„Ich halte nichts von dem Wort Nationalstadion“
Die Europameisterschaft ist vorbei, das Nationalteam blickt nach vorne. ÖFB-Präsident Klaus Mitterdorfer spricht über die EURO, die Causa Rangnick/Bayern und erklärt, an welchen Stellen der Kärntner Fußball krankt.
Wie war Ihre Gemütslage am 2. Juli um circa 23 Uhr?
KLAUS MITTERDORFER: Es wäre natürlich schön gewesen, wenn unser Team noch ein K.o-Spiel gewinnt, an diesem Tag gegen die Türkei wollte es eben nicht sein. Wir haben leider blöde Tore kassiert und trotz Chancen zu wenige geschossen. Ich glaube aber, wir haben bei dieser EM in Summe sehr viel bewegt und Begeisterung für den Fußball wecken können.
In Österreich ist die Stimmung oft himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Nach dem Gruppensieg sahen Österreich manche schon als Europameister. War diese Erwartungshaltung nicht völlig überzogen?
Ich habe hier einen anderen Zugang: Man muss mit Einsatz, Einstellung, Herz, Leidenschaft und natürlich Qualität schauen, dass man bestmöglich performt und daran glauben – mit einer Mischung aus Freude und Mut, aber keiner Überheblichkeit. Das Ziel war es, in dieser schweren Gruppe das Achtelfinale zu erreichen. Niemand hat damit gerechnet, dass wir da Erster werden, das hat sich perfekt ergeben.
Muss man sich eingestehen, dass Österreich, etwa auf der Stürmerposition, einfach nicht die Qualität hat, um auch einmal ein Viertel- oder Halbfinale zu erreichen?
Es wird vermutlich Mosaiksteine geben, an denen man noch drehen kann, ich will hier aber keine einzelnen Positionen ansprechen. Ich glaube, es gibt Themen, wo wir in der Talententwicklung nachschärfen können, damit man mit den ganz Großen in einem Turnier mithalten kann. Das ist den Verantwortlichen aber auch bewusst.
Nach der EURO 2024 ist vor der WM 2026, die erstmals mit 48 Mannschaften stattfinden wird. Ist die Qualifikation für dieses Turnier Pflicht?
Pflicht ist eine schwierige Bezeichnung im Sport, aber es ist das absolute Ziel, immer bei Endrunden dabei zu sein.
Kurz vor der EM hatte Teamchef Ralf Rangnick ein Angebot des FC Bayern auf seinem Tisch. Dass er sich für den ÖFB entschieden hat, war ein Ausrufezeichen?
Ja, für die Mannschaft, für den Verband und den gesamten österreichischen Fußball. Für uns waren das 14 sehr herausfordernde Tage. Es war eine Entscheidung für Österreich, weil er in den vergangenen zwei Jahren viel bewegt hat. Er hat noch einiges vor.
Diese Entscheidung wurde mit viel Applaus aufgenommen. Ist es nicht auch gefährlich, wenn ein Trainer so „vergöttert“ wird?
Wichtig ist, dass man die Qualitäten und Fähigkeiten des Teamchefs für die unterschiedlichsten Segmente nützt. Aber man muss um ihn herum ein Team haben, dass in die gleiche Richtung arbeitet. Die Situation kann immer eintreten, dass er ein Angebot bekommt und auch annimmt. Auf diese Eventualität muss man als Verband reagieren können.
Wie konkret waren mögliche Nachfolgekandidaten in Ihrem Kopf?
Mit dem hätten wir uns dann konkret auseinandergesetzt, wenn es so weit gekommen wäre. Denn auch wenn Rangnick sich für die Bayern entschieden hätte, wären wir trotzdem mit ihm in die Europameisterschaft gegangen.
Hat der FC Bayern auch den Kontakt mit Ihnen gesucht?
Weder mit dem Verband noch mit mir. Ich hätte mir das erwartet, aber auf diesem Level ist die Vorgangsweise anscheinend üblich.
Auch das Frauen-Nationalteam kämpft zurzeit um das EM-Ticket, jetzt warten die Playoffs. Wie sehen Sie die Entwicklung des Teams?
Ich glaube, dass wir im Spitzenbereich auf einem guten Weg sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Weg zur EM über die Playoffs schaffen werden. Die größere Herausforderung im Frauenfußball ist für mich der Breitenbereich. Wie viele Menschen gibt es in den Vereinen, die für den Frauenfußball etwas übrighaben? Es gibt in den Volksschulen unzählige Mädchen, die gerne Fußball spielen. Aber es gibt derzeit noch nicht so viele Vereine, wo sie dann später eine Heimat finden können.
Der U20-Teamchef der Frauen wurde kurz vor der WM rausgeworfen, wegen „aufklärungsbedürftiger Vorkommnisse“, wie es heißt. Was ist da passiert?
Hier muss ich um Verständnis bitten und auf unser Statement verweisen. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen.
Das ÖFB-Präsidium ist ein reiner Männerverein. Wann werden wir hier endlich mehr Diversität sehen?
Wünschenswert wäre es auf jeden Fall. Das Präsidium setzt sich aus den neun Landespräsidenten, drei Vertretern aus der Bundesliga und dem ÖFB-Präsidenten zusammen. Um die Struktur zu verändern, bräuchte es eine Satzungsänderung, über die genau dieser Personenkreis entscheidet. Als ich in Kärnten Präsident war, habe ich geschaut, dass wir engagierte Frauen aus Vereinen in den Vorstand des Verbandes bringen.
