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Sonnenfelsplatz: Ein Platz, auf dem besonders Rücksicht zählt

Im Sommer herrscht dort eher Gemächlichkeit, aber jetzt, nach Semesterbeginn an der Uni, brummt der Sonnenfelsplatz. Also mischen wir uns diesmal mit der Lilly ins studentische Gewühl.

© Klz / Stefan Pajman
Der Sonnenfelsplatz, hier fotografiert in Richtung Beethovenstraße und Leechgasse, ist ein Shared Space – alle Verkehrsteilnehmer sind gleichberechtigt

Damit wieder die Lilly den Vortritt hat. Beim Übersetzen von Straßen verfällt sie stets in eine gewisse hektische Nervosität. Wir versuchen derzeit, mit Training und Leckerlis dem beizukommen. Am Sonnenfelsplatz, wo gegangen und gefahren wird, wie es gerade passt, wirkt das sonst so wagemutige drauflosziehende Hündchen plötzlich unsicher, das sonst so stolz wedelnde Schwaferl bleibt unten. Das beschwichtigende Zureden mit „Das ist ja nur ein Shared Space“ scheitert jedoch, denn Lilly schaut nur verwundert auf.

Also, das Shared-Space-System sieht die gemeinsame und gleichberechtigte Nutzung eines öffentlichen Raumes durch alle Verkehrsteilnehmer, wozu auch die Fußgänger zählen, vor. Ohne Ampeln oder andere regelnde Verkehrszeichen. Begegnungszonen, heißt so etwas mittlerweile auf Österreichisch. Der Sonnenfelsplatz ist seit 2011 eine derartige.

Seinen Namen erhielt der Platz erst 1992, initiiert von Stadthistoriker Karl Kubinzky: „Bis 1938 existierte eine Sonnenfelsgasse als Verbindung von der Traungauergasse zum Eggenberger Gürtel, mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde diese aber arisiert und umbenannt und trägt nun den Namen Arnold-Luschin-Gasse. Über Jahrzehnte versuchte ich, einen Ersatz der gelöschten Sonnenfelsgasse bei der Stadtverwaltung zu erreichen. Immer wieder vertröstete man mit dem Hinweis, es stünde gerade keine würdige Gasse dafür zur Disposition“, erzählt Kubinzky, der schließlich 1992 doch erfolgreich war.

Wer war Joseph von Sonnenfels?

© Archiv Kubinzky
Joseph Freiherr von Sonnenfels (1732/1733–1817) war Publizist, Jurist, Verwaltungsreformer und Politikwissenschaftler in der Zeit von Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Josef II. und deren Berater, ein bedeutender Vertreter der Aufklärung

Die Kreuzung, an der Halbärthgasse, Schubertstraße, Leechgasse, Beethovenstraße und Zinzendorfgasse aufeinandertreffen, wurde zum Platz erhoben und erhielt die Benennung Sonnenfelsplatz. Der gute Mann dürfte wohl nur noch wenigen geläufig sein. Joseph von Sonnenfels war Publizist, Jurist, Verwaltungsreformer und Politikwissenschaftler in der Zeit von Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Josef II. und deren Berater, ein bedeutender Vertreter der Aufklärung. Er wirkte erfolgreich darauf ein, dass Maria Theresia in ihren Ländern die Folter abschaffte. Auf dem Denkmal für die Kaiserin (ja, als Gemahlin des römisch-deutschen Kaisers Franz I. trug die regierende Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen etc. den Titel Kaiserin) zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum ist auf dem Relief auch Joseph von Sonnenfels zu sehen.

© Klz / Stefan Pajman
Christian Weniger, Karl A. Kubinzky und Hündchen Lilly spazierten diesmal über den Sonnenfelsplatz

