Simulationsexperte PopperVierte Welle: Das Plateau ist noch nicht erreicht

Bei zehn Prozent mehr Geimpften "müssten wir über all das gar nicht diskutieren", sagt Simulationsforscher Nikolas Popper. Die nun verkündeten Maßnahmen bringen den Intensivstationen eher erst Mitte Dezember Entspannung.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Infektionen, vierte Welle, Österreich Popper
"Die Hoffnung war, dass wenn die Grunddynamik stärker wird, wir das durch die Immunisierung ausgleichen können. Jetzt sehen wir, dass das nicht der Fall ist. Das prognostizieren wir aber seit Sommer", sagt Simulationsforscher Nikolas Popper © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Die Zahlen bei den Covid-19-Neuinfektionen werden in nächster Zeit noch "weiter nach oben gehen", so der Simulationsforscher Nikolas Popper im Gespräch mit der Austria Presse Agentur. Eine "Sättigung" - also ein Abflachen der Kurve, weil durch durchgemachte Infektionen und Impfungen kaum mehr ansteckbare Menschen bleiben - sei vielleicht nicht weit weg. Bitter sei aber die Erkenntnis, dass es jetzt wieder Maßnahmen brauche, die man sich bei nur rund zehn Prozent mehr Geimpften sparen könnte.

Trotz der zuletzt dramatischen Fallzahlentwicklung - am Donnerstag wurden österreichweit 8.622 Neuinfektionen gemeldet - ist ein flächendeckender Lockdown für Popper aus vielen Gründen "undenkbar". Im Endeffekt befindet sich Österreich in einem Wechselspiel, in dem die Grunddynamik durch die Delta-Variante schon nach dem Sommer relativ hoch war, sich dann noch durch den ausschleichenden günstigen saisonalen Effekt einigermaßen auf einem Plateau gehalten hat, und die nun ansteigt.

Wie hoch steigen die Zahlen?

Bis wohin genau es gehen könnte, kann der Experte nicht sagen, denn es gibt viele Faktoren, die hier mit wirksam sind. Zuerst ist dies die Immunisierungsrate durch die Impfung oder eine durchgemachte Erkrankung. "Die Hoffnung war, dass wenn die Grunddynamik stärker wird, wir das durch die Immunisierung ausgleichen können. Jetzt sehen wir, dass das nicht der Fall ist. Das prognostizieren wir aber seit Sommer", betonte der Wissenschafter von der Technischen Universität (TU) Wien und dem TU-Spin-off dwh, der Teil des Prognosekonsortiums ist. Das Credo "Es ist nicht vorbei" und "Wir brauchen mehr Neugeimpfte" hätten Experten in den vergangenen Wochen nicht umsonst wiederholt. Die Neuimpfungen seit September alleine hätten offensichtlich nicht ausgereicht, um das Fortschreiten abzufedern. "Wir sind aber nicht weit entfernt", so der Experte.

Als dritter Faktor kommen jetzt wieder verstärkt Eindämmungsmaßnahmen ins Spiel. Die jetzt gesetzten und in Aussicht gestellten Maßnahmen sind "zumindest in den ersten Stufen (des Planes der Bundesregierung; Anm.) nicht sehr stark". Außerdem kommen sie spät und werden erst mit Zeitverzug wirksam. Ob der Bund und die Länder hier nun wirklich etwas bei den Neuinfektionen bewirken können, sei schwer einzuschätzen.

Die Lage auf den Intensivstationen

Relativ klar sei, dass die Effekte auf die Belegung der Intensivbetten durch Covid-19-Patienten in der nächsten Woche in Richtung 400 gehen werden. Die direkten Auswirkungen der neuen Maßnahmen auf die entscheidende Krankenhaussituation haben jedoch einen gehörigen Zeitverzug in Richtung Mitte Dezember. Popper: "Der Zug fährt jetzt."

Irgendwann kämen dann allerdings auch Sättigungseffekte durch weitere Impfungen und die jetzt stark steigenden Genesenenzahlen dazu. "Das wird regional unterschiedlich sein", so Popper. Besonders paradox: Gerade in jenen Gegenden, in denen die Inzidenzen aktuell besonders hoch sind, könnte sich das Blatt zuerst wenden. Große Genugtuung sollte sich dann dort aber nicht einstellen, denn der Preis für diese Strategie des Nicht-Sehens der Zusammenhänge sei hoch. "Das ist das Ärgerliche daran. Hätten wir in manchen Bereichen nur zehn Prozent mehr Geimpfte, müssten wir über all das gar nicht diskutieren", sagte Popper.

