Turnunfall südlich von GrazKindergarten nach Turnunfall verurteilt

Verletzte Aufsichtspflicht: Fünfjährige erhält nach Ellbogenbruch Schadenersatz. Entscheidung des Obersten Gerichtshofs sorgt in Kindergärten im ganzen Land für Verunsicherung.

Werden Spiel und Spaß für Kindergrätnerinnen zur Risikoabwägung?
Werden Spiel und Spaß für Kindergärtnerinnen zur Risikoabwägung? © Anatoliy Samara - Fotolia
 

Es war eine Turneinheit, wie sie in Kindergärten im ganzen Land zum Alltag gehören. Die Kleinen durften über ein Seilgitter auf eine Sprossenwand klettern und über eine dort eingehängte Langbank hinunterrutschen. Als zwei Mädchen zu zweit rutschten, fiel eine Fünfjährige auf den Boden und brach sich den Ellbogen.

Schadenersatzforderung: 15.400 Euro

Seither befasst dieser Unfall die Gerichte. Der Vater des Mädchens verklagte den Gemeindekindergarten der Marktgemeinde südlich von Graz, es liege eine Verletzung der Aufsichtspflicht der Kindergärtnerin vor. Er begehrte Schadenersatz von rund 15.400 Euro und die Feststellung, dass der Kindergarten für sämtliche Spät- und Dauerfolgen aus dem Unfall hafte.

Verletzung der Aufsichtspflicht

Der Oberste Gerichtshof bestätigte im Sommer das Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) für Zivilrechtssachen in Graz, das von einer Verletzung der Aufsichtspflicht ausging. Der Anspruch auf Schadenersatz besteht zurecht. Das OLG urteilte, die Kindergärtnerin hätte als alleinige Aufsichtsperson solche Übungen gar nicht durchführen lassen dürfen. Überdies hätte sie die beiden Mädchen schon ermahnen müssen, die beim gemeinsamen Rutschen schaukelten. Das Rutschen zur zweit wäre auch nur erlaubt gewesen, wenn die Aufsichtsperson direkt daneben gestanden wäre.

Kindergärtnerin allein mit 21 Kindern

Ein Urteil, das Auswirkungen auf die Kinderbetreuung im Land hat – insbesondere, darauf, wie intensiv mit Kindern noch geturnt wird, meint der Grazer Anwalt der Marktgemeinde, Roland Gsellmann: „Als der Unfall passierte, war die Kindergärtnerin mit 21 Kindern allein, weil ihre Kollegin sich krank gemeldet hatte. Die erfahrene Kindergärtnerin hat die Turneinheit trotzdem abgehalten. Sie sah keinen Grund, direkt danebenstehen zu müssen, weil es sich um Kinder im dritten Kindergartenjahr handelte, die das von ihrer körperlichen Entwicklung gut schaffen.“

Muss Kindergarten für Folgeschäden haften?

Als die Fünfjährige „aus 60 Zentimetern Höhe“ hinuntergefallen ist, sei die Betreuerin rund zwei Meter danebengestanden, sagt Gsellmann: „Das war ein Spielunfall, wie er vorkommen kann, so hat das die Erstinstanz gesehen. Das OLG kam überspitzt zum Schluss, die Kindergärtnerin hätte die Mädchen beim Rutschen bei der Hand nehmen müssen.“


Strafrechtlich gab es für die Kindergärtnerin keine Folgen. Die Erstinstanz muss nach dem Spruch des OGH über die Höhe des Schmerzensgeldes entscheiden und darüber, ob der Kindergarten auch für mögliche Folgeschäden haftet.

 

Das Oberlandesgericht kam überspitzt zum Schluss, die Kindergärtnerin hätte die Mädchen beim Rutschen bei der Hand nehmen müssen. Aber die Kinder waren für diese Übung alt genug.

Roland Gsellmann, Anwalt des Gemeindekindergartens

Das ärztliche Gerichtsgutachten liegt nun vor: Der Unfallchirurg setzt die Höhe des Schmerzensgeldes mit rund 2000 Euro an, die Gefahr von Folgeschäden sei nicht gegeben. Der Anwalt der Familie war gestern nicht zu erreichen.

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Danke für Ihr Verständnis.

leut
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erschreckend

Ich finde es nicht nur erschreckend, dass jem. auf die Idee gekommen ist den Kindergarten zu verklagen, weil sich Kinder beim Spielen verletzen. Viel schockierender ist für mich, dass das OLG ihm Recht gab und noch dazu mit dem Hinweis "Bitte nehmt Kinder beim Rutschen an die Hand...". Da läuft der Hase meiner Meinung nach komplett in die falsche Richtung (und ja, hoffentlich verletzt er sich dabei nicht...)

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susl1
8
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Dieses Gerichtsurteil

ist eine Fehlentscheidung. Grob fahrlässig wurde sicher nicht gehandelt, und wenn es generell aus Spargründen immer weniger Personal gibt, dann ist das ein Versäumnis der Politik. Mehr Personal-mehr Aufsicht. Die einzelnen Pädagogen können am wenigsten dafür. Hat sich doch früher niemand über einen Knochenbruch groß aufgeregt. Wie so schön gesagt: da hätte man mit einem Stift noch den Gips verziert. Zu klagen? Das wäre keinem eingefallen.
So gesehen "krankt" es heute in der Gesellschaft, aber so richtig.

