Durch aktuelle Fälle wird das Thema Mobbing und Gewalt an Schulen wieder akut - so berichten Lehrer von Übergriffen durch Schüler. Tatsächlich wird in kaum einem anderen Land so viel gemobbt wie in Österreich.

Sie treten zu, auch wenn der andere schon auf dem Boden liegt. Sie reißen sich an den Haaren und schlagen sich mit Fäusten: Die Schule ist ein Ort, an dem viele Kinder und Jugendliche zeigen, wie gewalttätig sie sind.

Im Jahr 2017 hat es 835 Anzeigen wegen Körperverletzung beziehungsweise schwerer Körperverletzung gegeben. Ist das ein Beleg dafür, dass die Kinder heute aggressiver und brutaler als früher sind?

„Nein, dieser Vergleich lässt sich nicht ziehen, denn die Möglichkeit, Anzeige zu erstatten, gibt es erst seit einigen Jahren“, betont die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel. Auch die Sensibilisierung im Umgang mit dem Thema Gewalt an den Schulen hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt.

Jeder fünfte Bub ist Opfer

„Das Wissen, dass man heute eine Anzeige erstatten kann, führt dann natürlich auch dazu, dass es mehr Schüler tun“, sagt die Psychologin. Was sich allerdings nicht leugnen lässt: In kaum einem anderen Land wird in den Schulen so viel gemobbt wie bei uns.

Das belegt auch der letzte OECD-Report „Skills for Social Progress: The Power of Social and Emotional Skills“ - eine Untersuchung, die alle vier Jahre durchgeführt wird. Demnach hat Österreich im Vergleich von 27 Ländern die höchste „Bullying“-Rate.

Bullying umschreibt das Phänomen, dass ein Einzelner von einem oder mehreren in seiner Gruppe schikaniert wird. Wie sich das anfühlt, weiß einer von fünf Buben. Insgesamt sind 21 Prozent der österreichischen Schüler davon betroffen. Dieser Anteil ist doppelt so groß wie im OECD-Schnitt, der bei elf Prozent liegt, und fünfmal größer als in Schweden, wo vier Prozent der Schüler Opfer von Mobbing sind.

Kinder mit wenig Empathie

Ein Wert, der Spiel nicht überrascht: „Österreich hat bei Studien über Bullying und Mobbing immer schon schlecht abgeschnitten.“ Die Ursachen dafür ortet sie auf unterschiedlichen Ebenen.

Wenn Kinder Gewalt ausüben, hat das oft mehrere Ursachen. „Es gibt Kinder, die weniger Empathie haben, Kinder, die Lust oder sogar Freude daran empfinden, andere zu quälen. Und es gibt Kinder, die selbst in der Familie Gewalt erfahren“, zählt Spiel auf.

Doch nicht alles dürfe den Kindern zugeschrieben werden. Denn letztlich entscheidet das System, wie mit dem Thema Gewalt umgegangen wird. Es gibt Mechanismen, die Gewalt fördern oder eindämmen.

„Zum einen ist die Rolle der Peers, also der Gleichaltrigen, besonders wichtig. Greifen die Kinder ein und unterbinden sie Gewalt oder schauen sie weg und sind ängstlich“, erklärt die Bildungspsychologin. Daneben sei in dieser Frage natürlich auch die Rolle der Schule entscheidend.

Gewalt einzudämmen funktioniert nur, wenn sich die Lehrerschaft darin einig ist, geschlossen dagegen vorzugehen und Gewalt in keiner Form zu dulden. „Konsistenz und Konsequenz sind wichtig im Umgang damit. Doch diese Einigkeit fehlt bei uns an vielen Schulen. Das sehen wir auch im Vergleich zu anderen Ländern“, erklärt Spiel.

Eltern sind gefragt

Doch letztendlich ist es die Gesellschaft, die den Umgang mit Gewalt festlegt. „Es ist auch eine Kulturfrage, das heißt, wie bereit sind Erwachsene, eine klare Haltung zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen und gegen Gewalt einzuschreiten“, so die Expertin.

Verantwortung im Umgang mit Gewalt müssen natürlich auch die Eltern zeigen, indem sie klare Grenzen aufzeigen, nicht alles durchgehen lassen, entschieden gegen Gewalt sind, sich von ihren Kindern nicht gegenseitig ausspielen lassen. Etwas, was heute viele Väter und Mütter verabsäumen, „oft aus einer Unsicherheit heraus, vielen Eltern fällt es schwer, sich klar zu deklarieren und konsequent zu sein.“

Grenzen geben Sicherheit

Doch Kinder brauchen Grenzen, „die geben ihnen Sicherheit, auch wenn sie dagegen rebellieren“. Dass der sogenannte autoritative Erziehungsstil der erfolgreichste ist, belegen inzwischen zahlreiche Studien. Eltern, die ihre Kinder autoritativ erziehen, pflegen einen liebevollen Umgang mit dem Nachwuchs, setzen gleichzeitig aber auch klare Grenzen. „Eine Kombination aus Freiheit und Autorität also“, fasst Spiel zusammen.