Strategie der Durchseuchung

Gesamtgesellschaftlich habe sich Österreich für eine Strategie entschieden, bei der man die Pandemie in Teilbereichen auch durchlaufen lässt - mit all den Folgewirkungen. "Jetzt müssen wir damit zurechtkommen." Das gelte für jene, die keine Gefährdung erkennen wollen, ebenso wie auch für jene, die sich anders verhalten. Aufpassen müsse man laut Popper, dass die verschiedenen Seiten nicht noch weiter polarisiert werden.

Viele Hoffnungen hegt der Simulationsforscher hinsichtlich der vermutlich bald kommenden Impfoptionen für Kinder unter zwölf Jahren. Denn auch in Gegenden mit einer hohen Impfrate unter der aktuell impfbaren Bevölkerung zeige sich, dass die Ansteckungen unter Menschen, die etwa wegen ihres geschwächten Immunsystems keinen ausreichenden Schutz aufbauen können, und eben jungen Menschen weiter gehen - wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau.

Letztlich sehr wichtig seien die nun auch hoffentlich bald Fahrt aufnehmenden Drittimpfungen, die dem Nachlassen der Wirksamkeit nach rund sechs Monaten wirksam entgegensteuern. Diese werden dann ihren Effekt am Beginn des neuen Jahres zeitigen. "Das Impfen muss daher die Hauptstrategie bleiben", betonte Popper: "Man muss eben nachimpfen. Es ist das kleine Übel."

Kommentare (11)
frogschi
74
34
Lesenswert?

Nur mal so in den Raum gestellt.

Für 63% der Bevölkerung gelten keine größeren Beschränkungen, obwohl in den neuesten Studien gezeigt wird, dass Geimpfte ebenso ansteckend und ähnlich ansteckbar sind wie Ungeimpfte (in The Lancet publiziert). Die restlichen 37% müssen sich für nahezu jedwede Teilhabe am Sozialleben testen lassen. Könnte es eventuell ein Fehler sein 63% (also die Mehrheit) so zu behandeln als ob sie quasi keimfrei wären?

lapinkultaIII
2
9
Lesenswert?

@frogschi

Das Märchen, dass Geimpfte gleich ansteckend wie Ungeimpfte seien, kannst dir behalten.

Es gibt eine grosse und seriöse Studie aus England in der sich gezeigt hat, daß Ungeimpfte wesentlich ansteckender als Geimpfte sind. Im Detail: die wahrscheinlichkeit, dass ein Infizierter das virus weitergibt liegt bei 50% bei ungeimpften und nur 19% bei geimpften.

Noch Fragen?

SteffenSch
5
28
Lesenswert?

Bei der Sache bleiben

Darum geht es nicht. Es geht darum, wer am Ende auf der Intensivstation landet: das sind vier Mal mehr Ungeimpfte als Geimpfte. Um die Überlastung zu vermeiden, ist es nötig, dass viele geimpft sind. Mit der Tatsache, dass auch geimpfte Personen andere anstecken können, hat das nichts zu tun.

Cirdan
1
6
Lesenswert?

@frogschi

Bis zur Impfung habe ich durch mein Verhalten (Maske, Abstand, Hände desinfizieren, etc.) andere geschützt und auf andere Rücksicht genommen. Seit der Möglichkeit der Impfung hat sich das eben gedreht, durch die Impfung kann ich primär mich selbst schützen. Da diese Möglichkeit beinahe jedem offen steht, ist es mir eher egal, ob ich mich anstecke oder nicht (natürlich will ich es nicht, aber wenn's so ist, dann ist's eben so).

ronin1234
1
12
Lesenswert?

Reaktion

A bissl noch was geht immer....

VH7F
21
28
Lesenswert?

Die sind alle so hilflos

Keine Gamechanger zu erkennen.

HansWurst
42
77
Lesenswert?

Hilflos?

Das haben wir nur den Impfunwilligen zu verdanken.

frogschi
17
26
Lesenswert?

Mit Spannung erwarte ich das Ende des Jahres.

Dann werden wir sehen, ob diese Prognose vielleicht einmal richtig war. Wir schließen zuhause schon Wetten ab.

VH7F
124
37
Lesenswert?

Ohne Home-Schooling im Vorjahr wären wir schon durch

die Schweden zeigens vor.

STEG
36
154
Lesenswert?

Leute, die sich nicht impfen

lassen, haben sich für eine Ansteckung mit Covid entschieden. Müssen dann aber auch mit den Folgen leben. Mit ihnen aber auch Familie, Bekannte und Arbeitskollegen. Ob die darüber erfreut sind, ist zu bezweifeln.

AAltausseer
42
120
Lesenswert?

Es sind halt zu viele,

Daher muss Ihnen die Mehrheit eben Ihre Grenzen aufzeigen! Wir brauchen halt 80%+ Geimpfte, und das werden wir ohne Impfpflicht eben nicht erreichen!

Bei jedem Verkehrsunfall höre ich „Jeder Tote ist einer zuviel“ Und was ist jetzt mit den Corona-Toten?