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Wie es weitergehtGemischte Gefühle und schwere Verhandlungen nach Brexit

Die Befürworter des Brexit haben in der Nacht von Freitag auf Samstag ausgelassen gefeiert. EU-Institutionen entfernen die britischen Flaggen. Bis Ende des Jahres bleibt Großbritannien noch in der Übergangsphase. Die britische Regierung plant die vollständige Kontrolle für EU-Waren sollte kein Abkommen zustande kommen.

Seit Mitternacht ist Großbritannien nicht mehr in der EU. Jetzt folgen zähe Verhandlungen
Seit Mitternacht ist Großbritannien nicht mehr in der EU. Jetzt folgen zähe Verhandlungen © (c) APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS (DANIEL LEAL-OLIVAS)
 

Es ist vollbracht: Großbritannien ist um Mitternacht aus der Europäischen Union ausgetreten. Bis in die Nacht auf Samstag hinein feierten mehr als 5000 Brexit-Befürworter vor dem Parlament in London den Abschied aus der Gemeinschaft, der ihr Land 47 Jahre lang angehört hatte. Nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU zeichnen sich harte Verhandlungen über die künftigen Beziehungen ab.

Britische Flaggen in Brüssel entfernt

Wegen des Brexit haben die EU-Institutionen britische Flaggen entfernt. Im großen Ratsgebäude in Brüssel holten zwei Mitarbeiter den Union Jack kurz vor dem britischen EU-Austritt in der Nacht auf Samstag ohne großes Zeremoniell aus der Reihe der Fahnen der bisher 28 EU-Länder und trugen sie davon.

Bis Ende des Jahres bleibt Großbritannien noch in einer Übergangsphase, während der sich praktisch kaum etwas ändert. So lange haben beide Seiten Zeit, sich zu einigen, sonst droht wieder ein harter Bruch mit schweren Folgen für die Wirtschaft. Die Frist ist allerdings sehr knapp bemessen. Eine Verlängerungsoption, die noch bis Juli offensteht, lehnt Premierminister Boris Johnson kategorisch ab.

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Ob in dieser Zeit ein Abkommen erreicht werden kann, ist fraglich, zumal sich beide Seiten hart geben. "Wir werden sehr fair verhandeln, aber sehr hart", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitagabend dem ZDF. Die EU habe eine gute Ausgangsposition, weil sie bisher Absatzmarkt für fast die Hälfte aller britischen Exporte sei. Großbritannien habe großes Interesse am Zugang zu diesem Markt.

"Vereinbarungen nur im Paket"

Von der Leyen stellte auch klar, dass die EU alle strittigen Punkte bei den künftigen Beziehungen nur im Paket vereinbaren will. Dazu gehören nicht nur die Handelsbeziehungen, sondern zum Beispiel auch Fischereirechte oder die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen. "Erst wenn alles durchverhandelt ist, machen wir den Sack zu und eine Unterschrift drunter, es gibt keine Rosinenpickerei vorher." In einigen Punkten sei die EU ganz klar im Vorteil, etwa beim Finanzsektor. Unterm Strich sei die EU in einer sehr starken Position.

Freihandelsabkommen nach Vorbild Kanadas

Johnson will mit der EU ein Freihandelsabkommen nach dem Vorbild Kanadas aushandeln und damit die Notwendigkeit von Zöllen und mengenmäßigen Beschränkungen weitgehend eliminieren. Doch Brüssel verlangt im Gegenzug einheitliche Standards für Umweltschutz, Arbeitnehmerrechte und staatliche Wirtschaftshilfen. Das kommt für Johnson nicht infrage. Souveränität steht über reibungslosem Handel, so lautet nach Angaben des "Telegraph" das Credo des Premierministers. Am Montag will er sich in einer Rede zu seinen Verhandlungszielen äußern. Auch die EU-Kommission will dann ihre Vorschläge für ein Verhandlungsmandat vorlegen.

