200.000 Tote Das System ist völlig überlastet: Wie Indien in die Katastrophe schlitterte

300.000 Neuinfektionen und 2700 Todesfälle pro Tag, dazu ein völlig überlastetes System. Die zweite Welle hat das Land fest im Griff.

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Selbst bei den Bestattungen kommt man nicht mehr nach © AFP
 

Die Worte von Suviray John sind drastisch: "Vor manchen Spitälern stehen viele Krankenwagen und werden ihre Patienten nicht los. Teilweise sind sie auf der Suche nach einem freien Krankenhausbett zwei, drei Tage durch die ganze Stadt gefahren und haben keines gefunden. Manche Patienten sterben im Krankenwagen und die Krankenhäuser haben nicht genug Platz, um die Leichen zu lagern", erzählt der Chefarzt im Sir-Ganga-Ram-Krankenhaus in Delhi.

Verzweifelt kämpft der Mediziner in der indischen Hauptstadt gegen die heftige zweite Coronawelle, und ist dennoch oft machtlos. Im ganzen Land mangelt es an Medikamenten, freien Spitalsbetten und Sauerstoff, um schwer erkrankte Patienten zu beatmen. Indien meldete am Dienstag 3293 weitere Tote und 360.960 Neuinfektionen. Damit gab es zum siebenten Mal in Folge mehr als 300.000 neue Fälle am Tag. Mit 18 Millionen Erkrankten und 201.187 Toten ist Indien nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität nach den USA das Land mit den meisten Infizierten. Experten befürchten jedoch, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen dürfte, da in Indien nach wie vor wenig getestet wird.

Hilfe aus Österreich

Auf Antrag von Kanzler Sebastian Kurz, Vizekanzler Werner Kogler und Außenminister Alexander Schallenberg hat die Regierung im Ministerrat beschlossen, zwei Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds zur Verfügung zu stellen, um Indien mit antiviralen Medikamenten zu versorgen.

Der Sauerstoff ist knapp

"Viele Krankenhäuser haben derzeit nicht genug medizinischen Sauerstoff. Das gesamte medizinische Personal arbeitet im Überlebensmodus bis zur körperlichen und emotionalen Erschöpfung und versucht, so viele Leben wie möglich zu retten", berichtet John. Trotz der rund um die Uhr arbeitenden Ärzte und Pfleger müssen Hinterbliebene in Krematorien aushelfen, um ihre verstorbenen Angehörigen einzuäschern.

Zuerst weitreichende Ausgangssperren

Mit der weltweit größten Ausgangssperre versuchte Indien zu Beginn der Pandemie, den Kollaps zu verhindern. Selbst China ist nicht so rigoros gegen die Ausbreitung des Virus vorgegangen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft waren katastrophal, Staat und Hilfsorganisationen mussten Millionen Menschen mit Lebensmittelhilfslieferungen unterstützen. Die relativ geringen Infektions- und Todeszahlen schienen Premier Narendra Modi recht zu geben. Anfang Juni 2020 wurde der Lockdown jedoch schrittweise gelockert.


Anfang April dieses Jahres kamen beim Kumbh Mela, dem größten hinduistischen Fest, Millionen zusammen, um gemeinsam und oft ohne Abstand und Maske zu feiern und im Ganges zu baden. Auch wenn die Teilnahme offiziell nur mit negativem Test erlaubt war, wurden die Feierlichkeiten zum Superspreader-Event. "Kein anderes Land hatte so einen schnellen Anstieg der Infektionszahlen wie Indien. Wir haben mit einer zweiten Welle gerechnet, aber nicht, dass sie so dramatisch werden würde", sagt John.

Das Kumbh Mela Anfang April wurde zum Superspreader-Event
Das Kumbh Mela Anfang April wurde zum Superspreader-Event Foto © AP


Indien-Experte Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin hatte schon zu Beginn der Pandemie damit gerechnet, dass das öffentliche Gesundheitssystem irgendwann kollabieren könnte. Er glaubt, dass der Kampf der Regierung gegen die Pandemie von Anfang an kaum zu gewinnen war.

