Dritte CoronawelleGartlehner: "Wir haben fast zwei Epidemien parallel laufen"

Die dritte Welle der Pandemie ist in Österreich angekommen, das bestätigen heimische Wissenschaftler. Um das Infektionsgeschehen in den Griff zu kommen, müsse man rasch handeln und nicht wie im Herbst 2020 wochenlang zuwarten, sagen Peter Klimek und Gerald Gartlehner im Gespräch.

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Gerald Gartlehner, Epidemiologe an der Donau Universität Krems
Gerald Gartlehner, Epidemiologe an der Donau Universität Krems © (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
 

"Es ist auf jeden Fall eine dritte Welle, die Frage ist aktuell nur, wie hoch sie wird", sagt Komplexitätsforscher Peter Klimek (Complexity Science Hub Vienna). Diese Entwicklung sei auch keine Überraschung, der Anstieg der Fallzahlen sei seit Anfang des Jahres zu beobachten. 

Mit Entwicklung meint Klimek das aktuell sehr hohe und stetig steigende Niveau der täglichen Neuinfektionen. Am Freitag meldeten Innen- und Gesundheitsministerium 2668 neue Covid-19-Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz für gesamt Österreich liegt bei 172, wobei es etwa mit Hermagor, Schwaz oder auch Wiener Neustadt massive regionale Unterschiede gibt.

Noch am Montag hat die Bundesregierung Lockerungsschritte bekanntgegeben, am Donnerstag schon meinte aber Gesundheitsminister Rudolf Anschober: "Wir stehen heute da wo wir im Herbst schon einmal waren." Und: "Wenn es uns nicht gelingt, die Zahlen zu stabilisieren, droht uns eine dramatische Situation." Ein Grund für die "dramatische Situation" ist die ansteckendere britische Virusvariante B.1.1.7, die vor allem in Ostösterreich stark verbreitet ist. "Der gleichzeitig Rückgang des Wildtyps, also die ursprünglichen Variante des Coronavirus, hat im Jänner und Februar für eine scheinbare Stabilisierung der Fallzahlen gesorgt", sagt Klimek. 

Ähnlich sieht das auch Gerald Gartlehner, Epidemiologe an der Donau Universität Krems. "Wir haben fast zwei Epidemien parallel laufen." Jene des Wildtyps habe man mit einem Reproduktionswert von eins gut im Griff. "Doch bei der britischen Variante ist das Bild ein anderes, diese verbreitet sich rasend schnell hier liegt der R-Wert über eins." Der R-Wert im ganzen Land liegt aktuell rund um 1,3. 

"Die Lage ist weit davon entfernt, stabil oder unter Kontrolle zu sein", sagt Klimek. Was muss also passieren, welche Maßnahmen müssen gesetzt werden? Das Infektionsgeschehen alleine mit Tests zu kontrollieren würden nicht funktionieren, so Klimek. "Dafür testen wir zu wenig und mit zu wenig sensiblen Tests." 

Schnelle, regionale Maßnahmen

Um die Lage zu stabilisieren brauche es regionale Verschärfungen, nicht Öffnungen. Damit meint Klimek die geplanten regionalen Öffnungen in Vorarlberg. "Auch dort verbreitet sich die britische Variante zusehends." Weitere großflächige Schließungen, sprich ein weiterer Lockdown, könnten noch verhindert werden, wenn ein starker Anstieg der Infektionszahlen bis nach Ostern verzögert werden kann, könnte das Trio Tests, Impfungen und Saisonalität helfen. Aber nur unter der Prämisse, dass "jetzt regionale Maßnahmen konsequent und rasch umgesetzt werden. Da geht es um jeden Tag", so Klimek. 

Peter Klimek
Peter Klimek Foto © (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

"Warum Hermagor zum Beispiel nicht schon lange abgeriegelt wurde, ist die Frage", sagt Gartlehner. Eine der Begründungen für die verzögerte Abriegelgung war, dass es aktuell nicht genügend Testkapazitäten geben würde. "Da fragt man sich schon, was ist in den letzten Wochen passiert?" Auch das halbherzige Vorgehen in Schwaz oder im Pongau sei nicht nachvollziehbar. 

