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Bernadette Frech: „Mütter kriegen kein Burn-out, sondern ein Burn-on“

Instahelp-CEO Bernadette Frech über die große Erschöpfung von Müttern. Die dreifache Mutter erzählt, warum so viele Frauen am Rand des Zusammenbruchs stehen. Und trotzdem weiter funktionieren.

Bernadette Frech sieht die Belastungen von Müttern tagtäglich in ihrer Arbeit beim psychologischen Online-Dienst „Instahelp“
© Jürgen Fuchs
Bernadette Frech sieht die Belastungen von Müttern tagtäglich in ihrer Arbeit beim psychologischen Online-Dienst „Instahelp“
Barbara Haas
Leitende Redakteurin Frauen & Familie, Podcast-Host von fair&female

In der aktuellen Episode der Mini-Staffel „Das Kind – eine Zumutung“ bei „fair&female“ geht es um die Erschöpfung von Frauen.

Arbeiten, Kinder, Partnerschaft, Haushalt – und bitte in allem möglichst gut sein. Bernadette Frech, CEO der Online-Plattform Instahelp und selbst dreifache Mutter, erlebt, wie Frauen an diesem Anspruch zunehmend an ihre Grenzen geraten.

Frau Frech, mit welchen Problemen kommen Mütter zu Ihnen?

Bernadette Frech: Viele sind in der „Rush Hour“ ihres Lebens, zwischen 28 und 45 Jahren. Da finden sehr viele Rollen gleichzeitig statt: Mutter, Partnerin, Karriere, teilweise kommen schon pflegebedürftige Eltern dazu. Auffallend ist, dass sehr viele Frauen in einem sogenannten Burn-on-Zustand sind.

Was bedeutet Burn-on?

Diese Frauen arbeiten, tragen die Mehrfachbelastung, sind leistungsfähig – und brechen innerlich zusammen. Es ist nicht das klassische Burn-out, bei dem irgendwann gar nichts mehr geht. Sie funktionieren weiter. Immer weiter tun, immer weiter leisten, obwohl sie innerlich eigentlich komplett erschöpft sind.

Woran merken Frauen, dass sie an diesem Punkt sind?

Sie sagen: „Ich bin permanent müde. Egal, wie viel ich schlafe.“ Sie sind gereizt, das kleinste Geräusch der Kinder ist zu laut, beim Partner sind sie sofort auf hundert. Viele sagen: „So bin ich eigentlich gar nicht. Ich erkenne mich selbst nicht wieder.“ Dazu kommen enorme Schuldgefühle.

Frauen sollen heute arbeiten, als hätten sie keine Kinder, ihre Kinder großziehen, als hätten sie keine Arbeit – und so aussehen, als hätten sie weder Kinder noch Arbeit.

— Bernadette Frech, CEO Instahelp und dreifache Mutter
Bernadette Frech im Podcast-Gespräch mit Barbara Haas (li.)
© Jürgen Fuchs
Bernadette Frech im Podcast-Gespräch mit Barbara Haas (li.)

Warum Schuldgefühle?

Egal, wo sie sind, glauben sie, nicht genug zu sein. In der Arbeit denken sie, sie leisten zu wenig. Bei den Kindern sind sie nicht genug Mama. Die Partnerschaft ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Frauen sollen heute arbeiten, als hätten sie keine Kinder, ihre Kinder großziehen, als hätten sie keine Arbeit – und so aussehen, als hätten sie weder Kinder noch Arbeit.

Was ist dabei die größte Belastung?

Ein großer Teil ist Mental Load. Nicht nur das Erledigen von Aufgaben, sondern ständig im Kopf zu haben: Wer braucht wann was? Wann beginnt die Schule? Wer hat Training? Wann ist Logopädie? Wer hat einen Kindergeburtstag? Wer braucht eine gesunde Jause? Das sind Hunderte logistische Aufgaben, die im Kopf stattfinden.

Aber heute teilen doch viele Paare die Aufgaben stärker auf, oder?

Das Problem ist: Wenn ich meinem Partner sagen muss, woran er denken soll, habe ich zwar einen Task abgegeben, aber nicht den Mental Load. Und selbst das Einfordern einer gerechteren Aufteilung liegt wieder bei den Frauen. Das ist eine zusätzliche Belastung.

Sie sagen, es gibt noch eine Form von Arbeit, die besonders unsichtbar ist. Welche meinen Sie?

Die emotionale Arbeit. Wir co-regulieren unsere Kinder ständig: wenn sie traurig sind, wütend, nicht schlafen, keine Aufgabe machen wollen oder später pubertieren. Das benötigt unglaublich viel Energie. Und gerade dieser emotionale Teil wird kaum gesehen.

Machen sich Mütter den Druck aber nicht teilweise selbst?

Natürlich. Aber dieser Druck ist auch gesellschaftlich geprägt. Früher war die Frau vor allem die Versorgerin der Familie. Heute soll die moderne Frau zusätzlich gut ausgebildet und beruflich erfolgreich sein. Diese beiden Rollen prallen aufeinander – aber wir haben kein neues Modell gefunden. Es ist immer mehr dazugekommen, aber kaum etwas weggefallen.

Und dann lautet die Antwort: Self-Care?

Das kann schnell absurd werden. Wenn man kaum Zeit hat, wie soll man dann noch entspannt meditieren? Viel wichtiger finde ich die Frage: Was ist für mich gut genug? Es ist okay, wenn ich zu Hause einmal ausraste. Es ist okay, wenn ich einen Termin verschieben muss, weil er mit den Kindern nicht vereinbar ist. Deswegen bin ich trotzdem gut genug.

Sie waren selbst mit zwei Kindern alleinerziehend und haben gleichzeitig Instahelp aufgebaut. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich habe mich in jeder Rolle unglaublich einsam gefühlt. Nicht, weil niemand da war. Ich hatte ein tolles Team, ich liebe meine Kinder. Aber ich war in der Verantwortung extrem einsam. Das ist mir bis heute sehr stark in Erinnerung geblieben.

Was müsste sich ändern?

Wir brauchen ein realistischeres Bild von Mutterschaft. Kinder sind manchmal eine Zumutung und gleichzeitig die süßesten Spatzen der Welt. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Und vielleicht sollten wir von dem Bild, wie wir als Mütter sein wollen, einfach einmal 40 Prozent streichen. Wenn wir die restlichen 60 Prozent schaffen, sind wir schon wirklich gut.

Familie und Mutterschaft