Lockdown & SchuleBildungslandesräte kämpfen für Erleichterung bei "Distance Learning"

Schule in Coronazeiten: kein Lockdown, aber viele, die zu Hause bleiben. Die Lehrkräfte sind bei der Frage, wie sie beide Gruppen unterrichten, weitestgehend auf sich allein gestellt.

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Rund 75 Prozent der Kinder sind am ersten Tag des landesweiten  Lockdown in Österreich in die Schule gekommen.
Rund 75 Prozent der Kinder sind am ersten Tag des landesweiten Lockdown in Österreich in die Schule gekommen. © Getty Images
 

Neue Freiheit an den Schulen oder Chaos pur? Die Interpretationen ließen gestern, am Tag 1 des österreichischen Lockdowns, ein breites Spektrum zu.

Laut Bildungsministerium besuchten in sieben Bundesländern rund drei Viertel der Kinder die Schule, in der Steiermark waren es sogar 80 Prozent. Tendenziell waren es an den Volksschulen mehr, an den höheren Schulen weniger Kinder, die zu Hause blieben, auch wegen der steigenden Durchimpfungsrate bei den Älteren.

Die Bildungsreferenten der Bundesländer versuchen derzeit offenbar gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden, dem Bildungsministerium und dem Arbeitsministerium den Unmut vieler Schüler, Eltern und Lehrer über die aktuelle Lockdown-Regelung an den Schulen abzufedern. Wunsch ist, dass Klassen ab einer gewissen Zahl positiver Fälle seitens der Bildungsdirektionen behördlich verordnet ins Distance Learning geschickt werden. Noch aber laufen die entsprechenden Abstimmungen.

Anspruch auf Sonderbetreuungszeit

Damit würden Eltern, die ihre Kinder angesichts des Infektionsrisikos freiwillig zu Hause betreuen, wieder Anspruch auf Sonderbetreuungszeit und die Arbeitgeber Anspruch auf Entgeltfortzahlung bekommen. Derzeit sei Distance Learning für eine ganze Klasse eine Einzelentscheidung und brauche die Zustimmung des Bildungsministeriums - umfangreiche Begründung inklusive, so die Bildungspolitiker.

Es brauche eine schnelle Regelung ohne den Umweg über Wien. Für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen soll es an den Schulen weiter Betreuungsmöglichkeiten geben. Die Idee zum Vorstoß stammt offenbar von der Tiroler Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP). Sie ist derzeit Vorsitzende der Landesbildungsreferenten. Ihr Sprecher wollte sich am Montagabend noch nicht zu den Plänen äußern. "Es laufen derzeit noch Gespräche. Wir werden das kommunizieren, sobald es Hände und Füße hat."

Direktionen mit Anfragen geflutet

Unsicherheiten in Bezug auf Prüfungen und die Einbindung der Zuhausebleibenden führten zu einem wahren E-Mail- und Anrufbombardement der Direktionen. Insbesondere die Frage, wie es um das Distance Learning bestellt ist, das mittlerweile gut gelernt ist, wofür aber keine Kapazitäten vorhanden sind, wenn die Lehrer gleichzeitig in der Klasse präsent sein sollen, erhitzte die Gemüter.

Die Lehrergewerkschaft spricht sich für das Offenhalten der Schulen aus, fordert jedoch, dass auf Schulebene sowohl das komplette Schließen von Klassen als auch die komplette Umstellung auf Distance Learning möglich sein müsse. Wissenschaftler fordern, Schulen und Universitäten sofort zu schließen und online zu lehren.

Ebenfalls 14 Tage Distance Learning fordern 100 Schulsprecherinnen und Schulsprecher in einem Offenen Brief, allerdings bei Aufrechterhaltung einer Betreuungsschiene.

Faßmann entschuldigte sich

Minister Heinz Faßmann entschuldigte sich für das Informationschaos rund um die Auswirkungen des Lockdowns für die Schulen und bat um Nachsicht. Es sei ihm bewusst, dass man „wahnsinnig wenig Zeit hat“, sich vorzubereiten. Praktische Erläuterungen gab es von der Sprecherin des Ministers:

Schularbeiten und Tests müssen nicht, können aber abgehalten werden, wenn die Absage von größerem Schaden für die Schüler wäre und möglichst alle teilnehmen können. Sie sind im Einzelfall nachzuholen, wenn sonst keine Leistungsfeststellung möglich ist.
Eine Umstellung auf Distance Learning sei jederzeit möglich – wie bisher auch schon bei Schließungen von Klassen nach Infektionen.

Mit Stand gestern waren übrigens 16 der 6000 Schulen in Österreich coronabedingt zu, dazu noch 492 von insgesamt 58.000 Schulklassen.

Flexibilität sei gefragt: Sind es nur wenige in der Schule, werde man online unterrichten, die Anwesenden vielleicht in der Klasse teilhaben lassen. Denkbar sei auch, dass ein Lehrer alle Kinder einer Schulstufe in der Schule betreue und ein anderer die übrigen online unterrichte.

Schüler brauchen Schule

Gelassenheit legte die Sprecherin der AHS-Direktoren, Isabella Zins, im Mittagsjournal des ORF an den Tag: Der Erlass lasse Spielraum und die Schulen würden das Beste aus der Situation machen. Ausschlaggebend dafür, dass die Schulen offen bleiben, sei die Expertise der Jugendmediziner und -psychologen gewesen: Man könne die Kinder trotz der hohen Ansteckungszahlen nicht noch einmal einsperren, sie bräuchten die Gemeinschaft für ihr Wohlbefinden und das Lernen.