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"Wenn wir am Ende des Jahres keinen Vertrag fertig haben, dann wird es für die britische Wirtschaft sehr schwer, ihre Waren rüber zu liefern, zu uns zum europäischen Markt", warnte von der Leyen im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Dann wäre Großbritannien nur "wie irgendein Drittland".

Doch auch europäische Unternehmen dürfte ein Scheitern der Gespräche teuer zu stehen kommen. Wie der "Telegraph" berichtete, plant die britische Regierung nun doch, vollständige Kontrollen für EU-Waren einzuführen, sollte kein Abkommen zustande kommen. Bisher hatte es immer geheißen, Großbritannien werde selbst im Fall eines No Deal auf Kontrollen verzichten, um Verzögerungen in der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu vermeiden.

Die Brexit-Befürworter in London stimmten patriotische Lieder an, schwenkten britische Fahnen, ließen Feuerwerksraketen aufsteigen und Sektkorken knallen. "Wir sind frei", sagte der 53-jährige Tony Williams. "Das ist ein fantastischer Tag." Nigel Farage, einer der prominentesten Brexit-Verfechter, rief der Menge zu, dies sei der wichtigste Moment in der jüngeren Geschichte des Landes. "Der Krieg ist vorbei, wir haben gewonnen."

Keine sichtbaren Gegenproteste

Sichtbare Gegenproteste aus den Reihen der Millionen Briten, die im Juni 2016 beim Brexit-Referendum für einen Verbleib in der EU gestimmt hatten, gab es keine. Nur vereinzelt schienen sie sich zu zeigen, wie etwa der 75-jährige David Tucker, der nach eigenen Angaben extra aus Wales gekommen war. "Es ist eine Tragödie", sagte er. "Wir haben einst dem mächtigsten Wirtschaftsblock der Welt angehört. Jetzt sind wir nur eine nach innen blickende Insel, die kleiner werden wird."

Johnson feierte mit Sekt

Premierminister Johnson feierte im kleineren Kreise in seiner Residenz in der Downing Street mit englischem Sekt und einer ausgeprägt britischen Auswahl an Häppchen, darunter Shropshire-Blauschimmelkäse und Yorkshire-Pudding mit Rindfleisch und Kren. "Für viele Menschen ist dies ein erstaunlicher Moment der Hoffnung, ein Moment, von dem sie glaubten, dass er nie kommen würde", sagte er in einer Videobotschaft, deren Inhalt in Auszügen bereits zuvor veröffentlicht worden war. Er rief die Briten zur Einheit auf und sagte, dies sei die Gelegenheit zur "echten nationalen Erneuerung". "Wir wollen, dass dies der Beginn einer neuen Ära freundlicher Zusammenarbeit zwischen der EU und einem energiegeladenen Großbritannien wird."

Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon forderte unmittelbar nach dem Brexit wieder die Unabhängigkeit ihres Landesteils. "Schottland wird als unabhängiges Land ins Zentrum Europas zurückkehren", twitterte sie.

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Danke für Ihr Verständnis.

wjs13
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.... schwere Verhandlungen nach Brexit. Warum eigentlich?

Es gibt die Beispiele Schweiz, Norwegen, Canada. Die EU braucht nur zu sagen "sucht euch eines davon aus", das wird dann adaptiert, was anderes gibt es nicht und dann zu warten, ob etwas kommt. Wahrscheinlich nicht viel, denn so wie der Brexit gelaufen ist, haben die keine Ahnung was sie eigentlich wollen.
Und Vorsicht! Wenn die EU zulässt, dass Rosinen gepickt werden, entstünde ein irreparabler Schaden.

hansi01
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Warum harte Verhandlungen

Wann kapieren unsere EU Politiker, dass nicht wir England brauchen, sondern England uns braucht. Schon bei der Erschaffung der Kontinente wurde darauf Rücksicht genommen und England von Europa getrennt.
Nur Gott alleine weiß warum.
Die Engländer müssen von nun an ohne Ausbeutung anderer Länder durchkommen.

HB2USD
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Die Länder der EU

haben einen riesigen Exportüberschuss nach GB sollte die EU nicht fair verhandeln werden wir die Verlierer sein.

