Kanzler Kurz im Interview"Reisefreiheit, wie wir sie gekannt haben, wird es nicht geben, solange es keine Impfung gibt"

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) schwört die Österreicher darauf ein, zu Ostern nicht die Familie zu besuchen und die Maßnahmen gegen das Coronavirus einzuhalten. Am Montag will er bekanntgeben, wann der Handel wieder aufsperren darf.

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© BKA
 

Herr Bundeskanzler, am Montag haben Sie von einer drohenden Überforderung des Gesundheitssystems Mitte April gesprochen. Mitte der Woche hat sich gezeigt, dass die gesetzten Einschränkungen wirken, am Freitag sprach Vizekanzler Werner Kogler davon, die Wirtschaft langsam wieder hochzufahren. Wo stehen wir denn nun wirklich?

Sebastian Kurz: Alles, was Sie sagen, ist richtig. Diese Krankheit kann sich exponentiell verbreiten, wenn es schlecht läuft, aber genauso kann der Rückgang exponentiell verlaufen, wenn alle diszipliniert sind. Zusammengefasst würde ich sagen: Wir sind noch nicht über den Berg. Es wird noch sehr viel an Disziplin und Einschränkungen notwendig sein. Die gute Nachricht ist aber: Die Maßnahmen sind richtig, sie wirken und es gibt einen Rückgang der Ausbreitung. Wenn wir die Osterwoche alle diszipliniert bleiben, bin ich zuversichtlich, dass wir nach Ostern schrittweise und behutsam zur Normalität zurückkehren können. Meine Große Bitte an die Österreicherinnen und Österreicher ist: halten Sie Abstand und halten Sie sich an die Maßnahmen. Gerade in der Osterwoche wird das schwerfallen. Aber gerade, wenn man die Eltern, die Großeltern, die Verwandten und Freunde liebt, dann darf man sie dieses Jahr zu Ostern nicht besuchen.

Wenn Sie sagen, die Maßnahmen werden schrittweise wieder hochgefahren: Gibt es einen Stufenplan, nach dem Schema „Wenn der Replikationsfaktor, die Ausbreitungsgeschwindigkeit entsprechend gering ist, dann dürfen Geschäfte wieder aufmachen, und so weiter“?

Es gibt einen klaren Plan aufgrund der Erfahrungswerte einiger asiatischer Länder, die die Krankheit erfolgreich bekämpft haben. Wir werden beim Wiederhochfahren des Landes mit dem Handel beginnen. Ich hoffe, dass wir schon am Montag ein Datum nennen können. Dann muss man die Entwicklung sehr vorsichtig beobachten und Schritt für Schritt die Maßnahmen zurücknehmen. Warum ist das so wichtig? Weil ein neuerlicher Ausbruch dramatisch wäre und die zweite Welle gefährlicher sein könnte als die erste.

Dienstleistungen und Gastronomie werden erst später wieder hochfahren können?

Ja. Wir werden am Montag unseren Plan präsentieren. Wichtig ist jetzt, dass wir konsequent sind, unsere Maßnahmen einhalten und so auch schneller als andere wieder aus dieser Krise herauskommen. Dann bin ich überzeugt, dass Österreich auch wirtschaftlich das Comeback gelingen wird.

Bundeskanzler Sebastian Kurz im Videokonferenz-Interview mit den Bundesländerzeitungen. Foto © BKA

Wie stehen die Chancen für die Salzburger und Bregenzer Festspiele? Wie wahrscheinlich ist es, dass sie stattfinden können?

Vieles hängt von der Entwicklung der Ausbreitung dieser Krankheit ab. Klar ist, dass wir beim Wiederhochfahren mit den Geschäften beginnen, und dass Großveranstaltungen sicher ganz am Ende stehen werden beziehungsweise stehen müssen. Von wie vielen Monaten wir hier sprechen, ist im Moment schwer zu sagen.

Hat es Sinn, sich schon den Kopf über einen Sommerurlaub zu zerbrechen?

