Die Sorge vor dem nahenden Winter ist groß, könnten hier doch zwei Pandemien – Covid-19 und die jährliche Influenza-Pandemie – zusammentreffen. Doch: Gibt es heuer vielleicht gar keine Grippewelle? Ein Blick auf die Südhalbkugel nach Australien lässt zumindest diese Hoffnung zu, wie auch Monika Redlberger-Fritz, Virologin an der Med Uni Wien bestätigt. „In Australien ist die Grippewelle, die dort normalerweise im Mai oder Juni beginnt, mehr oder minder ausgeblieben.“ Und das, nachdem die australischen Behörden schon vor einer besonders schweren Grippewelle gewarnt hatten, nachdem die ersten Fälle extrem früh aufgetreten waren. Doch dann kam der Corona-bedingte Lockdown – und die Viruszirkulation kam zum Erliegen.

"Die Hoffnung stirbt zuletzt"

Jedes Jahr erlaubt der Blick auf die Südhalbkugel eine Vorahnung darauf, was die Grippewelle im Winter auf der Nordhalbkugel bringen wird – doch auch wenn Redlberger-Fritz sagt, „die Hoffnung stirbt zuletzt“, warnt sie gleichzeitig davor, Erfahrung aus Australien eins zu eins auf Europa umzulegen. „Hier im dicht besiedelten Mitteleuropa haben wir eine ganz andere Demografie als in Australien, wo der nächste Nachbar außerhalb der Metropolen vier Stunden entfernt wohnen kann.“

Außerdem gab es in Australien eine breit angelegte Impfaktion: 16,5 Millionen Influenza-Impfdosen hatte die Regierung für 26 Millionen Einwohner des Landes besorgt, wie der Spiegel Online berichtet – für die Besucher von Altenheimen und für Pflegekräfte habe eine Impfpflicht bestanden.

Dennoch teilt Redlberger-Fritz die berechtigte Hoffnung, dass die Grippewelle heuer auch in Europa zumindest schwächer ausfallen könnte, denn: Die Covid-Regeln Abstand halten, Hände waschen und Mund-Nasenschutz tragen schützen auch vor einer Ansteckung mit der echten Grippe sowie vor allen anderen Infekten, die über Tröpfchen übertragen werden. „Wir sahen ja auch bei uns heuer im Frühjahr ein abruptes Ende der Grippewelle als die Hygienemaßnahmen eingeführt wurden“, sagt Redlberger-Fritz. Das gelte aber natürlich nur, wenn die Regeln von der Bevölkerung auch eingehalten werden.

Monika Redlberger-Fritz, Virologin an der Med Uni Wien
Monika Redlberger-Fritz, Virologin an der Med Uni Wien
© APA/ROLAND SCHLAGER

Covid-19 oder Influenza?

Dennoch sieht die Virologin mit dem Winter Probleme auf uns zukommen: „Die Frage, was ist Covid-19, was ist die Influenza, wird ein großes Thema werden“, sagt Redlberger-Fritz – eindeutig lasse sich diese Frage nur mittels Test beantworten. Außerdem stehe das Gesundheitssystem vor einer Doppelbelastung durch Covid- und Grippe-Infizierte – denn auch wenn die Grippe hierzulande chronisch unterschätzt werde, sterben jedes Jahr rund 1400 Menschen an der Influenza.

Eine Sorge, die Virologen ebenfalls umtrieb, konnte in der Zwischenzeit jedoch entkräftet werden: Doppelinfektionen, das heißt eine gleichzeitige Infektion mit Grippe und Covid-19 scheinen laut den bisherigen Beobachtungen sehr selten zu sein und stellen demnach kein großes Problem dar.

Blick in die Kristallkugel

Bleibt die Grippewelle wirklich aus? Und wird der Grippe-Impfstoff heuer in Österreich ausreichen? "Für beide Fragen brauchen wir wohl eine Kristallkugel", sagt Redlberger-Fritz mit einem Augenzwinkern.  „Österreicher sind bei der Influenza-Impfung riesige Impfmuffel. Heuer stehen mehr als eine Million Impfstoffe zur Verfügung – ich denke, dass damit der Bedarf gedeckt werden kann“, sagt die Expertin.

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