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Flappo
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Das darf ich hier nicht Aussprechen bz Schreiben

🤔🤔 Und jetzt fragen wir uns mal wiso es keine ausfüge zum Eislaufen oder Schitage usw gibt . Dann soll er doch auf sein Kind selber aufpassen . So ein 😷 😡. Unfälle werden immer wieder passieren oder wickelt er sein Kind zuhause in Polsterfolie ein ?

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ztirf
6
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Selbstanzeige

Wo kann man die bitte machen.
Ich habe als Großvater im letzten Jahr mehrfach meine Aufsichtspflicht verletzt. Mein 5 jähriger Enkerl ist mehrfach auf verschiedenen Rutschen mit Zufallsbekanntschaften auch zu zweit gerutscht, ist die Rutsch nicht über die vorgesehenen Leitern hinaufgeklettert, hat sich wahrscheinlich zu schnell auf Ringelspielen gedreht, ist vom Stockbett gesprungen, usw. Zum Glück hat es sich nie ernsthaft verletzt.
Auf Grund des Urteiles muss ich mir ernsthaft überlegen in Zukunft auf mein Enkerl und seine FreundInnen aufzupassen und die in meinen Garten zu lassen.
Meiner Frau, die in einer Betreuungseinrichtung für Kinder arbeitet, muss ich eigentlich raten ihren Job aufzugeben und sich etwas anderes zu suchen. Dieses Urteil ist ja existenzgefährdend für KinderbetreuerInnen.

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goje
6
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überspitzt gesehen

haben sie völlig recht. daher rate ich ihnen, dem enkerl per sofort ein smartphone wie auch ein tablet zu geben und natürlich ein gemütliches platzerl vorm fernseher einzurichten. bitte keinen garten, keinen wald und schon gar keinen spielplatz besuchen. das wäre echt gefährlich ... 🙃

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plolin
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Und dieser Typ nennt sich Vater?

Ich frage mich nur, wie es bei denen zu Hause aussieht. Statt Kinderzimmer eine Glaskuppel, wo sich das Kind 24 Stunden befindet?
Arm.
Welcher Rechtsanwalt macht bei so einer Klage mit?
Traurig.
Geld stinkt nicht. Die sollen sich beide schämen.
Das arme Mädchen.

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Limousin
7
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Einfach armselig

Ich beginne demnächst mein 25. Jahr als Kindergartenpädagogin. Nur wegen der Freude mit und an den Kindern mache ich diese Arbeit. Wegen des Gehalts und den Rahmenbedingungen sicher nicht. Wenn meine Arbeit mich jeden Tag vor Gericht bringen kann, ist es das wert? In so vielen Studien steht, wie wichtig diese Phase der Kindheit ist. Nur wenn man den Kindern was zutraut, gewinnen Sie Selbstvertrauen. Sie müssen auch selber Grenzen kennenlernen. Dürfte man diese Erfahrungen nicht mehr bieten, würde man nur mehr beaufsichtigen. Wenn man die Räume nicht öffnet und die Kinder selbst ihren Bedürfnissen nachgehen lässt, sollen sie etwa ganztags im Kreis sitzen und Geschichten anhören? Mit so einem Urteil werden die Kids als naive Armutschkerln hingestellt. Freilich ist es schmerzvoll, wenn was passiert, aber davon erholt man sich.
Wir haben ja gar kein Personal, allen die Hand zu halten, wenn das so ausartet. Muss meine Betreuerin mal was holen gehen, ist schon Krise, von einem WC-Besuch z.B. gar keine Rede. Urlaub wird uns immer mehr reduziert und auch Vorbereitungszeit. Eine Lehrerin hat wenigstens Pausen oder mal eine Stunde frei. Man nimmt den Kindern und diesem Beruf die letzte Würde.

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silviab
7
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Eltern

ab sofort wegen jedem Kratzer wegen Aufsichtspflicht verklagen! Es kann ja nicht sein, dass sich die Kinder beim Spielen und Toben verletzten. Bitte Kinder nur mehr vor den Fernseher und Computer setzen, Bewegung ist zu gefährlich! :-)!!! Ach, und am Besten unter eine Glashaube. Hoffentlich fällt dann nichts drauf. --> Traurig, traurig! In welcher Welt leben wir eigentlich. Es gibt keine Eigenverantwortung mehr, null Toleranz - muss eigentlich jeder Sch..ss von Amerika übernommen werden? Nachdem heute jedermann/frau studiert, es viele Verlegenheitsjuristen, gibt müssen die wohl beschäftigt werden. Quo vadis Austria?

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KarlGrinschgl
9
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schwachsinn

so ein schwachsinn..... dann darf man die kinder im turnunterricht nur noch auf der bank sitzen lassen .... jeder hat sich schon mal verletzt... und dass dann eltern auf die idee kommen die kindergärtnerin für einen nirmalen turnunfall zu verklagen zeigt wie krank unsere gesellschaft heute ist.
alle jammern dass sich kinder nicht mehr bewegen... aber mit so einem urteil ist es ja keiner aufsichtsperson mehr zumutbar die verantworrtung für normale freie bewegung zu übernehmen.
wie konnten wir überhaupt erwachsen werden

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plolin
9
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Gut geschrieben

Aber anhand der "Daumenrunterdrücker" kann man schön erkennen, wieviele solcher "Väter" sich hier im Forum befinden. Erschreckend

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Limousin
6
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3x Daumen runter?

ws. die Eltern und der Anwalt :-) :-)

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plolin
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limousin

Ja, genau 😂😂

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