Was ist das Ziel? 

"Es darf uns nicht noch einmal passieren, zu spät zu reagieren, wie im Herbst", mahnt Gartlehner im Hinblick auf die Spitalskapazitäten. Einen genauen Zeitpunkt für neuerliche Verschärfungen festzumachen, sei schwierig. "Aber wenn wir bei 3000 bis 3500 Neuinfektionen täglich sind, wird es kritisch."

Klimek vermisst ein konkretes Ziel im Kampf gegen die Pandemie. "Im Herbst war es die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Ist es das immer noch? Es braucht eine klare Kommunikation der Kriterien und Ziele", meint er in Richtung Bundesregierung. "Wir haben uns eine erstklassige Infrastruktur aufgebaut, die Varianten zu überwachen, aber wir tun nichts mit dem Wissen. Das muss sich ändern." 

Kommentare (56)
Stefan123
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Wenn ich mir die Leserbriefe so ansehe

hat die Regierung in ihrer Panikmache, sehr viele erreicht.
Viele schreiben glaube ich wirklich aus einer Angst heraus, die ich gut nachvollziehen kann.
Zum Glück sind hier wahrscheinlich wenige dabei, die einen massiven wirtschaftlichen Schaden erleiden.
Die Meinung von Experten, welche sich mit den Langzeitfolgen der Schäden die Kinder erleiden auseinandersetzen, hört man kurz und blendet sie wieder aus.
Hätte Österreich und die EU Ihre Hausaufgaben gemacht, wäre alles schon so gut wie vorbei.
Warum wurden nicht zuerst die alten Menschen geimpft?
Ich brauche keine Pfleger zu vorrangig zu impfen von denen kein einziger verstorben ist!

Amadeus005
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Die Realität zeigt den Politikern dass Klientelpolitik Limits hat

“Geld regiert die Welt” hört hier auf und Expertenmeinungen können halt nicht durch schwere Reden aufgehoben werden. Ist dem Virus eher egal.

edi99
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Es leben die Experten, ein dreifach Hoch, und jeder Corona-Mutation ihre Pandemiewelle!

Und ihre Berichterstattung, ihren Lockdown, ihre Impfung, ihren Eintrag im grünen Impfpass ...
Es sieht so aus, dass wir nie mehr rauskommen, nach dem Sommer kommt der Herbst ...

mtttt
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Newsmüde ?

Im Stundentakt kommen neue Kenntnisse. Die Virologen wissen warum. Aber es zum Volk durchbringen, erklären dass Missbrauch der gutgemeinten Ausnahmen eine volkswirtschaftliche Schädigung sind, ist eine politische Aufgabe. Es ist nicht gelungen, die ganzen Einschaltungen, obwohl sie der Regierung viel Geld gekostet haben, wirkten eher infantil, zum Weghören. Die Hoffnung auf Vernunft der Spezies Mensch ist nicht gegeben, hartes Durchgreifen a la Suedkorea oder gar China ist nicht umsetzbar. Also bezahlen WIR mit langer Durststrecke´, die Schäden der Undiszipliniertheit (vulgo Freiheit) wird noch die nächste Generation abarbeiten müssen. Wird also nur die Durchimpfung helfen.

duerni
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Epidemien sind SEUCHEN - und wir haben nicht zwei dieser Seuchen sondern eine Vielzahl davon!

