Schöner Wohnen in Graz mit Gotthold Ephraim

Erhabene Wohnhäuser mit schmucker historistischer Fassade, dazwischen Tupfen modernerer Architektur, die alte Technische Universität gleich daneben – ein Spaziergang durch die Lessingstraße.
Fragen kostet ja nichts, heißt es. Also wird gefragt. Mit der possierlichen Lilly an der Seite kommt man ja schnell mit anderen Passanten ins Gespräch. Und so nebenbei fällt dann eben die Frage, wer denn dieser Lessing sei, nach dem diese Straße benannt ist. „Sagt mir eigentlich gar nichts, wer soll das denn sein?“, kommt eine Antwort. „Der Lessing, das ist doch der Rechtsanwalt aus der Fernsehserie ‚Ein Fall für zwei‘, oder?“, weiß da jemand prompt. Endlich aber dann ein Treffer: „Das war ein deutscher Dichter“, sagt eine Dame mit wissendem Lächeln.
Also, Gotthold Ephraim Lessing war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Philosophen der Aufklärung, lebte von 1729 bis 1781. Eines seiner großen Werke ist „Nathan der Weise“ mit der Ringparabel, ein Plädoyer für religiöse Toleranz. „Im späten 19. Jahrhundert bediente man sich in den bürgerlichen Wohnvierteln des linken Murufers gerne der klassischen Bildungsnamen der Literatur. Die Adressen dieser großen Literaten gaben den Bewohnern einen symbolischen Anteil an deren Persönlichkeiten und Werken“, erläutert unser Stadthistoriker Karl Kubinzky.
Die Lessingstraße – ein beschauliches Wohnen in Altbauten
Die von der Mandellstraße zur Kreuzung Leonhardstraße/Schillerstraße führende Lessingstraße erhielt ihren Namen 1868, ein Teil gehörte einst zur Naglergasse. Was den Stadthistoriker wieder zu einem seiner Lieblingsthemen leitet: „Eine Straße klingt wichtiger als eine Gasse. Warum heißt die eine Naglergasse und die andere Lessingstraße?“ Beide bescheren an und für sich beschauliches Wohnen in Altbauten. Wobei die in der Lessingstraße durchwegs, aber mit Ausnahmen, aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und einige Jahre danach stammen.

Schauen wir uns doch beim Durchspazieren einige dieser Gebäude an. Als prächtigstes Haus sticht das auf Nummer 24 hervor, erbaut 1874 bis 1876 nach Plänen des Stadtbaumeisters Johann de Colle, dessen repräsentative Gründerzeitbauten auch die Parkstraße, die Kalchberggasse, Lenaugasse/Schubertstraße und andere Straßen zieren. De Colle war auch maßgeblich an dem Neuaufbau der im April 1865 durch einen Brand in Admont zerstörten barocken Stiftskirche beteiligt. Sein palaisartiges Gebäude in der Lessingstraße hebt sich schon durch die wuchtigen acht Karyatidenfiguren, skulpturale Frauen- bzw. Mädchengestalten, ab, in dem sich nun auch ein Zeichensaal der Technischen Universität für angehende Architekten befindet. Weiter in Richtung Mandellstraße auf der gegenüberliegenden Seite eine moderne Seite, der Technik-Zubau von Günther Domenig aus dem Jahr 1993.
Die Villa Koch wurde im 2. Weltkrieg durch Bomben zerstört
Ein Musterbeispiel dafür, wie in den 1950er-Jahren gebaut wurde, finden wir auf dem Rückweg an der Ecke Rechbauerstraße – der lang gestreckte, sehr nüchtern wirkende Bau der Versicherungsanstalt des österreichischen Bergbaues. Architekturkritiker Friedrich Achleitner, Chronist der österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts, lobte das als eines der „besten Verwaltungsgebäude der früheren 1950er-Jahre“. Vormals stand hier die 1882 errichtete herrschaftliche Villa der Familie Koch, der das Spielwarengeschäft auf dem Hauptplatz gehörte. Am 1. November 1944 wurde die Villa bei einem Luftangriff durch Bomben völlig zerstört. An diesem Tag wurden auch andere Wohngegenden schwer getroffen, der Angriff galt aber besonders der Gegend um den Hauptbahnhof.
Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der, der ohne Ziel umherirrt.
— Gotthold Ephraim Lessing
Die Vergänglichkeit auch ohne Kriegsgeschehen beschrieb Lessing übrigens so: „Alle großen Gebäude verfallen mit der Zeit, sie mögen mit Kunst und Zierraten oder ohne Kunst und Zierraten gebauet sein.“ Aber da ist die Lessingstraße sonst ganz gut beinander. „Wie das gründerzeitliche Stadtpalais auf Nummer 15, in dem ehemals der k. k. Universitätsprofessor Johann Blaschke, ein Jurist und auch Rektor der Universität, wohnte“, wirft Kubinzky ein, der auf eine persönliche Beziehung zum Haus auf Nummer 19 betont: „Da hatte Frau Anderl Rogge Fachschullehrgänge für Mädchen, eine Art privater Lehrerinnenbildungsanstalt, in der meine Mutter zur Pädagogin ausgebildet wurde.“ Auch dieser Bau erfuhr 1944 schwere Bombentreffer, bei denen 19 Menschen starben. Nach dem Krieg baute man aber dieses Haus wieder auf.
Das Ziel von Lilly hat immer nur ein Wort – Leckerli
Was das Wohnen in der Lessingstraße so besonders macht? Auf der einen Seite der nahe Kaiser-Josef-Platz mit seinem wunderbaren Bauernmarkt, auf der anderen Seite der Lessingpark, ausgewiesen als geschützter Landschaftsteil, als kleine grüne Oase. Wir schauen ihn uns von außen an, denn Lilly darf nicht hinein, Hunde müssen draußen bleiben. Aber wir lassen uns von Lessing trösten: „Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der, der ohne Ziel umherirrt.“ Die Lilly, die hat immer ein Ziel in ihren braunen Augen. Das Ziel hat immer nur ein Wort – Leckerli.


