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„Die Russen haben im Drohnenkrieg aufgeholt“

Militäranalyst Franz-Stefan Gady, zurück von einem Frontbesuch in der Ukraine, sieht die ukrainische Armee bei Drohnen unter Zugzwang. Einen Einbruch der Front selbst erwartet er dennoch nicht.

Russische Drohne | Mit Drohnen, auch in Wohngebieten, versucht Russland, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben
© AP
Russische Drohne|Mit Drohnen, auch in Wohngebieten, versucht Russland, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben
Nina Koren
Ressortleiterin Außenpolitik & International

„Die Bedrohungslage für die Zivilbevölkerung in der Ukraine hat zugenommen: Es gibt praktisch keine Stadt, wo die Menschen nicht permanent aufpassen müssen, ob von oben nicht gerade eine tödliche Gefahr auf sie zukommt“: Franz-Stefan Gady, Militäranalyst, hat die letzten Wochen in verschiedenen Regionen der Ukraine verbracht, und er sieht die Lage in den Städten wie auch an der Front verändert – das hänge stark mit dem Drohnenkrieg zusammen. „Die Ukrainer haben ihre Strategie auf dem Bau und Einsatz von Drohnen aufgebaut und waren anfangs auch sehr erfolgreich damit“, sagt Gady. Mittlerweile jedoch hätten die Russen sich dem angepasst und aufgeholt.

Schwierig, Soldaten an der Front abzulösen

Mit weitreichenden Folgen: „Der Frontbereich, den die Drohnen erreichen können, hat sich ausgeweitet. Es gibt mittlerweile keine Stellungen auf offenen Feldern mehr, weil diese zu leicht angegriffen werden könnten. Und das größte Problem der Ukrainer – der Mangel an Personal – wird erschwert dadurch, dass es durch die Drohnengefahr sehr schwer geworden ist, Soldaten an der Front überhaupt abzulösen“, berichtet Gady. Es gebe Soldaten, die seit 2024 ständig im Frontkampf stünden. „Die gefährlichste Situation ist mittlerweile nicht mehr der Kampf an der Front, sondern die Rotationen von Soldaten, wo die russischen Drohnen auch gepanzerte Fahrzeuge durchschlagen können. Dabei gibt es sehr große Verluste.“

Ständige Gefahr aus der Luft | Russische Drohnen schwirren durch ukrainische Städte
© AP/Efrem Lukatsky
Ständige Gefahr aus der Luft|Russische Drohnen schwirren durch ukrainische Städte

Weil die Drohnengefahr allgegenwärtig ist, findet auch die Versorgung der vorderen Linien vor allem über Drohnen in der Luft oder Drohnenroboter am Boden statt. Diese werden auch eingesetzt, um Minen zu verlegen oder Minen zu räumen.

Zwar sei die Moral bei den ukrainischen Soldaten immer noch hoch, aber man sehe die Müdigkeit. „Die Kommandanten versuchen, ihre Leute aufzubauen; als ein Soldat Geburtstag hatte, wurde ihm per Drohne sein Lieblingsessen an die Front gebracht“, erzählt Gady. Weil der Einsatz auf offenem Gelände nicht mehr möglich ist, hat sich alles in Wälder, Baumketten oder Dörfer verlagert. „Die Ukrainer haben im Moment einen personellen und einen materiellen Nachteil. Es wird in den nächsten Monaten sehr wichtig sein, wer diesen Kampf um die Vorherrschaft im Drohnenkrieg, also in den niedrigen Höhen des Luftraums, gewinnt“, sagt der Analyst. „Wer dieses Ringen gewinnt, könnte dann einen größeren Vorteil im weiteren Verlauf des Krieges haben.“

Enorme Verluste

Trotz aller Probleme und eines stellenweisen Vorrückens der Russen gebe es aber keine Anzeichen dafür, dass die Front zusammenbrechen werde. Auch die Russen erlitten enorme Verluste, sagt Gady.

Die ukrainische Armee setzt Boden-Roboter zur Versorgung der Front ein
© IMAGO/Jose Colon
Die ukrainische Armee setzt Boden-Roboter zur Versorgung der Front ein

Dass Donald Trump kürzlich eine kritischere Haltung gegenüber Wladimir Putin einnahm, dessen Mangel an Friedenswillen kritisierte und der Ukraine neue Waffensysteme zusagte, sei wichtig. „Die zugesagten Patriot-Luftabwehrsysteme können helfen, sich gegen die russischen Raketenangriffe zu schützen, die auf die Zermürbung der ukrainischen Bevölkerung und die Zerstörung der Rüstungsindustrie abzielen. Den Kriegsverlauf an der Front ändern können sie nicht.“

Klare Botschaft

Dass die wieder aufgenommenen Gespräche in Istanbul einen Durchbruch bringen werden, glaubt auch Franz-Stefan Gady nicht. „Es ist keinerlei Anzeichen zu sehen, dass die Russen gewillt wären, in echte und aufrichtige Verhandlungen einzutreten; Moskau hat die Entscheidung zu diesem Krieg getroffen und will ihn fortsetzen“, sagt er. „Beendet werden könnte dieser Krieg nur, wenn Putin glaubwürdig vermittelt werden kann, dass er militärisch keine weiteren Gebiete bekommen wird.“ Dafür müssten den russischen Streitkräften empfindliche Verluste zugefügt werden, sodass eine Bereitschaft zu echten Verhandlungen entstehe.

Franz-Stefan Gady | Schwierige Lage an der Front: Analyst Franz-Stefan Gady
© KK
Franz-Stefan Gady|Schwierige Lage an der Front: Analyst Franz-Stefan Gady

Die Ukrainer müssen ihren Personalmangel in den Griff bekommen – das ist schwierig, und der Westen kann dabei eigentlich nicht helfen. Die Armee braucht mehr und bessere Drohnen und strukturelle Reformen, um im Drohnenkrieg wieder das Momentum zu gewinnen. Ich gehe davon aus, dass ihnen das durchaus gelingen wird. Weiters nötig ist natürlich Militärhilfe – da kann der Westen zwar helfen, doch sind auch dem Grenzen gesetzt.“ Einfach deshalb, weil derzeit nicht so viele Patriot-Abwehrraketen und Batterien vorhanden sind wie notwendig wären.

Ein bisschen Optimismus

„Ich denke, insgesamt befinden sich die Ukrainer, was die amerikanische Unterstützung betrifft, nun dennoch in einer viel besseren Position als noch vor ein paar Monaten“, sagt Gady. Und: „Da spürt man auch in der Ukraine wieder ein bisschen mehr Optimismus.“

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