Dieses Sars Cov 2 hat es geschafft uns zu zeigen, dass unsere Art zu leben - auf Dauer - nicht funktioniert. Vor dieser Seuche waren wir bestrebt, möglichst VIEL zu möglichst WENIG GELD zu konsumieren. Konsumieren - Vereinnahmen - von Gütern und Vergnügen - und das bis zum Abwinken - war unser Credo.
Dann kam, aus einem wolkenlosen Himmel, die Seuche - zuerst ignoriert und plötzlich bestimmend! Ein Volk reagiert immer erschrocken, wenn es um seine Gesundheit geht - und eine Seuche zerstört Gesundheit katastrophal.
Und auf eine Katastrophe waren und sind wir ALLE nicht vorbereitet - auch heute nicht.
Umso mehr wäre es sinnvoll, dieses Ereignis zum Anlass zu nehmen, dass wir ALLE unsere Art zu leben überdenken.
Geiz ist nicht geil - Geiz ist "entbehrlich".

joe1406
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Philosophische Betrachtung

Geht aber am Thema vorbei - nach der Pandemie wird die "Genusssucht" nur noch ausgeprägter sein, raikaler und noch rücksichtsloser. Nicht vergessen wir sind in den 20er Jahren, vor 100 Jahren war es der 2. Weltkrieg und die spanische Grippe. Und ab 2023 wird wieder das radikale süße Leben ausbrechen - da wird alles nachgeholt ohne Rücksicht auf Verluste!

dude
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Sie werden leider auf Punkt und Beistrich recht haben, lieber Joe!

Bis dann - ebenfalls nach 100-jähriger Pause - 2028 die nächste Weltwirtschaftskrise (Umwelt, Klima, Massenmigration) über die Menschheit hereinbricht. Eventuell dann die letzte...
Theoretisch könnten wir so gut aus der Geschichte lernen.

Raisa
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Es gibt nur eine Möglichkeit.Sämtliche notwendigen Maßnahmen ab sofort!!!!!

Ab sofort!

hansi01
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Was sind das für Wissenschaftler?

Die 3. Welle haben wir hinter uns. Wir steuern Richtung 4. Welle.
Für die Wissenschaft:
1. Welle Frühjahr 2020
2. Welle Herbst 2020
3. Welle Rund um Neujahr
4. Welle , voraussichtlich Ostern 2021
Jede Welle war mit einem Lockdown verbundenen

future4you
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Ganz einfach

weil Wählerstimmen wichtiger sind als die Gesundheit der Menschen.

Wendel1980
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Die Dauerbeschallung

durch die Experten ist ermüdend. Heute las man, dass in ganz Europa unabhängig, ob in den jeweiligen Ländern ein harter Lockdown oder wie bei uns ein „softer“ Lockdown herrscht, die Zahlen wieder steigen.

Und da soll noch irgendeiner dieser Experten erklären, dass Lockdowns wirken würden. Ich fürchte: Ohne Impfung macht das Virus was es will und wir opfern umsonst unsere Wirtschaft.

beneathome
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Ausnahmsweise ist RW mal

als positives Beispiel zu nennen. Alle anderen sind im Augenblick verantwortungslos. Leider wirkt die Regierung völlig kopflos.

lapinkultaIII
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Sehr viele hier sind dagegen

Ja, dagegen! Egal was es ist. Zu früh, zu spät, zu wenig, zu viel.

Disziplin wäre gefragt - aber das schmeckt nicht. Also suchen wir Schuldige, nur, das funktioniert offenbar nicht. Disziplin bedeutet manchmal auch Selbstbeschränkung - aber das wollen wir nicht, würde ja Verzicht bedeuten.

Den Verzicht soll uns gefälligst die Regierung abnehmen und richtige Entscheidungen treffen.... ich sehe schwarz.

Aber nicht wegen der Regierung, sondern wegen der Menschen in diesem Land.

Ich bin kein Fan von Kurz oder Anschober. Aber es könnte schlimmer sein, als mit diesen beiden!