Solange es keine Impfung oder keine wirksamen Medikamente gibt, wird uns diese Krankheit begleiten. So lange wird es auch die Reisefreiheit, wie wir sie gekannt haben, nicht geben. Bei den Testungen wird es aber viel Fortschritt geben und wir werden mehr und mehr lernen, mit dieser Krankheit leben. Klar ist aber: Der wirkliche Game Changer wird die Impfung oder das Medikament sein. Bis dahin werden drei Begleitmaßnahmen immer dazu gehören: Der Schutz der gefährdeten Gruppen und älteren Menschen. Der Abstand zwischen den Menschen und die Masken. Sowie das professionelle Containment: Sobald es eine Ansteckung gibt, muss der Betroffene und ihre Kontaktpersonen sofort in Isolation, um zu verhindern, dass aus einem Glutnest wieder ein Flächenbrand wird.

Und die Urlaubsplanung im Sommer? Ja oder Nein?

Ich bin vorsichtig mit Einschätzungen, die über die nächsten Wochen hinausgehen, weil ich kein Prophet bin. Ich weiß aber: Je konsequenter wir die nächsten Tage und Wochen sind, desto eher wird es uns gelingen, diese Krankheit zu besiegen und desto schneller wird es uns gelingen, unser normales Leben wieder zurück zu bekommen.

Reisefreiheit kommt also erst wieder, wenn es eine Impfung gibt oder die Krankheit ausgerottet ist. Heißt das, wir werden noch länger nicht ins Ausland fahren können, selbst wenn wir die Situation in Österreich im Griff haben?

Das wird sehr stark davon abhängen, wie sich die Situation in den unterschiedlichen Ländern entwickelt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in Österreich diese Krankheit besiegen und sie dann fahrlässig aus anderen Ländern wieder importieren. Unser langfristiges Ziel ist, wieder ein Europa der offenen Grenzen zu gewährleisten, das ist klar. Aber in dieser Ausnahmesituation darf man auf keinen Fall voreilig falsche Schritte setzen.

Foto © BKA

Was halten Sie von einer Einführung einer verpflichtenden Tracking-App?

Wir arbeiten gerade an einer professionellen Tracking-App für Österreich - und Schlüsselanhängern mit der selben Funktionalität für die zwei Millionen Österreicher ohne Smartphones. Die App des Roten Kreuzes ist hier eine gute Basis. Wichtig ist, dass die Masse der Menschen mitmacht und wir so gemeinsam Leben retten können.

Gibt es die Option, dass Corona-Genesene, bei denen Antikörper nachgewiesen wurden, von allen Einschränkungen freigestellt werden?

Die Zahl ist in Österreich noch sehr überschaubar. Darüber hinaus müssen natürlich alle Maßnahmen vollziehbar und kontrollierbar sein.

Mit einem neuen Erlass werden nun Treffen in geschlossenen Räumen untersagt, wenn dort mehr als fünf Personen aus verschiedenen Haushalten zusammenkommen. Wird das kontrolliert?

Ganz wichtig ist, dass man im Privaten nur in Kontakt mit den Menschen ist, mit denen man auch zusammenwohnt. Ich wohne mit meiner Freundin ganz in der Nähe der Wohnung meiner Eltern. Aber wir besuchen sie nicht, gerade weil sie uns wichtig sind. Das Coronavirus ist eine extrem ansteckende und sehr gefährliche Krankheit. Wenn wir jetzt leichtsinnig werden, ist alles zerstört, was wir in den letzten Wochen geschafft haben und wir werden eine Situation erleben wie in Italien oder Spanien oder Frankreich.

Sie haben mehrmals einen Schulterschluss aller Parteien in der Krise gefordert. Die Opposition hat zuletzt Dutzende Abänderungsanträge zu den Covid-Paketen der Koalition eingebracht – alle wurden abgelehnt. Waren diese Anträge alle schlecht?

Wir sind in einem guten Austausch mit allen. Ich selbst habe mindestens einmal pro Woche Videokonferenzen mit den Chefs der anderen Parteien. Überall dort, wo es möglich ist, wird zusammengearbeitet. Viele Beschlüsse werden gemeinsam gefasst. Dass es da und dort Auffassungsunterschiede gibt, ist ganz normal in einer Demokratie.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat mithilfe seiner Regierungspartei das Parlament faktisch ausgeschaltet. Viele fürchten eine irreparable Beschädigung der Demokratie. Was sagt der österreichische Bundeskanzler dazu?

