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#MeToo aus Frauensicht"Die sind doch noch halbe Neandertaler"

Claudia Gigler sprach mit Krimi-Autorin Eva Rossmann über die MeToo-Debatte: Darüber, was sie den Frauen gebracht hat, wie mit Anzugträgern umzugehen ist, die noch immer versuchen, ihre "Männchen-Macht" auszuspielen und was wir noch lernen müssen im Umgang mit sozialen Netzen.

PK '20 JAHRE FRAUENVOLKSBEGEHREN - JETZT ERST RECHT': ROSSMANN
Eva Rossmann © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Was bleibt von #MeToo?
EVA ROSSMANN: Was bleibt? Es hat einen Bewusstseinsruck gegeben, es ist endlich diskutiert worden, und es wird weiter diskutiert.

Was hat sich geändert im Verhältnis von Männer und Frauen?
Frauen sind um einen Tick selbstbewusster geworden, Männer um einen Tick unsicherer. Das trifft natürlich nicht für alle zu.

Soziale Medien haben die #MeToo-Kampagne ermöglicht, sind aber auch in die Schusslinie geraten, weil Menschen an den Pranger gestellt werden, manchmal zu Unrecht, wie Jörg Kachelmann. Wie sehen Sie das?
Das ist definitiv ein Problem, und es ist ja auch Kernthema in meinem neuen Kriminalroman „Im Netz“. Wir müssen erst lernen, mit den sozialen Medien umzugehen. Wenn wir sie als Chance sehen, dann ist es die Chance, schneller zu kommunizieren, Grenzen obsolet zu machen, Dinge weit hinauszutragen. Ohne die sozialen Medien wäre die MeToo-Kampagne gar nicht möglich gewesen Wenn es nicht gut geht, führt es dazu dass viel zu schnell verunglimpft und durch Worte missbraucht wird, dass gehetzt werden kann. Auch das haben wir bei MeToo gesehen: Teilweise kommt es in den sozialen Medien zu einer Hysterisierung, die die Dinge völlig falsch laufen lässt.

Zur Person

  • Eva Rossmann ist Juristin, arbeitete beim ORF, bei der Neuen Zürcher Zeitung und bei den Oberösterreichischen Nachrichten als Journalistin und ist heute freie Autorin.
  • 1997 war die bekennende Feministin Rossmann Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens. Sie schrieb Sachbücher zu Feminismus und Frauenthemen.
  • Rossmann ist Krimi-Autorin und schrieb auch Drehbücher für SOKO Kitzbühel. Ihr jüngster Krimi hat den Titel "Im Netz": Wien als Drehscheibe von Cyberlegionären. Von Rufmord über Wahlpropaganda bis zur Staatskrise – wer zahlt, dem wird geliefert. Die Journalistin Mira Valensky und ihre Freundin Vesna Krajner auf der Suche nach der Realität.

 

 

Wie sollen wir damit umgehen?
Wozu ich rate, egal ob es um den MeToo-Kontext geht oder um eine andere Debatte: Schauen wir genau hin: Warum verwendet wer welche Worte? Warum gehen Emotionen hoch? Welche Interessen stecken dahinter? Wenn wir genauer hinschauen, würden aufgeheizte Diskussionen rascher verpuffen. Die sozialen Medien sind ein riesiger Marktplatz, alles ist öffentlich. Wenn es daneben geht, nützt es nichts mehr, wenn es einem leid tut, dass man mitgeschrien hat.

Im Zweifelsfall also lieber doch nichts sagen?
Nein, das ändert nichts an der Notwendigkeit der MeToo-Debatte. Jeder Mensch und jeder Mann kann auch die Grenzen erkennen, was Übergriff ist, und was ein Flirtversuch. Das muss man begreifen und darüber muss man reden. Aber bei Unterstellungen oder Behauptungen  muss man aufpassen, das hat mit Respekt zu tun, auch gegenüber den Männern. Man muss Missbrauch aufzeigen, aber wir müssen vorsichtiger sein.

Vorsichtig müssen offenbar auch Frauen sein, die sich in einer Situation befinden wie Sigrid Maurer.
Ja genau, jetzt geht die Debatte ja genau in die andere Richtung! Jetzt wird uns vorgeführt, was ist, wenn sich eine zur Wehr setzt, plausibel und nachvollziehbar für alle, und trotzdem wird sie dann verurteilt. Da haben wir auch noch viel zu lernen, und es gilt auch, juridisch etwas klarzustellen. Es kann nicht sein, dass ich mich nicht wehren kann gegen jemanden, der mich aufs Wildeste persönlich angeht. Das wäre übrigens der nächste Schritt: Dass der extreme Sexismus im Netz natürlich nicht sein darf. Das Mindeste muss sein, dass man es öffentlich machen kann. Nicht diffamieren oder verunglimpfen, einfach zuordnen. Darüber muss man reden.

Die wüsten Reaktionen die Sigrid Maurer jetzt erntet, deuten darauf hin, dass die MeToo-Debatte nur einen Teil der Männer erreicht hat…
Der Sektor derer, die sich deppert stellen und die ihr Mannsein nur dadurch beweisen können, dass sie so tun als dürften sie alles, deren Opfer dann die Frauen sind - dieser Sektor wird kleiner. Diejenigen, die eine absurde Männchen-Macht ausspielen, gibt es, aber ich glaube, dass es weniger werden. Wir müssen uns gegen sie zur  Wehr zu setzen, aber nicht nur das: Manchmal ist es auch besser, einfach zu lachen über sie. Die sind doch noch halbe  Neandertaler, egal ob sie einen Anzug tragen oder nicht. Sie sind anachronistisch , aber sie sind da. Da muss man hinzeigen, diese Leute öffentlich fragen, wie sie ticken, ob sie so schwach sind, dass sie sich die Frauen auf diese Weise holen müssen, weil sie sonst keine abkriegen. 

Wenn Sie zurückschauen auf ein Jahr MeToo-Debatte – geht es für die Frauen vorwärts oder zurück?
In der Diskussion und in dem was möglich ist, gibt es Rückschritte, insgesamt aber einen Fortschritt. In der Realpolitik in Europa und Amerika gibt es Rückschritte, weil  Leute gegeneinander ausgespielt werden, weil ein konservatives, reaktionäres Frauenbild vertreten wird.

Denken Frauen anders?
Nicht grundsätzlich? Ich tue mir schwer mit „die Frauen“,   man muss sich immer dem anderen annähern.  Frauen haben einfach im Schnitt gelernt, besser hinzuhören. Männer haben gelernt, besser die eigene Sicht zu formulieren.

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