Zunächst gab es gar kein Haus mit der Adresse

Die 1992 als Sonnenfelsplatz benannte Kreuzung hatte jedoch einen kleinen Fehler, wie Kubinzky erzählt: „Es gab eigentlich kein Gebäude, das nun diese Adresse gehabt hätte. Unter Rektor Christian Brünner wurde daher das angrenzende Hochschülerschaftsgebäude, das auch die Mensa beherbergte, mit einer Sonnenfels-Hausnummer ausgestattet.“ Das Gebäude ist bis heute das einzige, das eine Adresse Sonnenfelsplatz hat – die Nummer 1. Es steht als bedeutendes Werk der österreichischen Nachkriegsmoderne unter Denkmalschutz, entworfen von der Werkgruppe Graz (Eugen Gross, Friedrich Groß-Rannsbach, Werner Hollomey und Hermann Pichler), die auch die Terrassenhaussiedlung planten, errichtet zwischen 1963 und 1967. In dem Bau ist nun ein Studentenheim untergebracht und der zum Platz davor passende Mensa-Space, eine Lernzone bzw. ein Treffpunkt samt Räumlichkeiten, in denen Studierende mitgebrachte Speisen verzehren oder auch zubereiten können. Praktisch die Fortsetzung des Shared-Space-Gedankens.

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Die ehemalige Villa Du Mont wurde aufgestockt und dient als Bürogebäude der Österreichischen Hochschülerschaft. Das Nebengebäude wurde 2018 abgerissen.
Die ehemalige Villa Du Mont wurde aufgestockt und dient als Bürogebäude der Österreichischen Hochschülerschaft. Das Nebengebäude wurde 2018 abgerissen. © Archiv Kubinzky

Villa Du Mont mit einschlägigen Wandmalereien

Hinter dem Mensa-Space steht eine Villa, die zwar die Adresse Schubertstraße 6a trägt – aber, so der Stadthistoriker: „bis 1992 den optischen Ostabschluss der Zinzendorfgasse bildete. Die ehemalige Villa Du Mont wurde 1939 zum von Berlin aus geleiteten Studentenwerk der Nazis. Einschlägige Wandmalereien von Franz Köck wurden nach 1945 übermalt und 1997 wiederentdeckt.“ Ob Monarchie, Erste Republik, Nazi-Zeit – Köck war allen dienlich. Der ehemalige Rektor der Uni und Zeithistoriker Helmut Konrad kontextualisierte die braunen Wandbilder des nationalsozialistischen Malers, der nach 1945 unpolitisch wurde und sich auf Landschaftsmalerei spezialisierte. Das 2021 generalsanierte Gebäude dient als Zentrum für Wissens- und Innovationstransfer.

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Historische Bilder vom Vorgängerbau der heutigen Chemie
Historische Bilder vom Vorgängerbau der heutigen Chemie © Archiv Kubinzky

Wo einst die Rote Tramway fuhr

Ein Supermarkt, eine Bäckerei samt Café und die Posaune, die einst als Stammlokal der Studierenden aus Kärnten galt, prägen den Platz mit. Ebenso der Komplex des Instituts für Chemie, dessen alter Teil am Universitätsplatz verortet ist und dessen moderner Teil in den Anfang der Schubertstraße gehört – der jedoch den Sonnenfelsplatz, wo ehemals die Rote Tramway von der Zinzendorfgasse zum Hilmteich fuhr, mitbestimmt.

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Die Posaune galt einst als Stammlokal der Studierenden aus Kärnten.
Die Posaune galt einst als Stammlokal der Studierenden aus Kärnten. © Klz / Stefan Pajman

„Ich bin immer froh, wenn ich diesen besonderen Platz unfallfrei verlassen kann“, atmet Stadthistoriker Kubinzky abschließend auf. Wobei seine örtliche Ängstlichkeit nicht mit Fakten untermauert ist. Denn wie die Zahlen ausweisen, frequentieren durchschnittlich täglich 15.000 Kraftfahrzeuge, 8000 Radfahrende und 14.000 zu Fuß Gehende den Sonnenfelsplatz. Gab es vor dem Umbau jährlich vier bis sechs Unfälle mit Personenschaden, so sind es, laut offiziellen Angaben, maximal ein bis zwei dieser Unfälle pro Jahr, es gab auch Jahre ohne einen einzigen Unfall, bei dem Personen Schäden erlitten.

Lilly scheint ihrem Freund Karl Kubinzky jedoch mehr abzunehmen als der Statistik. Nach Verlassen des Sonnenfelsplatzes geht das Schwaferl gleich wieder wedelnd in die Höhe und das Hündchen verfällt wieder in spielerische Munterkeit.

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