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Paul Lendvai: „Menschlichkeit ist das, was zählt“

Paul Lendvai hat zwei Diktaturen überlebt und sein Leben der Freiheit gewidmet. Die Zukunft Europas, zwischen Trump und Putin, sieht er mit Sorge.

Paul Lendvai: Kritischer Beobachter mit 95 Jahren
© Christoph Kleinsasser
Paul Lendvai: Kritischer Beobachter mit 95 Jahren
Nina Koren
Ressortleiterin Außenpolitik & International

Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden werden“, schreibt Søren Kierkegaard, und wenn jemand wie Paul Lendvai im 96. Lebensjahr steht, gibt‘s viel zu schauen. Am Dienstag erscheint sein neues Buch, in dem der Doyen des politischen Journalismus reflektiert über sein Leben – und übers Heute. Zwei Diktaturen, den Faschismus und den Kommunismus, hat der 1929 in Budapest geborene Osteuropa-Experte überlebt, fast ein Jahrhundert an Erfahrung – verkörpert in einem freundlichen Sir, der Scharfsinn und Interesse an der Welt ausstrahlt als gelte für ihn der Gang der Zeit nicht. „Ich hab mir gedacht, vielleicht interessiert es die Jungen, was ich dabei gelernt habe“, sagt er schmunzelnd im Gespräch.

Zerbrechlichkeit

Und es ist keine einfache Botschaft, die er da hat: „Demokratie ist zerbrechlich, und von einem Tag auf den anderen kann alles versinken,“ warnt Lendvai. Das habe er auf der persönlichen Ebene erlebt, etwa als seine Wohnung in Budapest 1956 durch russische Granaten zertrümmert wurde; oder 1991, als er einen Herzinfarkt erlitt und erneut knapp überlebte. Es gelte auch für Nationen: Freiheit, wie wir sie gewohnt sind, sei nicht selbstverständlich, „man muss aufpassen darauf“.

Bedroht sieht er sie in vielen Ländern der Welt, auch in seinem Geburtsland Ungarn. Umfragen sagen voraus, dass die vor knapp einem Jahr gegründete Tisza-Partei des früheren Orbán-Anhängers Péter Magyar die im Frühjahr 2026 fällige Parlamentswahl klar gewinnen könnte. „Ob Orbán eine Wahlniederlage anerkennen und akzeptieren wird? Ich habe meine Zweifel“, sagt Paul Lendvai. Die Familie und Clique um Orbán habe sich in den letzten Jahren unglaublich bereichert und viel zu verlieren.

Paul Lendvai | Paul Lendvai
© Klz / Stefan Pajman
Paul Lendvai|Paul Lendvai

Ob Orbán die ihm drohende Wahlniederlage anerkennen und akzeptieren wird? Ich habe meine Zweifel.

Europa ein sinkendes Schiff?

Große Sorgen bereitet ihm auch das Schicksal Europas, das sich, alleingelassen von der Schutzmacht USA, nun zwischen Trump und Putin selbst behaupten muss. „Wird es gelingen? Ist Europa ein sinkendes Schiff? Man kann es zum heutigen Zeitpunkt nicht sagen.“ Dass viele Entscheidungen mit Einstimmigkeit getroffen werden müssten, während gleichzeitig Regierungschefs wie Orbán und der slowakische Premier Fico vieles blockieren, sei ein ungelöster Konstruktionsfehler – „das haben die Gründungsväter der EU nicht vorausgesehen“. Dazu kämen die Probleme in den Ländern selbst: „Der deutsch-französische Motor ist entscheidend für Europa. Dass in beiden Ländern bei den nächsten Wahlen radikale Parteien, die die europäische Einigung ablehnen, an die Macht kommen könnten, ist kein gutes Vorzeichen.“

Ein Testfall

Das Schicksal der Ukraine jedenfalls sei ein „Test für die Moral und Entschlossenheit der westlichen Staaten, die erkennen müssen, dass wir alle bedroht sind, wenn ein Diktator wie Wladimir Putin, der vom großrussischen Nationalismus beseelt ist, versucht, die Entwicklungen in Europa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs umzustoßen“.

Dass Links- oder Rechtsextremisten an die Macht kommen und Europa blockieren könnten, daran haben die Schöpfer der EU nicht gedacht.

Werden die USA ihre unter Druck geratene Demokratie bewahren können? „Ich denke sie hält das aus. In den USA haben die Bundesstaaten große Kompetenzen und Gouverneure, die ein Gegengewicht zu Washington bilden.“

Das Gesetz gilt für alle

Sind die Österreicher immun gegen das Autoritäre? „Ich hoffe und denke: ja“, sagt Paul Lendvai. Es sei wichtig gewesen, dass etwa mit dem Urteil im Korruptionsprozess gegen Karl-Heinz Grasser – „obwohl dieser zu lange gedauert hat“ – demonstriert wurde, dass die Gesetze in Österreich für alle gelten.

In jedem Fall sei es wichtig, Kritik an Machtmissbrauch zu üben, solange man demokratische Verhältnisse habe. „Kritik bedeutet aber nicht pauschale Anschuldigung – man muss ganz konkret ansprechen, wo etwas schief läuft.“

Vor Despoten gewarnt

Dennoch, am Schluss entschuldigt er sich noch, dass er nicht sehr viel Optimistisches sagen konnte, aber „ich will Ihnen nur sagen, was ich ehrlich denke“. Der Gang der Weltgeschichte habe seine Identität geprägt – „als österreichischer Patriot, Ungar, Jude und Europäer“. Am Ende, so schließt er über sich selbst, sei er „ein Mensch, der sich gegen die Lüge und für die unperfekte Demokratie entschieden habe“. Ein Mensch, dem die Welt am Herzen liegt.

© Christoph Kleinsasser

Österreichischer Patriot

Zur Person

Paul Lendvai, geboren am 24. August 1929 in Budapest, floh 1957 im Zuge des Ungarn-Aufstands nach Wien. Als Journalist, Moderator und Kommentator tätig, u. a. für die „Financial
Times“ (22 Jahre), seit 2003 für den „Standard“ und 44 Jahre als Leiter des ORF-Europastudios.
Am 22. Juli erscheint sein neues Buch: „Wer bin ich?“ (Zsolnay). Darin verknüpft er Biografisches aus seinem Leben mit Weltpolitischem.

Paul Lendvais neues Buch | Paul Lendvais neues Buch
© Zsolnay
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