Welche Rolle spielen Kinder in der Ausbreitung der Pandemie?

Antwort: Dazu müsse man mehreren Faktoren betrachten, sagt Volker Strenger, Infektionsexperte der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Zunächst die Frage: Wie häufig stecken sich Kinder an? "Überblicksstudien haben gezeigt, dass sich Kinder unter 14 Jahren nur etwa halb so häufig mit dem Virus anstecken wie Erwachsene", sagt Strenger. Das Ansteckungsrisiko von Jugendlichen hingegen ist vergleichbar mit dem von Erwachsenen. Dass Kinder deutlich seltener erkranken und wenn überhaupt nur milde Symptome zeigen, wurde laut Strenger in „allen weltweit verfügbaren Daten“ gezeigt.

Und schließlich die Frage: Wie ansteckend sind Kinder? Eine viel diskutierte Studie des deutschen Virologen Christian Drosten kam zum Schluss, dass Kinder eine ebenso hohe Viruslast tragen wie Erwachsene und daher genauso ansteckend seien. Hier hält Strenger dagegen: "Die Menge von Viruspartikel auf einem Abstrichtupfer ist nicht mit der Ausscheidung von infektiösen Viren gleichzusetzen." Kinder hätten ein geringeres Atem- und Hustenvolumen. Clusteranalysen hätten gezeigt, dass bis dato keine Superspreading-Events beobachtet wurden, die von Kindern ausgehen. Außerdem gehen Ansteckungsketten auch im Bildungsbereich meist von Erwachsenen aus, nur selten von Kindern.



Ab wann gilt ein Kind als gefährlich fiebrig?

Antwort: Der Leitfaden der oberösterreichischen Bildungsdirektion sorgt für Diskussion: Demnach müssen Kinder mit banalen Atemwegsinfektionen auch mit Körpertemperatur bis knapp unter 38 Grad der Schule nicht zwingend fernbleiben. "Solche allgemeinen Grenzwerte festzulegen, ist sehr schwierig", sagt Facharzt Strenger. Es hänge davon ab: Wie wurde Fieber gemessen? "Und ein Kind, das sich schlecht fühlt, aber vielleicht nur 37,8 Grad Temperatur hatte, ist trotzdem krank."



Warum raten manche Experten nun wieder zu Schulschließungen?

Antwort: Strenger zitiert Studien aus Australien, Frankreich, Irland und UK, die zeigen, dass es in Schulen, wo Infektionsfälle auftraten, trotz hunderter enger Kontakte nur sehr wenige Übertragungen stattgefunden haben. Für Strenger bemerkenswert: "In den Sommerferien stieg der Anteil der coronainfizierten Kinder in Österreich sogar an." Die ferienbedingte Schließung habe also nicht zu einem Rückgang der kindlichen Infektionen geführt.

Zu einem konträren Ergebnis kommt Peter Klimek, Komplexitätsforscher am Complexity Science Hub Vienna: Er und sein Team analysierten, welche Coronamaßnahmen international Wirkung zeigten und kam zum Schluss: Schulschließungen sind die effektivste Maßnahme. Das ließe sich auch darauf zurückführen, dass Eltern durch Homeschooling mehr zu Hause bleiben müssten. Auch Israel macht die Öffnung der Schulen für den zweiten Shutdown im Land verantwortlich.

Strenger entgegnet, dass Schulöffnungen ja meist gleichzeitig mit anderen Maßnahmen einhergehen – hier genau zu unterscheiden, was zu einem Anstieg der Infektionsfälle geführt habe, sei sehr schwierig. Und: "Wenn wir durch Schulschließungen die sozialen Kontakte der Schüler nur aus den Schulen hinaus verlagern, wo es keine Abstandsregeln mehr gibt, ist die Sinnhaftigkeit sehr fraglich", sagt Strenger.



Wie ist die Strategie der Bundesregierung?

Antwort: Abgesehen vom Wechsel der Oberstufenschulen in das "Distance Learning" vergangene Woche durften die restlichen Schulen geöffnet bleiben. Was weitere Verschärfungen anbelangt, könnte es morgen neue Entwicklungen geben. Dann werden erstmals aussagekräftige Zahlen vorliegen, ob der Lockdown greift. Wichtig sei "Balance zwischen Gesundheitsschutz und berechtigten Interessen auf Bildung".



Wovor warnen Experten, wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen?

Antwort: Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde will bessere Präventionsmaßnahmen in den Bildungseinrichtungen statt Schulschließungen. Geschlossene Schulen hätten "weitreichende Auswirkungen auf das soziale, psychische und geistige Wohlbefinden der Kinder".

Konnte Fernlehre die Corona-Infektionszahlen zuletzt nach
unten drücken?

Antwort: Nach aktuellen Daten des Bildungsministeriums dürfte die Umstellung auf "Distance Learning" in den Oberstufen die Verbreitung des Virus unter Schülern bisher nicht ausgebremst haben. In Salzburg und Tirol etwa ging nach der Umstellung der Anteil der 15- bis 19-Jährigen unter allen Covid-19-Fällen zwar zurück – allerdings weniger stark als der Anteil jener 10- bis 14-Jährigen, die weiterhin gewöhnlichen Präsenzunterricht besuchen.