Kommentare (8)
schteirischprovessa
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Ich habe mir am Sonntag bei im Zentrum ua Frau Griss im Fernsehen angehört.

So wie sie das in Bezug auf soziale Kontakte, die unbedingt in der Schule stattfinden müssen um die Kinder nicht in psychische Störungen zu treiben, kommt man zum Schluss, das größte Verbrechen an unseren Kindern sind durchgehende neun Wochen Ferien.

wolff02
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Schteirisch......

tut mir leid ich habe meine Ferien immer mit viel im Freien mit anderen Kindern in Erinnerung und eine Maske hatten wir nur beim Indianerspielen 😉😄

mahue
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Manfred Hütter: mich wundert es nicht, warum gerade Bildungslandesräte sind die aufschreien

In der Schule meines 13 jährigen Sohnes waren gestern fast 90% der Kinder in der Schule. Es wurde Antigen getestet, heute wieder mit PCR-Test und Freitag nochmals mit Antigen-Test. Nach Hause wurde kein Kind geschickt, Eine Hand voll blieb zu Hause, Gründe wird es wohl geben in alle Richtungen.
Bin kein Lehrer oder Elternvertreter.
Für mich ist eines glasklar, nur die gewisse Lehrer, die in Gewerkschafts-Personalvertreterfunktion sind, reden ein Chaos aus politischen Gründen herbei (sind weniger in Klassen, als Mitkollegen durch ihre politischen Funktionen teilweise freigestellt).
War bei uns in der Finanzverwaltung auch so, wenn es um steuerrechtliche Fragen ging, haben aber selbst weniger praktische Fälle bearbeitet und daher Praxis-Wissen.

SANDOKAN13
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Schauplatz Villach

Eislaufplatz am Magistratsplatz, Kinder dicht an dicht gedrängt O H N E Mundschutz. Ich M I T Mundschutz wurde alleinstehend vor einem Cafe stehend Zeitungslesend und Cafetrinkend von der Polizei verjagt!!

wolff02
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Sehr Gut

die Abstimmung mit den Füßen durch die Eltern und die Schüler. Nachdem in der Schule regelmäßig getestet wird und zusätzlich jetzt die Maskenpflicht gilt gibt es keinen Grund die Kinder wieder einzusperren. Es sollte sich schön langsam auch bis zu den dümmsten Regierungsmitglied, Landeshauptmann und den Journalisten herumgesprochen haben das Kinder im Fall einer Ansteckung durch die Bank einen milden Verlauf haben und die Angehörigen von den Kindern sollten ohnehin geimpft sein. Es wird Zeit das Politiker und Medien wieder rationell agieren, den ich kann im Gegensatz zu ihnen garantieren da es auch in kommenden Jahrzehnten immer wieder einen Jahreszeitenwechsel mit mehr Infektionskrankheiten geben wird oder wollen wir jetzt das Schauspiel bis zum Ende der Welt weiter machen

UHBP
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Bildungslandesräte kämpfen für Erleichterung bei "Distance Learning"

Allen wird man es sowieso nie recht machen können.
Die einen wollen offene Schulen. Die anderen wollen Schulschließungen.
Die einen wollen Schularbeiten. Die anderen wollen keine.
Die einen haben die Zeit, die Möglichkeit und die Fähigkeit ihre Kinder selbst zu unterrichten damit sie nicht "hinten" bleiben. Die anderen haben dies leider - und das in den meisten Fällen nicht selbst verschuldet - nicht.
Die einen haben für jedes Kind einen eigenen "Arbeitsplatz". Die anderen müssen sich einen Computer teilen.
Also, ich glaube es läuft ganz gut, obwohl man schon sagen muss, dass, wenn einem (Politiker) nach 20 Monaten Pandemie etwas wieder überraschend trifft, dann wohl etwas schief läuft.

goje
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20 Monate nach dem ersten Lockdown und in den Schulen

kein Fortkommen. Technische Verbesserung? Nix in Sicht. Versorgung der Kinder mit Tablets? Noch immer nicht. Das ist so richtig bezeichnend für ein marodes Schulsystem, in dem selbst die motiviertesten Schüler:innen, vor allem aber die Lehrkräfte untergehen (müssen)!
Selbst in deutlich ärmeren Ländern (z.B. Puerto Rico, da weiß ich es aus erster Hand), hat jedes Kind die Möglichkeit am Unterricht teilzunehmen, ob in der Schule, in Quarantäne oder von wo auch immer. Das ist bei uns nicht möglich? In einem der teuersten Bildungssystemen der Welt? Ich nenne das ein Totalversagen der Politik.

regiro
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Welche "viele" sind das, die zu Hause bleiben?

Im Wiku sind 95% in der Schule. Und das ist auch gut so. Die Kinder egal welchen Alters haben auf sehr vieles verzichtet, sämtliche Fern-, Hybrid-, Schichtbetriebsvarianten sind extrem mau statt schlau gelaufen, ab der 4. Klasse Unterstufe sind die Schüler*innen großteils geimpft. So what?
Die Direktor*innen und das Kollegium sind wirklich gut aufgestellt - lasst die Schulen tun, was Schulen tun: präsenzunterricht mit den höchstmöglichen Hygienemaßnahmen.