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Corona-Folgen Kulturbetrieb vor dem Erliegen: Angst vor der "tragischen Kettenreaktion"

Diagonale abgesagt, Bundesmuseen, Joanneum und Literaturhaus geschlossen. Große und kleine Häuser streichen Vorstellungen. Was für Besucher traurig ist, wird für Kulturschaffende existenzbedrohend, warnen Verbände.

Corona- Erlass: nicht nur das Burgtheater bleibt bis mindestens Ende März geschlossen © AP
 

Der Absagereigen im steirischen Kulturbetrieb geht munter weiter: Das Filmfestival Diagonale in Graz fällt zur Gänze aus. Literaturhaus und Landesbibliothek haben den Publikumsbetrieb eingestellt, die Camera Austria sagte ihre nächste Schau ab. Und nach den Bundesmuseen schloss gestern auch das Universalmuseum Joanneum bis auf Weiteres seine Pforten.
Nur vom Grazer Schlossberg und vom Kunsthausdach tönt Bill Fontanas Klanginstallation „Sonic Projections“. Kunsthaus-Chefin Barbara Steiner kann heute Abend nicht einmal die dazugehörige Schau eröffnen: „Das ist natürlich sehr traurig, weil sehr viel Arbeit und Mühe investiert wurden“. Gibt es einen Plan B? „Sofern sich die allgemeine Lage in den nächsten Wochen nicht noch verschlimmert, machen wir zu Ausstellungsende am 7. Juni das, was wir am Eröffnungswochenende geplant hatten. Wir würden alle Leute einladen, durch die Ausstellungen führen und Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern anbieten. Vielleicht gibt es auch ein Fest zur Finissage. Das ist zumindest die Idee."

Auch anderswo geht die Arbeit weiter: „Man rechnet in unsere Branche ja immer mit Absagen, aber gleich in so geballter Form“, seufzt Michael Nemeth. Der Musikverein-Chef atmet aber zugleich auf, denn er konnte für die fünf ausfallenden Projekte sofort Ersatztermine im Herbst finden, „da sind wir unserer Mitgliedern verpflichtet“. Was der Einschnitt ins laufende Programm finanziell bedeutet, kann Nemeth ebenso wenig sagen wie Mathis Huber, der für zwei von drei März-Projekten des recreation-Orchesters noch Ausweichtermine finden muss. „Die wirtschaftliche Konsequenzen sind noch nicht absehbar, aber wenn der Veranstaltungsstopp auch weit in den April hinein verlängert werden sollte, wird es extrem“, befürchtet der Intendant. Dem Osterfestival Psalm sehe er allerdings „voller Optimismus entgegen“, obwohl es schon zwei Tage nach dem bisherigen Stichtag 3. April beginnen soll.

Am Wiener Akademietheater findet die für 13. März angesetzte Uraufführung von Franzobels "Leichenverbrenner" durch Regisseur Nikolaus Habjan tatsächlich statt - allerdings ohne Publikum, rein intern. Der Grund: Man will die fertig geprobte Produktion abschließen. Auch an der Grazer Oper und im Schauspielhaus wird trotz der Absagen weiterhin geprobt: „Wir legen ja nicht die Arbeit nieder, nur weil wir nicht spielen“, stellt Theaterholding-Chef Bernhard Rinner fest. Dennoch seien die aktuellen Herausforderungen "groß, auch emotional. Für die Künstler ist es schwer, dass sie nur Trockentraining absolvieren, ohne ihre Meisterschaft zeigen zu können." Darüber hinaus müsse man einiges an Ticket-Refundierung bewältigen. Sorgen macht auch, dass der zum Unternehmen gehörende Theaterservice-Gesellschaft durch den aktuellen Corona-Shutdown bereits Kulissenbau-Aufträge entgehen. Rinner hofft auf ein baldiges Ende der Krise - auch  im Hinblick auf das von den Bühnen organisierte  "Klanglicht"-Festival Ende April/Anfang Mai: "Wir bereiten weiterhin alles darauf vor, dass das stattfinden kann."

Derzeit entgehen den Bühnen „ähnliche Beträge“ wie den Bundestheatern – pro Schließtag um die 190.000 Euro. Das größtenteils über öffentliche Förderungen finanzierte Unternehmen kann das vorerst abfedern, zumal der steirische Kulturlandesrat Christopher Drexler angekündigt hat, man werde auch bei Programmausfall keine Förderungen zurücknehmen. Bund und Länder verhandeln laut Drexler derzeit über Entschädigungs- und Hilfsmaßnahmen, er will sich bemühen, „dass Künstler und Veranstalter möglichst unbeschadet aus der Sache herauskommen. Mir ist klar: Es muss schnell gehen.“ Allerdings: „Es gibt jenseits des Katastrophenschutzes keine Extra-Sparbücher für so einen Fall.“

Bei Ausfällen gibt es also eher kein Geld. Am ärgsten bedroht das freie Künstler: In den meisten Gastverträgen ist festgelegt, dass nur dann Geld fließt, wenn die Veranstaltung auch stattfindet. An der Grazer Oper sind das schlechte Nachrichten etwa für Gäste im laufenden Musical „Guys and Dolls“ – oder für Dshamilja Kaiser, engagiert für die Hauptrolle in der Oper „Die Passagierin“, die am Samstag Premiere hätte haben sollen.


Auch in der freien Szene herrscht Besorgnis: Man merkt, dass die Angst grassiert", erzählt Ninja Reichert vom Grazer Theater Quadrat. Die freie Bühne nimmt demnächst ihre Produktion von Kafkas "Process" wieder auf - und denkt nicht an Absagen: "Wir spielen Stationentheater für nicht mehr als 15 Leute, da spielen Besucherlimits keine Rolle. In unserem Fall bewährt sich also, dass wir ,Randtheater' machen", sagt die Schauspielerin. Die Vorstellungen seien auch schon recht gut gebucht, Karten wurden bisher nicht zurückgelegt: "Im Gegenteil: Kollegen aus dem Schauspielhaus haben sich angekündigt, weil sie durch den Ausfall ihrer eigenen Vorstellungen endlich einmal Zeit haben, selbst ins Theater zu gehen."

Die März-Termine von Kabarettistin Elli Bauers Tournee hingegen sind alle gestrichen. Finden sich Ersatztermine, „stellt das kein Problem dar“, hofft Bauer. „Ich rechne mein Einkommen aufs gesamte Jahr. Problematisch wird es, wenn alle Termine ausfallen würden.“Interessensvertreter wie die IG Kultur und die IG AutorInnen sprechen bereits von „Schockwelle“ und „Einkommenskatastrophe“ für die freie Künstlerschaft und appellieren an die Bundesregierung für rasche Unterstützung. Auch die Verbände der Film-, Musik- und Buchwirtschaft warnen vor einer „tragischen Kettenreaktion“ durch die Corona-Maßnahmen, die für viele Kulturinitiativen und Kunstschaffende bereits „ein existenzgefährdendes Ausmaß“ annehmen. Es brauche „dringend einen Katastrophenfonds und Rettungsschirm“. Das könnte teuer werden. Auch Großveranstalter fürchten enorme Erlösverluste: „Wir fallen um Eintritte, Vermietungen, Shopeinkünfte und Führungsentgelte um. Es ist sehr dramatisch“, warnt Sabine Haag, Direktorin des Kunsthistorischen Museums in Wien. Und ein großer Konzertveranstalter wie Walter Egle von der „Showfactory“ sieht für seine Branche Schäden dräuen, die „in die Millionen gehen“.

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