Ich halte es immer für problematisch, wenn Rechtstaat und Demokratie in Gefahr sind. Viele Maßnahmen, die jetzt in europäischen Ländern und auch in Österreich gesetzt werden, sind eine massive Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte. Sobald wir Covid-19 aber erfolgreich bekämpft haben, werden wir die Maßnahmen zurücknehmen und selbstverständlich auch sehr genau hinsehen, ob sie auch außerhalb Österreichs zurückgenommen werden. Und nicht versucht wird, die Krankheit zu benutzen, um Freiheitsrechte einzuschränken. Das gilt für Ungarn genauso wie für alle anderen Länder.

Wohnen Sie derzeit im Bundeskanzleramt oder gibt es für Sie noch die Möglichkeit, am Abend nach Hause zu fahren?

Mein Team und ich arbeiten fast rund um die Uhr. Aber wir fahren alle zum Schlafen nach Hause. Im Bundeskanzleramt müssten wir nur bleiben, sobald sich einer aus dem Team infiziert. Dann sieht der Notfallplan vor, dass wir alle im Bundeskanzleramt in Isolation kommen, um von hier aus weiterarbeiten zu können.

Das Interview wurde zusammen mit anderen Bundesländerzeitungen per Videokonferenz geführt.

Kommentare (99+)
Zhara
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eine intakte körpereigene Immunabwehr schützt, nicht primär die Impfung

Mich schockiert, dass die Reisefreiheit in Zusammenhang mit einer Impfung (mit welchen Nebenwirkungen?) bzw. Medikamenten gebracht wird. Schon heute weiß man, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht erkrankt, weil unser Körper eine Immunabwehr entwickelt hat, die mit solchen Herausforderungen sehr gut umgehen kann, und das wir dies auch ganz gezielt unterstützen können (Vit. C & D & Zink, basisches Milieu ect). Nur geschwächte, kranke Menschen können diese körpereigene Abwehr nicht mehr so gut aufrecht erhalten. Wieso wird das nicht kommuniziert? Wittert die Pharmaindustrie ein großes Geschäft und hat längt die politischen Fäden dazu gesponnen?

WASP
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Reisefreiheit

Zwischen absoluer Reisefreiheit und Grenzen komplett zu gibt es aber sehr viel. Damit meint der Kanzler, dass nicht jeder hinfahren kann wo er will! Außerdem müssen in Bezug auch die anderen Länder mitspielen.

Nora
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Mund halten!

Der Herr Kanzler,der bis dato seine Sache gut gemacht hat,sehr gut sogar,möge bitte den Mund halten von Dingen,die er absolut nicht versteht!

romagnolo
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Der Kanzler einer noch demokratischen Republik

verwehrt, ohne fassbaren Grund, seinen Bürgern für die absehbare Zukunft, ein Bürgerrecht? Die Bewegungsfreiheit. Orban lässt grüßen!

romagnolo
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Was ist ihrer Meinung nach ein Importvirus?

??

KarlZoech
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@ romagnolo: Diese Panikmache und dieses Vernadern eines demokratisch ins Amt gekommenen Kanzlers nervt.

Und es fehlt die Basis für ihre Befürchtungen und Vermutungen. Jetzt geht es einmal darum, das Virus in den Griff zu bekommen, was bis jetzt einmal gut gelungen ist.
Hätten wir in den letzten drei Wochen unsere normale Bewegungsfreiheit wie gewohnt ohne Einschränkungen ausgenützt, so hätten wir heute hunderttausende Infizierte und entsprechend viele Erkrankte und Tote!

Und wenn jetzt die Maßnahmen greifen und nach Ostern langsam, Schritt für Schritt, gelockert werden können, so muss das mit Bedacht geschehen, sodass nicht durch zu schnelle Lockerung das Virus wieder Oberhand bekommt und sich wieder stärker verbreitet! Dies ist in den nächsten Monaten die priortiäre Frage, nicht ob wir in der Adria oder in der Südsee planschen können!

Zuletzt: Nein, ich bin kein Kurz- bzw. ÖVP-Wähler und werde das nicht werden. Doch gerade in Zeiten wie diesen ist Gelassenheit gefragt; ist es nötig, an Fakten orientiert an Lösungen zu arbeiten! Und ja, das Kollektiv (sprich: größtmögliche Volksgesundheit) ist jetzt wichtiger, als individuelle Urlaubsreisewünsche.

Lodengrün
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Also

bitte, wenn dieser Grund nicht fassbar ist dann keiner. Seien sie froh dass er Sie nicht fasste denn Leute die ihn hatten, nicht einmal auf der Intensiv, die berichten das das nicht Kindergeburtstag ist. Aber Danke für Ihren Egoismus.

ee243b6222590d8eb3bfb1bdfc4e3525
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Kurz will nicht, dass der Virus wieder importiert wird.

