation nach sich.

derdrittevonlinks
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Was den Schluss zulässt

Quasi, "Aus betriebswirtschaftlicher Ideologie brauchst in Österreich keine Straße mehr bauen."

derdrittevonlinks
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Die Verkehrsnetzdichte Österreichs ....

..... hat schon die Psychosomatik mitgebracht und jetzt in der Folgerichtigkeit zur Neurose, um Muttis Sieger zu sein, gegenüber dem Papa, nicht wahr, macht sich die Betriebswirtschaft über die sonst florierenden und somit Artenreichen Restbestände her.

derdrittevonlinks
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Was wiederum ...

.... Leben den Rücken stärkt:

"Ein Forschungsteam ist mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds (FWF) nun der faunistischen Vielfalt in der unteren Lobau auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Das Naturreservat bei Wien gehört weltweit zu den fünf artenreichsten Grundwasser-Ökosystemen."

derdrittevonlinks
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Dazu ...

"Nach wechselnden Besitzverhältnissen gelangt 1917 die Obere Lobau und erst 1973 die Untere Lobau in das Eigentum der Stadt Wien. Internationale Anerkennung erlangte die Region durch die
UNESCO-Erklärung zum "Biosphärenreservat" im Jahr 1977."

derdrittevonlinks
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Tja, ...

... und an dem Ort, welcher mein Verweilen bestimmt, wurden mit Zugvögel bislang über 40 Vogelarten gezählt, Tendenz abnehmend.
Aber und nicht nun, verzeichnet man Schmetterlingszuwachs, Hunmelarten und Heuschreckenarten sind ebenso vermehrt anzutreffen.
Quasi, das Mähwerk steht länger still.

schteirischprovessa
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Ist ja fast soviel wie in der Güssinger

Teichwirtschaft.

Luxi100761
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Klima

Müssen sich auch einrichten. Wird ein kalter Winter.

Lamax2
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Hainburg und heute

In Hainburg ging es um die Zerstörung lebenswichtiger Ökosysteme; sie wurde behindert und auch gestoppt von jungen Menschen mit Engagement und Hintergrundwissen. Heute werden Kinder aufgehetzt und an eine Front geschickt, die es nicht wirklich gibt. Wir brauchen keine Abgase, aber sehr wohl funktionierende Verkehrswege, die ja nur umgebaut und verbessert werden sollen. Es wird dadurch nicht wirklich viel Bestehendes zerstört. Es ist halt den Grünen sehr genehm, wenn sie ein paar "Gehilfen" bekommen. Mit Lastenrädern wird die Zukunft nicht zu bewältigen sein.

kukuro05
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Z.B.Graz

Wir wollten uns gestern bei dem schönen Wetter in einen Gastgarten setzen. Entweder man sitzt inmitten von Abgaswolken oder mitten in der Asphalt Wüste..
Alles wird dem Auto untergeordnet.

lucie24
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So ein Blödsinn!

Es gibt viele tolle Gastgärten und Grünflächen in Graz. Wenn es ihnen nicht passt, dann ziehen sie halt auf's Land. Eine Stadt ist eine Stadt.

newman2
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Traurige Politik

Also man lässt immer mehr Menschen zu uns, ob wir das wollen oder nicht.
Aber gleichzeitig will man Mobilität und Flächenversiegelung durch Wohnungsbau, Arbeitsstätte, Schulen, Kliniken, Geschäfte verhindern die die Menschen zum Leben brauchen.
1970 hatte Österreich 7 Mio Einwohner jetzt über 9 Mio.
Bitte schickt die Grünen Spitzenpolitiker und auch den Prof Knoflacher in die Schulbank zurück

lamagra
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"Die neuen Straßen würden mehr Autos anlocken."

Genau mit dieser Aussage wurde jahrzehntelang die GAV in Villach blockiert! Und jetzt, siehe da, ist sie die größte Entlastung für die Ossiacherzeile und somit für das Stadtgebiet. Vor allem in den Morgenstunden!

susa18
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Was Kommentatoren hier wohl nicht ganz wahr haben wollen:

Irgendjemand muss anfangen. Wenn das junge Leute sind, die an IHRE Zukunft denken, sollte es uns recht sein. Und dieser Whataboutism, dass sie Smartphones und E-Bikes benutzen, nervt. Wir werden auch nicht bei 16 Grad in unseren Wohnungen verharren müssen, wenn wir useren Lebensstil verändern, auch wenn unser junger Kanzler diese Sorge hat. Wer heute noch leugnet, dass wir unser Verhalten verändern müssen, ist von gestern. Und da war es eigentlich schon zu spät.

scionescio
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Und wieder erzeugen die Medien ein absolutes Zerrbild …

…. bei jeder Dorfumfahrung protestieren ein paar Querulanten mit Aufmerksamkeitsdefizit und niemand kümmert es (zu Recht!)
Jetzt erklärt uns eine Tanzlehrerin, die nebenbei Politwissenschaften studiert (oder zumindest inskribiert ist) was wir brauchen und zu tun haben, obwohl ihr offensichtlich dafür jegliches Fachwissen fehlt!
Aber die Medien geben diesen Wichtigmachern eine Bühne und erwecken den Eindruck, dass dieses Kasperltheater irgendeine Relevanz hat.

Patriot
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Präpotenz hat einen Namen: scionescio!

.

melahide
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@zionienchen

Du kritisierst da, dass sich die „jungen Mädchen“ die „sich nicht auskennen“ engagieren und dir „was vorschreiben“. Du machst aber genau das gleiche. Du willst den jungen Leuten vorschreiben, ruhig zu sein. Der Unterschied? Es geht um DEREN Zukunft und DEREN Welt. Du wirst den Lobautunnel, die Grazer U-Bahn (falls ein Bau erfolgt) bzw. eine emissionsfreie Welt aufgrund deines Alters wohl nicht mehr erleben. Und wenn „alte Männer“ sich einbilden zu wissen, was“die jungen“ brauchen, ist das ziemlich vermessen.

rb0319
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@scionescio

Was haben Sie denn studiert, da Sie offensichtlich genau beurteilen können, was daran angeblich falsch ist?

scionescio
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Informatik, Elektrotechnik, Mathematik und Wirtschaft…

…. Ich kann allerdings nicht gut tanzen;-)

herwig67
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Kein Verständnis

Die Besetzer sind gegen den Verkehr mit Kraftfahrzeugen, da ja so (angeblich) umweltschädlich. Aber sie verwenden Smartphones ( umweltschädlich in der Herstellung), sie verwenden E-Bikes ( Akku ist ein Umweltgift) und fliegen wahrscheinlich auch in den Urlaub. Einfach nur scheinheilig und Wichtigtuer.

paulrandig
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herwig67

Na? Diese Woche schon ein Video gestreamt?

 
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