Streit um EvaluierungenKoalitionszwist: Was hinter dem Tunnelärger von Wien bis Lustenau steckt

Straßenbauprojekte im Osten und im Westen sorgten zuletzt für Koalitionszwist. In Vorarlberg ist ein Tunnel die vermeintliche Lösung, in Wien ist er das Problem.

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DEMONSTRATION ´GROSSDEMO GEGEN DIE LOBAU-AUTOBAHN´
Seit der Lobautunnel spruchreif ist, wird gegen ihn demonstriert - zuletzt Anfang Juli. © APA/Herbert Pfarrhofer
 

Sie tragen Namen wie Sumpfbinse, Schlammkraut oder Zweizahn. Glaubt man verschiedenen Umweltorganisationen, sind sie in Wien bald nicht mehr zu finden. Pflanzen wie diese fühlen sich in feuchten Gebieten wohl, die zeitweise auch austrocknen. Die Lobau ist ein solches Gebiet. Am Rande ihrer Altarme, um ihre dutzenden Tümpel und Lacken schlägt der Zweizahn feste Wurzeln. Durch den Bau des Lobautunnels könnte der Grundwasserspiegel derart absinken, dass vielen gefährdeten Tieren und Pflanzen die Lebensgrundlage in der Lobau entzogen wird, warnt etwa Global2000.

Die Asfinag glaubt den Umweltorganisationen nicht. Sie sieht im Lobautunnel "einen Tunnel für Mensch und Umwelt". 2005 präsentierte die Autobahngesellschaft erste Pläne der Streckenführung, spätestens seitdem wird in Wien über die Sinnhaftigkeit des Tunnels diskutiert. Aus Sicht des Straßennetzes liegen die Vorteile auf der Hand. Rund 200 Kilometer ist der Autobahnring um die Bundeshauptstadt lang, etwa 18 Kilometer fehlen noch, zwischen dem Knoten Schwechat und Süßenbrunn im Nordosten. Die Umfahrung, deren Teil der Lobautunnel ist, würde diese Lücke schließen und Österreichs meistbefahrene Straße, die Südost-Tangente A23, massiv entlasten, argumentieren Befürworter.

Dem nicht genug, auch die Stadtentwicklung hängt an dem Projekt. Wie die Wiener Verkehrsstadträtin Ulrike Sima (SPÖ) erst kürzlich betonte, könnten ohne die Lobauautobahn und die daran anknüpfende Stadtstraße neue Stadtteile um die Seestadt Aspern nicht realisiert werden. Wohnungen für 60.000 Menschen könnten nicht gebaut werden, rechnete Sima vor. Hinter sich hat Sima eine breite Allianz aus SPÖ, ÖVP, FPÖ und Wirtschaftskammer versammelt.

"Mehr Straßen locken mehr Autos an"

Diese Kalkulation ist zu kurz gegriffen, schreibt Herrmann Knoflacher. Der Verkehrsforscher hat 2018 im Auftrag von Maria Vassilakou (Grüne), der Vorvorgängerin Simas, eine Studie zum Lobautunnel mitverfasst. Der knappe Schluss: "Der Lobautunnel ist nicht erforderlich." Die A23 würde nur kurzfristig entlastet werden. Nach wenigen Jahren seien zwei Effekte zu erwarten, die nach großen Straßenbauprojekten in aller Welt zu beobachten sind: Mehr Straßen locken auch mehr Autos an, und mehr Autoverkehr fördert die Zersiedelung. Der Bau des Tunnels würde langfristigen Zielen der Stadtentwicklung widersprechen. Seit Jahren reden Stadtpolitiker von einer "Stadt der kurzen Wege" und dem Ziel, mehr Menschen in die öffentlichen Verkehrsmittel zu bringen.

Die Wiener Grünen fanden sich während ihrer Regierungsbeteiligung zehn Jahre lang im Dilemma, als erklärte Gegner des Tunnels mit der SPÖ zu regieren. Weil Autobahnen aber ohnehin Bundessache sind, mutierte der Tunnel nie zur Sprengfalle der Koalition. Für die Grünen hat sich zwar der Koalitionspartner und die Ebene geändert, das Dilemma bleibt. Mit der Ankündigung, Autobahnprojekte im ganzen Land einem Klima-Check zu unterziehen hat Ministerin Gewessler nicht nur in der Lobau ein Erdbeben ausgelöst.