Die zweite Welle sei derzeit "außer Kontrolle", sagt Franklin Jones, Chef des Katastrophenmanagements der internationalen Hilfsorganisation World Vision in Indien. "Die Menschen betteln um ein Krankenhausbett für sich und ihre Angehörigen, einige Menschen sterben auf den Gehwegen vor den überfüllten Kliniken. Mancherorts ist der Sauerstoff ausgegangen und beatmete Patienten sind deshalb in Krankenhäusern erstickt. In Teilen der Bevölkerung herrscht Panik", sagt der erfahrene Helfer. Auch mehr als 100 Mitarbeiter und Familienmitglieder haben sich infiziert. Alleine in der Vorwoche starben zwei von ihnen.

Vor allem der Mangel an Sauerstoff macht Jones Sorgen. Die Regierung setzt Militärflugzeuge und Züge ein, um Sauerstoff in die besonders betroffene Hauptstadt zu bringen. In den sozialen Netzwerken und auf dem Schwarzmarkt versuchen Angehörige, zu überteuerten Preisen überlebensnotwendige Flaschen aufzutreiben. "Leider horten auch Erkrankte, die nicht beatmet werden müssen, Sauerstoff und Medikamente für den Notfall. Das verschärft die Lage. Die Regierung hat die Industrie angewiesen, sofort Sauerstoff herzustellen, aber ich befürchte, dass die dramatische Situation sich noch mindestens zehn Tage verschlimmern wird, bevor die Lage sich entspannt", sagt Jones.

Der Mangel an Sauerstoff macht Verantwortlichen Sorgen
Der Mangel an Sauerstoff macht Verantwortlichen Sorgen Foto © AFP

Die Regierung hat die Hilfsorganisation deshalb gebeten, sie bei der Beschaffung von Sauerstoff und medizinischer Ausrüstung zu unterstützen. Außerdem betreibt World Vision Aufklärungsarbeit zur Vermeidung von Infektionen und klärt über die Impfkampagne der Regierung auf. Denn trotz der dramatisch hohen Zahl an Neuinfektionen gibt es in Teilen der Bevölkerung noch immer von Fake News über mögliche Nebenwirkungen geschürte Vorbehalte gegenüber der Impfung.

Wenn man selbst erkrankt

Die 53-jährige Pratibha Srivastava hat sich Ende März in der Millionenstadt Bhopal infiziert. "Obwohl ich mich sofort in Quarantäne begab, habe ich meine beiden Kinder und meinen Mann angesteckt. Die in Indien vorherrschende Virusmutation ist sehr aggressiv. Ich hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, trockenen Husten und war sehr erschöpft", berichtet die Koordinatorin der Welthungerhilfe. Würde sie sich heute infizieren und schwer erkranken, wäre es nicht gewährleistet, dass sie ein Spitalsbett bekäme. "Die Menschen, die jetzt schwer erkranken, haben Angst, dass sie das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen", sagt die Expertin für öffentliche Gesundheit.


Angst mache ihr auch, dass mittlerweile viele jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen schwer erkranken: "Es gibt einfach zu wenig Testkapazitäten. Von symptomfrei Erkrankten, die das Virus unwissentlich verbreiten, geht eine große Gefahr aus." Aus Angst vor der Ausbreitung der Virusmutante B.1.617 hat Österreich – wie viele andere Länder – einen Einreisestopp für Indien verhängt.


Trotz der derzeit dramatischen Situation gibt Suviraj John sich kämpferisch: "Unser Land hat in der Vergangenheit schon viele Katastrophen wie Hungersnöte durchgemacht. Aber diese zweite Welle stellt uns alle auf eine unerwartete harte Probe. Doch Inder sind sehr gut darin, sich in Krisen neu zu erfinden."


Corona: Wie verhalte ich mich richtig?

Wenn Sie bei sich Erkältungssymptome bemerken, dann gilt zunächst: zu Hause bleiben und Kontakte zu Mitmenschen meiden! Tritt zusätzlich Fieber auf oder verschlechtert sich der Zustand, dann sollte das Gesundheitstelefon 1450 angerufen werden. Bei allgemeinen Fragen wählen Sie bitte die Infoline Coronavirus der AGES: 0800 555 621 .
Die Nummer 1450 ist nur für Menschen mit Beschwerden! Es gilt: Zuerst immer telefonisch anfragen, niemals selbstständig mit einem Corona-Verdacht in Arztpraxis oder Krankenhaus gehen!

Coronavirus-Infopoint

Kommentare (17)
Vipul2204
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Vor allem, Beten Sie für die Indianer und für die Menschheit.