Mein Graz
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@hansi01

Ganz so einfach ist es nicht.
Trump lacht sich schon ins Fäustchen, weil GB aus der EU draußen ist. Das öffnet ihm die Tür zu Europa!
Es muss Verhandlungen geben und zwar so, dass die EU die Briten nicht noch weiter in die Arme von Trump treibt, allerdings muss unbedingt berücksichtigt werden, dass die Briten ja aus eigenem Antrieb die EU verlassen haben.
Eine Gratwanderung.

Auch werden weiterhin andere Länder ausgebeutet, halt nicht mehr in Form von Kolonien sondern mit Verträgen, an denen die Machthaber mancher Staaten gut verdienen und das Volk darunter leidet.

Kristianjarnig
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@Mein Graz...

..ich mußte Ihnen leider einen "Daumen nach unten"(so kindisch diese Art der Bewertung auch sein mag) geben weil das alles für die Engländer(eigentlich Briten) so nicht mehr gilt.

Der Ausbeuter #1 in Afrika sind mittlerweile die Chinesen, auch sonst sind die Briten von weltbedeutendem Einfluß(so wie jedes Land für sich alleine gesehen in Europa) befreit - Atomwaffen mal abgesehen aber soweit wollen wir dann doch nicht gehen.

(Trauriger) Fakt ist - die Briten die für die "Independence" gekämpft und gefeiert haben sind hoffnungslose Ewiggestrige. Man möge sich nun vom "Joch" der EU(als Rosinenpicker war das ein wahrlich schweres Joch das sie zu tragen hatten, die Briten - "ausländischen" Europäern den Eintritt erlauben, einfach so, unerhört) befreit haben, aber was die Briten als nächstes erwartet ist wahrlich viel schlimmer - man wird sich wohl, notgedrungen, mit den USA ins Bett legen müssen weil das "Empire" ansonsten massivste wirtschaftliche Schwierigkeiten bekommt.

Der EU will man wohl eher nicht entgegenkommen und wird vermutlich, so wie bisher, sehr hoch pokern um zu sehen ob man nicht doch Zutritt zum Binnenmarkt bekommt ohne selbst Zugeständnisse machen zu müssen. Da die EU als Umfaller recht bekannt ist muß man sich nicht wundern wenn dann manche mit diesem "Mindset" in Verhandlungen treten wollen.

Man kann nur hoffen das die Brüsseler Dominosteine endlich mal etwas halt bekommen und den Briten erklären wer hier am längeren Hebel sitzt.

Mein Graz
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@Kristianjarnig

Dass Ausbeuter #1 in Afrika mittlerweile die Chinesen sind ist mir bekannt.
Allerdings wird nicht nur Afrika ausgebeutet, auch asiatische Staaten werden das. Man denke nur an die Bekleidungs- oder Schuhindustrie, und wenn dann mal was passiert (wie der Brand in Bangladesh) wird keine Verantwortung übernommen und einfach ein neuer Staat gesucht, in dem man die Produktion fortsetzen kann - und die Käufer dieser Waren bekommen das gar nicht mit.

Dass die Briten versuchen werden sich die Rosinen aus dem Kuchen zu holen ist klar. Und je weniger Rosinen sie bekommen desto mehr werden sie Richtung USA driften.

jaenner61
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die harten verhandlungen zeichnen sich dadurch aus

das die eu von den briten so wie bisher verars..... und hingehalten wird, und sie sich die rosinen aus dem kuchen holen werden.
der austritt hätte ohne wenn und aber, mit allen nachteilen für die briten stattfinden müssen, damit die bevölkerung auch die konsequenzen spürt.
so wird boris johnson als held gefeiert 😡

Miraculix11
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"Abschluß nur im Paket"

Wenn ich mich erinnere hatte die EU auch vor dem Austritt diverse Pläne, die meist nicht eingetroffen sind. Spätestens wenn die Wirtschaft ein Handelsabkommen fordert wird man den Rest auf später verschieben.