Tunnel in Vorarlberg erwünscht

Während die Alternative zum Lobautunnel explizit keine Straße ist, ist in Vorarlberg ausgerechnet ein Tunnel die erwünschte Lösung der Grünen. Der im Nationalrat dazu beschlossene Antrag spricht statt der S18 bei Lustenau dezidiert von einer Verbindung der österreichischen und der Schweizer Autobahn bei Hohenems und Diepoldsau, die eine Untertunnelung des Rheins vorsieht. Mehr Informationen sind dafür bitter notwendig, diesseits und jenseits der Grenze.

Der St. Gallener Regierungsrätin Susanne Hartmann zufolge wurde der Tunnel bisher zwar auf seine bauliche Machbarkeit überprüft. Zu verkehrlichen, umweltrechtlichen und raumplanerischen Aspekten würden noch zu wenig Daten vorliegen. Ins selbe Horn bläst er oberste Verkehrsplaner des Landes Vorarlberg, Jörg Zimmermann. Er sieht darin keine Alternative: "Es hat keine große überlokale Entlastungswirkung. Es liegt in der Kategorie Landes- oder Kantonalstraße", sagte er kürzlich den „Vorarlberger Nachrichten“.

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Danke für Ihr Verständnis.

Hirtler Peter
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Tunnelärger

Sorry der Titel von vorhin sollte Tunnelärger heißen

Hirtler Peter
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Tunneljäger

Lieber Herr Schöggl.

Auf Seite 10 unter 2 sollte es doch heißen:

Lückenschluß Judenburg - St. Georgen ob Judenburg und nicht St. GEORGEN/Murau.

LG

crawler
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Also

ich bin nicht in Wien wohnhaft. Wenn es aber die vorgesehene Stadterweiterung mit dringend benötigten Wohnungen geben sollte, kann ich mir gut vorstellen, dass man an einer Untertunnelung nicht so leicht vorbei kommt. Dabei können auch die von Global2000 so dringend benötigten Pflanzen ungestört weiterwachsen. Der Lkw-Verkehr auf Schiene wird noch lange ein frommer Wunsch bleiben, solange die Anrainerstaaten da nicht mitmachen. Das Strassennetz nicht zu benutzen, kann man ihnen jedenfalls nicht (so schnell) verbieten. Wie man erst kürzlich von einem Fachmann gehört hat, wird sich der Verkehr der Zukunft eher mehr unter der Erde bewegen, will man die Flächen ober der Erde mehr zur Nahrungsgewinnung nutzen. Emissionen werden aber Beide Varianten nicht verhindern, solange es Durchzugsverkehr gibt.

umo10
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Wenn LKWs auf der Schiene fahren werden

Entspannt sich der Straßenverkehr von alleine 😜

nasowasaberauch
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Und seit wann lohnt sich das wirtschaftlich absolut nicht?

Seit dem es propagiert wird.

Milchmädchenrechnung: nehmen die alle lkws die innerhalb einer Stunde auf der Autobahn eine unserer Grenzen passieren. Stellen sie sie auf mehrere Züge. Über den Daumen gibt es 11 Autobahn Grenzübergänge. Also benötigen wir damit wir von jedem Grenzübergang zu jedem Grenzübergang fahren können 11 x 11 = 121 Züge die im Stundentakt alle Grenzübergänge ansteuern. (Ich weiß, nicht alle Verbindungen machen Sinn). Noch dazu gibt es nicht einmal an allen Autobahn Grenzübergängen überhaupt schienen, geschweige denn die geographischen Möglichkeiten die Schienen zu verlegen (Freistadt, Passau, ?).

Unsere Schienen Netz ist weit davon entfernt 24 x 121 = 2904 Züge täglich quer durch unser Land zu jagen. Zusätzlich zum bisherigen Güter und Personen Verkehr.

Kein Frächter würde seine Mitarbeiter länger als Stunde bezahlt auf einen Zug warten lassen. Vor allem, wenn man die meisten Transit Fahrten durch AT zwischen 1-3 Stunden liegen. Ist doch komplett absurd.

Aktuell sind Die Terminals dazu sind noch alle mitten in der Stadt. Also müssen alle lkws, die jetzt um die Städte herum fahren mitten in die Stadt rein. Die gehen ja jetzt schon im Verkehr unter. Das kam also die Lösung sein.

Sinn machen würde das alles nur, wenn es Europa übergreifend geplant wird. Dazu hat die EU so viel ich weiß aber gar nicht die Befugnis. Und ich sehe auch nicht, das die Länder die Kompetenzen abgeben werden.