Sie haben mehrfach betont, dass Sie beim ÖFB ein Ehrenamt ausüben. Bekommen Sie wirklich nichts überwiesen?
Nein.
Wäre ein hauptamtlicher Präsident sinnvoller?
Darüber kann man sicher eine offene Diskussion führen. Läuft das Werk besser, wenn der Präsident bezahlt wird? Nicht unbedingt. Das ist keine Strukturfrage, sondern wie man diese mit Leben erfüllt. Es muss Experten im Spitzenbereich geben, die vorgeben, in welche Richtung es geht. Ich maße mir beispielsweise nicht an, beurteilen zu können, wer der richtige Teamchef zum richtigen Zeitpunkt ist. Ich schaue, dass die Rahmenbedingungen passen und alles vernünftig abläuft.
Wollen Sie nach Auslaufen Ihrer Funktionsperiode 2025 weiter Präsident bleiben?
Mir macht die Aufgabe große Freude und es ist eine spannende Herausforderung, die mein Leben bereichert. Ich klammere nicht an der Position, aber ich mache sie mit Begeisterung. Verbiegen werde ich mich nicht und das erzeugt in mir eine gewisse Kraft und Ruhe.
Sie werden dafür kritisiert, dass Sie sich bei der Wahl zu Ihrem Nachfolger im Kärntner Fußballverband nicht deklariert haben. Warum ist das nicht passiert?
Es bedingt die Funktion, dass ich mich in keiner Wahlauseinandersetzung einbringen darf und mich neutral verhalten muss. Ich würde dann ja indirekt Wert darauflegen, wer in dem Gremium sitzt, das in weiterer Folge über meine Funktion entscheidet.
Sie waren jahrelang in unterschiedlichen Rollen im Amateurfußball tätig. Wie sehen Sie diesen in Kärnten?
Ich war vorher jedes Wochenende bei den Kindern, bei Spielen, bei Menschen in den Vereinen. Das geht jetzt nicht mehr, das finde ich sehr schade. Es gibt zwei große Herausforderungen: Wie gestalten wir unsere Angebote in den nächsten fünf bis 20 Jahren, um Kinder und Eltern für den Fußball zu gewinnen? Und wie gewinnen wir Menschen als Funktionäre in Vereinen, die die Heimat für die Kinder bilden? Das wird sehr schwierig. Es müssen Lösungen her, damit wir Ehrenamtliche mehr wertschätzen können.
Wie schwer tut sich der Fußball in Kärnten generell? Die beiden Bundesligaklubs leiden unter Zuschauermangel und darunter kommt nicht wirklich viel nach.
Das sehe ich anders. Der WAC ist seit 13 Jahren mit diesen Gegebenheiten und dieser Infrastruktur in der Bundesliga, das ist etwas Wertvolles für den Kärntner Fußball. Auch der Weg, den die Austria Klagenfurt gegangen ist, ist nicht selbstverständlich. Fankultur ist einfach schwer aufbaubar. Und darunter haben wir in der Regionalliga nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten, wie die steirische und oberösterreichische Konkurrenz. Die Regionalliga-Frage ist nicht leicht zu lösen, es gibt viele unterschiedliche Denkwege. Ich möchte die Sache trotzdem angehen.
Kann es so weit gehen, dass die Regionalliga abgeschafft wird?
Es gibt drei Gesichtspunkte, unter denen man die dritte Leistungsstufe gestalten muss: Es muss sportlich interessant, finanziell leistbar und für die Zuschauer attraktiv sein. Wir wollen das Thema gemeinsam mit Ländern und Bundesliga besprechen.
Zur Person
Klaus Mitterdorfer (58) stammt aus Althofen und wurde im April 2023 als Präsident des Österreichischen Fußball-Bundes designiert, im Juli 2023 erfolgte die einstimmige Wahl. Seit 2016 war er Präsident des Kärntner Fußballverbandes. Hauptberuflich ist der Jurist stellvertretender Direktor der Kärntner Ärztekammer. Mitterdorfer war jahrelang Spieler und Trainer im Amateurbereich und verfügt über die UEFA-A-Lizenz.
Sowohl der WAC als auch Austria Klagenfurt betreiben eine Akademie. Der sportliche Erfolg ist überschaubar. Ist Kärnten einfach zu klein für zwei Akademien?
Neutral betrachtet, wäre nur eine Akademie in Kärnten wünschenswert. Das ist aber leider nicht gestaltbar, weil die Interessen der Vereine sehr unterschiedlich sind.
Wann bekommt Österreich sein „Nationalstadion“?
Ich halte nichts von dem Wort „Nationalstadion“. Ich halte etwas von einem Stadion für den Sport und weitere Veranstaltungen. Nur für den Fußball ist es zu wenig. Man braucht etwas für viele Sportarten, für Konzerte und etwas, das ganzjährig nutzbar ist. Da sind wir mit einer geplanten Adaptierung des Wiener Happel-Stadions auf einem sehr guten und realistischen Weg.
Hat Klagenfurt als Länderspielort ausgedient?
Nein, sicher nicht. Es ist ein wunderschönes Stadion an einem wunderschönen Standort.