Stony8762
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lapi

Das könnte es sicher! Ich stelle mir gerade Kickl als Kanzler vor und Küssel als Strippenzieher im Hintergrund! Grauenhaft!

jaenner61
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lapin

sie haben das bestens formuliert und zu 100 prozent recht. es ist eben immer leichter, andere für die eigenen fehler verantwortlich zu machen. und ja, manches ist in anderen ländern sicher besser gelaufen, einiges aber auch schlechter. im nachhinein ist es immer leicht, entscheidungen zu kritisieren. was soll und kann unsere regierung zb bei der für heute erwartenden demo in wien gegen 1000e teilnehmer machen, ohne dann in der luft zerrissen zu werden? tränengas, wasserwerfer, schlagstöcke und gummigeschosse? wohl eher nicht! man kann nur die teilnehmer kritisieren, in wahrheit sind der polizei die hände gebunden, und sie können nur das ganze so geordnet als möglich zu lenken versuchen. die einzige möglichkeit ist, die leute einzeln“heraus zu fischen“ die personalien aufzunehmen, und ordentlich zu strafen falls sie gegen die maßnahmen verstoßen.

blackpanther
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Hauptsache

Tausende FPÖler, Rechtsradikale, Coronaleugner und Lemminge, die nicht wissen was sie anrichten demonstrieren morgen in Wien - das Virus wird sich freuen. Wenn diese Chaoten glauben, sie können mit ihrem hirnlosen Geschrei das Virus vernichten, dann zeigt das ihre Intelligenzbefreiung.

hewinkle10
26
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Es ist ganz einfach zu erklären, warum Hermagor noch nicht abgeriegelt wurde

Die Politiker checken es leider nicht. Sie glauben den Experten nicht. Sie sind wie Kinder die ans Christkind oder den Osterhasen glauben. Wenn sie die Augen schließen sind sie unsichtbar. Wenn man tief fällt schlägt man allerdings hart auf. Diese Erfahrung kommt demnächst. Egal ob rot in Kärnten oder türkis-grün im Bund....alle werden hart aufschlagen, weil eben der Wunsch nicht Wirklichkeit ist!

scaramango
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Ganz einfach....


.... WAHLEN - nicht mehr und nicht weniger!

Kein Bürgermeister, Landeshauptmann, Bezirkshauptmann hat den Mut und die Courage vor Wahlen möglicherweise unbeliebte Maßnahmen zu ergreifen, schon gar nicht in einem Bezirk, in dem die Menschen frei in den Medien sagen, dass sie sich an keine Maßnahmen halten.

lapinkultaIII
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Oida,

moch´s besser! und schwurbl nicht rum.

demitigo
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oLTa

.

future4you
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Aufruf zu Demonstration

Und die Freiheitlichen rufen zur Demo auf. Wann wird denn den letzten verbliebenen Wählern klar, dass denen die Gesundheit der Menschen wurscht ist?

calcit
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Es wird das nächste Disaster...

... und diesmal wird es die „Jüngeren“ treffen, so um die 55-65... Mit Mai bis Juni werden wir wohl dann bei 15.000 bis 20.000 Toten liegen...

Stony8762
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calcit

Aber Hauptsache, unsere Möchtegerndenker können sich bald wieder dumm und deppert saufen!

calcit
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Ja liebe Rotstrichler ...

...ich hatte bereits bei meiner Prognose im August 2020 recht...ich mach mir mal eine Screenshot und dann sehen wir im Juni 2021 weiter...

Stony8762
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Es wird nichts anderes übrigbleiben als die angekündigten Lockerungen zurückzunehmen!

demitigo
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nun ja....

die meisten Ansteckungen passieren "im Haushalt" bzw. privat mit "unbekanntem Ursprung".... Klar helfen die Maßnahmen in Summe mit, aber wenn inzwischen rund. 25% der ÖsterreicherIn offen zugeben, in der Sommerzeit (für mich also ab Mai) die Maßnahmen nur noch teilweise bzw. 10% jetzt schon nicht mehr einhalten zu wollen hilft nur noch eins:

Radikaler Lockdown für 4-6 Wochen (am besten jetzt bis nach den Ostern), damit man mit April gut in den heurigen Sommer (bestenfalls wie 2020) gehen kann!.... leider....

 
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