Dies ist eine globale Krise und kann nur durch Solidarität, Mitgefühl und Freundlichkeit überwunden werden, statt durch Schuldzuweisungen und Lächerlichkeit. Über die Bevölkerung Indiens kann diskutiert werden, wenn die Pandemie vorbei ist. Man sollte in diesen Zeiten global denken. Es ist wirklich gut, dass Basti beschlossen hat, 2 Millionen Euro für medizinische Hilfe nach Indien zu geben.

Mein Graz
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@Vipul2204

Ob beten hilft?
Und ja, auch für "Indianer", also die indinogene Bevölkerung in vielen Staaten, steht es zum Schlechten, da auch diese von vielen - vor allem von Rechtsgerichteten Staatenlenkern - vernachlässigt wird.
In Indien hingegen leben überwiegend Inder.

Vipul2204
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Ja

Ja, beten hilft natürlich. es schafft eine positive atmosphäre. wir haben schon viel Negativität, die überall herumfließt.

Mein Graz
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@Vipul2204

Ich finde es nett, wenn jemand so positiv eingestellt ist.

Ich persönlich habe auch ohne zu beten eine positive Lebenseinstellung.

iceman1
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Hat Indien nicht 1,366 Mrd Einwohner!

auf Österreichs EInwohneranzahl umgerechnet hätten die dann nur 1400 Tote! Wir haben 10000! Sehe ich da was falsch?

techwag
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Rechnen...

...endlich jemand, der nicht nur die Schlagzeile, die die KZ bewusst verfasst, damit die 90% Österreicher, die nicht selbstständig denken können endlich die so gepriesene Impfung abholen, sich die Zahlen ansieht und sich nach Vergleich mit Österreich fragt, wo die trotzdem tragischen Zahlen schlimmer als in Österreich sind!? Danke für's denken!

Mein Graz
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@techwag

Ihr solltet bei aller Rechnerei dabei allerdings nicht vergessen:

Das Gesundheitssystem Indiens kann keinesfalls auch nur annähernd mit dem in Österreich verglichen werden.

Die Zahlen sind zwar "offiziell", doch wenn man bedenkt wie viele Menschen in überfüllten Slums bzw. in ländlichen Gegenden ohne jede medizinische Versorgung leben sind die Dunkelziffern unter Garantie um ein vielfaches höher als in Österreich.

Eure Vergleiche Österreich - Indien sind so, als würde man die Sicherheit eines PKW aus den 70-er-Jahren mit der eines modernen Autos vergleichen.

future4you
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Hätte Österreich

den Weg von der FPÖ beschritten, hätten wir jetzt indische Verhältnisse!

techwag
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...indische Verhältnisse?

Bitte mal rechnen!!! Schlagzeilen lesen hilft nicht...

GordonKelz
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Und wieder spielt die Religion eine.....

...wie immer katastrophale Rolle !!!
Gordon Kelz

GordonKelz
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Eine menschliche Katastrophe.....ist in den

Dimensionen mit keinem europäischen Ländern vergleichbar! Trotz allem, auch ein totales Versagen der Behörden!
Gordon Kelz

Hardy1
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Die Inder....

....sollen sich das Duo Kickl/ Belakowitsch als Berater holen. Die wissen ganz genau, wie man ohne Maske, ohne Abstand und ohne Impfung super durch die Pandemie kommt......

100Hallo
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freie Meinung

Dafür haben sie aber die Atombombe.

VH7F
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Pro Jahr sterben in Indien ca 10.000.000 Menschen?

Weil da rund 1.400.000.000 leben. Es ist um jeden schade, aber 200.000 Todesfälle habe die sowieso alle 8 Tage.

wollanig
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Äh, ...

Indien hat 1,4 Milliarden Einwohner. Also dramatisiert nicht so, in Europa waren die Werte weitaus schlimmer.

rero03806
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...

Sie haben schon recht: Inzidenz in Indien liegt bei 172,5 . Also wir haten ja schon das Doppelte...

future4you
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Moment mal,

nur mit einem ganz wesentlichen Unterschied, bei uns ist niemals der Sauerstoff ausgegangen und die medizinische Versorgung ist auch nie kollabiert. Wir wären aber dort, hätten Kickl und die Ärztin (?) Berlakowitsch in unserem Land das Sagen!