Wollen Sie das?

Ernelinde
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Kurz

Das will niemand, jeder hofft dass bald wieder die Normalität zurück kommt.

Lodengrün
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Impfstoff

gibt es, und da sind sich die Experten einig, frühestens in 18 Monaten. Das sagt er heute, in 14 Tagen sagt er wie er es bei der Schutzmaske demonstrierte, wieder etwas anderes. Da kennt sich ohnehin niemand mehr aus. Da spricht er von Leid und Toten die jeder in seiner Umgebung wahrnehmen wird müssen und keinen Tag später geht er an die Aufgabe was man wieder zulassen könnte. Wie läßt sich das mit der Verordnung vereinbaren das man sich in den eigenen Wänden nur zu fünft aufhalten darf? Ist das problematischer als in den Läden? Nun wenn man die Ansage von Herrn Kapsch gehört hat dem die Wirtschaft vor der Gemeinschaft geht und man weiß welch gewichtiges Wort der Herr innerhalb der ÖVP hat dann weiß man wohl wie Herr Kurz von der Wirtschaft unter Druck gesetzt wird.

Hausverstand
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Alle auf nach Tirol ?

Sollen wir jetzt alle nach Ischgl & Co. auf Urlaub fahren, weil es dort ja sooo sicher ist? Ist das ein verkapptes Förderprogramm für die heimische Tourismusindustrie als Dank dafür, was sie (sich) in der Krise geleistet haben? Was kommt als nächstes, Gutscheine der Regierung für die Hoteliers der Adlerrunde?

politicus1980
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@Hausverstand

...so ein Name und dann solche Argumente. Das erinnert mich irgendwie an den Hausverstand einer Handelskette, die vor ein paar Jahren geschälte in Vakuumfolie verpackte Bananen verkauft hat. Ohne Worte.

Hausverstand
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Sorgen vor Viren-Import?

Dann versuche ich es halt anders: Das Virus ist bei uns und wird es noch lange bleiben, wie auch bei den Nachbarn - Grenzen dicht bringt da gar nichts mehr!

one2go
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BK Kurz zitiert!

„Bald wird jeder von uns einen kennen, der über BK Kurz nur noch den Kopf schüttelt!“

schulzebaue
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Diese Impfung

Wird dann aber wohl mit einer Impfpflicht verbunden werden.

lucie24
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Nicht mehr nötig

Bis diese Impfung da ist brauchen wir das zum Glück nicht mehr!

Mein Graz
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@lucie24

Weil wir alle schon tot sind? 😱

levis555
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Bin dann schon auf die Argumente der

Impfgegner gespannt

KarlZoech
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@ schulzebaue: Das hoffe ich jedenfalls.

Falls es genug Impfstoff gibt.

100Hallo
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Reisefreiheit

Dann können wir die EU verlassen. Ausser offene Grenzen haben wir keinen Vorteil.

47er
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Und dann bei einer Infektion im Ausland alle Hebel und Ämter in Bewegung setzen,

um dann doch im guten und sicheren Heimatland in eine Intensivstatation aufgenommen zu werden. Wenn nicht möglich, wenns noch geht, wieder maulen wie hier. Wer hat uns den diesen Virus "besorgt", die Tourismusgesellschaft, die jetzt alle verlorenen Gewinne vom Staat ersetzt haben will.

Lodengrün
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Man möchte

meinen Sie leben am Mond. Geht Ihr Horizont über den Urlaub nicht hinaus?

KarlZoech
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@ 100Hallo: So etwas kann nur schreiben,

wer zum Beispiel von Wirtschaft keine Ahnung hat.

Hazel15
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EU verlassen

Dann fragen Sie die Schweiz und Norwegen, die nicht in der Eu sind, aber zu den Ländern zählen, die die höchsten (einiges mehr als Österreich) Beiträge zahlen, für die die Gesetze der Eu gelten(Freizügikeit usw.), keine EU Förderungen bekommen etc.

100Hallo
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Eu

Ich glaube nicht das die Schweiz für die Pleitestaaten in der EU zahlen muss

KarlZoech
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@ 100Hallo: Entscheidend sind immer Fakten,

nicht das, was Sie oder sonstwer glaubt.

 
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