NachgerechnetWie männlich der "Tatort" hinter den Kulissen ist

Bei den bis Ende 2020 insgesamt 1150 ausgestrahlten "Tatort"-Krimis führte 1012 Mal ein Mann Regie. Blieben 138 Fälle für Regisseurinnen. Auch in puncto Gleichberechtigung dient die beliebte TV-Reihe als Seismosgraf für die deutschsprachige Wirklichkeit. Ein paar Zahlen.

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Nicht nur im Teaser weist sich beim "Tatort" der männliche Blick als der wegweisende aus © APA
 

Die mittlerweile 50-jährige Erfolgsgeschichte des „Tatort“ ist einzigartig. Einzigartig männlich vor allem: Es dauerte nämlich 131 Folgen, bis mit Ilse Hoffmanns „Grenzgänger“ 1981 erstmals ein Sonntagabendkrimi ausgestrahlt wurde, den eine Frau inszeniert hatte. "Tatort"-Pionierin Hoffmann verantwortete mit „Passion“ 2000 - da hatte das Krimiformat auch schon 30 Jahre auf seinem Buckel - auch den ersten Wiener Fall einer Frau. Die Bilanz im Austro-Krimi seit 1999 ist ernüchternd: Von 49 ausgestrahlten Krimis stammen nur fünf weitere von Frauen -  je zwei von Sabine Derflinger und Barbara Eder sowie einer von Catalina Molina. Da geht noch mehr!

"TV Spielfilm" und "stern.de" haben nachgerechnet, wie es eigentlich um die Gleichberechtigung bei einem der nach wie vor populärsten TV-Formate bestellt ist. Und ihre Bilanz fällt ebenso bitter aus. Von den bis 26. Dezember 2020 insgesamt 1150 ausgestrahlten "Tatort"-Fällen führten bei 1012 Krimis Männer Regie, blieben 138 Fälle für Regisseurinnen. Die Männerquote am Regiestuhl: üppige 88 Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss auch: nur 12 Prozent aller Fälle wurden von einer Regisseurin umgesetzt. Der "Tatort" dient also auch in diesem Punkt als Seismograf für eine deutschsprachige Wirklichkeit.

Und wer erzählt eigentlich die Geschichten, die am Sonntagabend ein Millionenpublikum vor den Bildschirmen erreichen und am Wochenende davor und am Montag danach in den Feuilletons ausgiebig debattiert werden? Meistens die Männer. Also die Problemzonen in dieser Gesellschaft, die sich der "Tatort" so gern vorknöpft, werden durch die Augen von männlichen Autoren skizziert: Laut dieser Berechnungen wurden 973 "Tatort"-Drehbuch von Männern geschrieben, 119 Mal stammt das Skript von einer Frau. Und 58 Mal zeichnen Autorinnen und Autoren gemeinsam für das Buch verantwortlich. Die Ungleichheit hinter den Kulissen des "Tatort" ist also schlicht desaströs. Und da sind traditionell männlich dominierte Abteilungen wie Kamera oder Ton bei Film und Fernsehen noch gar nicht erfasst. Dabei, belegt eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2019 für die Zeitschrift "TV Digital", sind Frauen die größeren "Tatort"-Fans und schauen häufiger zu.

Es gibt auch gute Nachrichten: Seit einiger Zeit dreht sich auch beim "Tatort" die Uhr in Richtung Gleichberechtigung. Nach einer selbst auferlegten Verpflichtung liest sich die Statistik fürs Vorjahr gar nicht einmal so düster: Von den 37 ausgestrahlten „Tatort“-Krimis des Vorjahres führten 15 Frauen Regie. Wie auch beim Frauentags-Fall "Borowski und die Angst der weißen Männer". Ärgerlich aber, dass ausgerechnet hier die Frauenfiguren von zwei Drehbuchautoren so platt gezeichnet wurden. Mehr lesen Sie in unserer Kritik im Anschluss.

(c) Christine Schroeder / NDR TV/ Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer
Heute Abend im TV: "Borowski und die Angst der weißen Männer" © (c) Christine Schroeder / NDR

Frauenhass zum Frauentag: "Tatort"-Kritik zum Fall vom 7.3.2020

Der Titel sitzt: „Borowski und die Angst der weißen Männer“. Der Kieler „Tatort“ zum morgigen Weltfrauentag arbeitet sich an einem aktuell brisanten Thema facettenreich, aber wenig subtil ab: Frauenhass. Zum einen will der uncharismatische Mario (Joseph Bundschuh) endlich beim anderen Geschlecht punkten und vertraut auf einen Pick-up- Artist (schmierig: Arndt Klawitter). Vollgepumpt mit platten Macho-Phrasen geht er auf die Pirsch. Und erntet nur ein Lachen. Die, die er abschleppen wollte, wird am nächsten Tag tot aufgefunden. Neben der Leiche entdecken Klaus Borowski (Axel Milborn) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) einen Code einer rechtsextremen Gruppe. Zum anderen beleuchtet der triste Fall das Phänomen von „Incels“-Foren, in denen Männer ihren Hass gegen Frauen frei leben. Die Schuldigen für ihren „unfreiwilligen Zölibat“ sind für sie klar: die Migrantenmänner.

Der „Tatort“ erzählt eine beängstigend widerwärtige Story in harten Bildern. Nämlich jene, was passiert, wenn aus hassenden Einzeltätern ein Mob wird. Aber: Dass ausgerechnet unter der Regie von Nicole Weegmann die Frauenfiguren (Buch: Peter Probst, Daniel Nocke) derart plump, einschichtig und naiv gezeichnet sind, stimmt zornig. Und deutet auf die Ungleichheit hinter den Kulissen des „Tatort“.

Vor der Kamera stehen mittlerweile viele Ermittlerinnen. Die Frauenquote unter den Kommissaren und Kommissarinnen beträgt 43 Prozent. Die Krimireihe hat 24 Ermittler und 18 Ermittlerinnen. Und mit den Teams in Dresden, Zürich, Göttingen und Ludwigshafen sogar einige rein weibliche Teams als Gegenpart zu den männlichen Langzeit-Duos in Köln, Münster oder München. Tatsächlich wird an vielen Standorten aber in gemischten Teams ermittelt - wie in Dortmund, Kiel, Hamburg oder im Frankenland.

Tatort
Florence Kasumba und Maria Furtwängler ermitteln in Göttingen Foto © ORF

1970, in den Anfängen der "Tatort"-Erfolgsgeschichte, wäre das wohl unmöglich gewesen. Es dauerte nämlich bis zum 29. Jänner 1978 bis erstmals eine Frau im deutschen Fernsehen auf Mörderjagd gehen durfte. Nicole Heesters schrieb als Oberkommissarin Marianne Buchmüller Fernsehgeschichte - obwohl diese Figur nur drei Mal ermittelte.

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