Wo einst Schlote rauchten: Diese Grazer Gasse schrieb Geschichte
Heute prägen die Neubaugasse durchwegs moderne Wohnbauten, doch ehemals wurde hier Grazer Industriegeschichte geschrieben. Spaziergang durch eine Gasse, die mehr Aufmerksamkeit verdient.

Offenbar fand Lilly Gefallen am rechten Murufer. Wie selbstverständlich trabt sie Richtung Brücke und lotst hinüber auf die andere Seite. Also schauen wir auch diesmal wieder zur Lendseite, wo uns ab dem Lendplatz zur Zeillergasse führend die Neubaugasse erwartet – mag sein, kein funkelndes Glanzstück im Gassen-Ranking, aber nicht minder interessant. „Die Gegend trug ehemals den Namen Spitalsviehweide. Die Grazer Bürgerspitalsstiftung besaß in dieser Gegend schon seit dem 17. Jahrhundert weiträumige Flächen zur eigenen Versorgung, darunter auch Vieh, das auf den Murwiesen weidete“, erzählt unser wie immer kundiger Stadthistoriker Karl Kubinzky: „Vor 1770 gab es da nur fünf Häuser, dann begann eine rege Bautätigkeit, 1785 erfolgte daher die Neubenennung auf Neubaugasse. Schon Ende des 18. Jahrhunderts finden sich Zeitungsannoncen mit dem Hinweis auf die Neubaugasse, besonders auf die Seite zur Mur, den heutigen Lendkai gab es noch nicht, und auf die Nähe zur Innenstadt wird darin hingewiesen.“
Von der Industrie entdeckt
Der Stadthistoriker weiß von vielen Wäschereibetrieben zu berichten, die sich in dieser Gasse ansiedelten: „Zum Bleichen der Wäsche war das Ufer der Mur gut geeignet.“ Doch auch die Industrie entdeckte die Neubaugasse als Standort. Wie die oststeirische Fabrikantenfamilie Rathleitner, die in Friedberg seit 1560 als Tuchmacher tätig war und 1850 Grundstücke am Lendplatz und in die Neubaugasse verlaufend kaufte. Die dort ansässige Gerberei und Ledererzeugung wurde 1863 eingestellt und man konzentrierte sich unter dem Firmennamen „Schafwollwarenfabrik Jakob Rathleitner & Sohn“ auf die Fabrikation von feinen Garnen, Tuch, Loden, Stoffen für Anzüge, für Uniformen, wie auch Decken.

1885 erfolgte die Anschaffung einer Dampfmaschine zum Antrieb der Webstühle. In Spitzenzeiten gab es in der Tuchfabrik mehr als hundert Arbeitsplätze, ist nachzulesen. Im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg wurde die Firma Rathleitner in die Kriegswirtschaft einbezogen und lieferte Uniformen. 1944 richteten die Luftangriffe auf die Umgebung des Hauptbahnhofes auch schwere Schäden an der Fabrik in der Neubaugasse an, nach dem Wiederaufbau und der Modernisierung stellte das Grazer Traditionsunternehmen jedoch in den 1980er-Jahren den Betrieb ein. Und Rudi Lackner, der zuvor das Szenelokal Mahe hochgezogen hatte, eröffnete in der ehemaligen Halle die Club-Disco Teatro. Heute findet sich auf dem Areal, dessen Gebäude einen eher verwahrlosten Eindruck vermitteln, das ppc (ProjektPopCulture).
Tierhäute und Taschen
„Aber die Textil-Fabrik Rathleitner war nicht das einzige industrielle Unternehmen in der Neubaugasse“, leitet der Stadthistoriker über zur Lederfabrik Bieber, die in der Gasse weiter oben, über die Keplerstraße etwas weiter, ab 1875 ihren Sitz hatte. Oder besser, ihren Nebensitz, der Hauptsitz trug die Anschrift Körösistraße. Hier in der Neubaugasse lieferte man die Tierhäute an, sie wurden gereinigt und für die Weiterverarbeitung gegerbt, die in der Körösistraße geschah, von Taschen, Koffern, Gürteln, Etuis etc. bis zum Bedarf für Schuster.

Schluss war schließlich in der Mitte des 20. Jahrhunderts, um das Areal und die Gebäude in der Neubaugasse entfachte sich aber vor zehn Jahren ein Wirbel. Dem Fabriksdenkmal bereiteten Bagger ein überraschendes Ende, als es unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. Nur der Schlot blieb vorerst stehen. Gegenüber ein moderner Wohnbau, in seiner Fassade sichtbar die ehemalige Werkshalle einer Eisengießerei und Maschinenfabrik, deren Anfänge mit dem Jahr 1833 datieren, die Brückenwaagen, später auch Kräne erzeugte, ebenso aber auch die Grazer Kanaldeckel. 1882 kam auch für diesen Betrieb das Aus. Aber die Fassade des Wohnblocks Neubaugasse 47 erinnert an dieses Unternehmen.
Für Kinder aus prekären Verhältnissen
Der moderne Wohnbau hat längst von der Neubaugasse sichtbar Besitz ergriffen. Vereinzelt finden sich noch Häuschen aus der alten Zeit. Wie das auf Nummer 37, im Kern aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, mit einer Madonna an der Fassade. Oder auf Nummer 59, ein Haus aus dem 18. Jahrhundert, der Wölfingerhof. Auf Nummer 22 ein späthistoristisches Wohnhaus, etliche Jahre älter das wuchtige viergeschossige Gebäude auf Nummer 10 bis 14. Errichtet in der Mitte des 19. Jahrhunderts vom Vinzenzverein als Knabenasyl, dem Vinzentinum. Mittlerweile freilich mehrfach umgebaut. In dieser Einrichtung erhielten Schüler aus armen Familien Unterkunft, Verpflegung und auch Hilfe beim Lernen, 1938 löste das Nazi-Regime das Asyl auf und enteignete den Bau. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, nach 1945 aufgebaut, fand es in den nächsten Jahrzehnten verschiedene Nutzungen, bis zur Unterkunft für die Pfadfinder.
„Zum lustigen Bauern“
Zum Abschluss erzählt Kubinzky noch, dass 1827 das Hochwasser die ganze Gegend um die nunmehrige Neubaugasse überschwemmte, die Nachteile der später beworbenen „Murlage“, und dass auch eine erinnerungswürdige Institution für das leibliche Wohl sorgte: „Auf Nummer 66 lud das Gasthaus zum lustigen Bauern ein.“
Unser Spaziergang erreicht die Mittagszeit, Lilly tickt, wenn es ums Fressen geht, wie ein Uhrwerk und sie zeigt, dass es jetzt Zeit ist. Also zurück auf das andere Murufer und Richtung St. Peter, wo der Futternapf gefüllt werden will. Für das nächste Mal suchen wir uns ein Ziel auf der linken Murseite, eine Gasse ist schon in den Überlegungen – und die hat aber auch irgendwie etwas mit dem rechten Murufer zu tun.
Das Buch zur Serie
Christian Wenigers historische Erkundungstouren mit Lillys Vorgängerin Paula sind in zwei Büchern erschienen. Zuletzt: „Neue Grazer Spaziergänge mit Paula“, Kleine Zeitung Edition, 160 Seiten, 18,90 Euro. Auf shop.kleinezeitung.at und im Buchhandel.

