Drosten: "Ich schaffe es nicht mehr"
Sandra Ciesek und Christian Drosten haben mit dem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" die Pandemie erklärt. Am 29. März geht die vorerst letzte Folge online. Das Ende einer pandemischen Ära.

„Das Ganze wird jetzt immer mehr zu einem rein politischen Problem. Man kann tatsächlich sagen, die Wissenschaft hat geliefert, die Impfung ist da. Die Kenntnis über die Wirkung der Impfung ist jetzt da. Die großen Linien verschieben sich nicht mehr.“ Das sagte Christian Drosten in der 99. Folge des NDR-Podcasts „Coronavirus Update“. Gestartet haben der Virologe der Berliner Charité und die Wissenschaftsredakteurinnen Korinna Hennig, Anja Martini und Beke Schulmann am 26. Februar 2020. Ab Folge 51 wechselte sich Drosten mit der Virologin Sandra Ciesek ab. Doch am 29. März soll Schluss sein, dann bestreiten die beiden Fachleute gemeinsam die 113. und vorerst letzte Folge des Podcasts.
Es fühlt sich ein bisschen wie der Anfang vom Ende der Pandemie an. Wobei Drosten das Ende des Podcasts als solches nicht verstanden haben möchte, wie er der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärte. „Das ist ein Missverständnis. Ich gestehe, ich war derjenige, der gesagt hat: Ich schaffe es nicht mehr. Ich brauche Zeit für die Forschung. Ich habe ein Institut zu leiten.“
Gleichzeitig Pandemieerklärer und Hassfigur
Denn vor allem Drosten, der schon vor der Pandemie als einer der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet an Coronaviren geforscht hatte, wurde durch den Podcast zum „Erklärer der Nation“, wie in manche Journalistinnen und Journalisten titulierten. Der Aufwand, der von den Wissenschaftlern sowie dem redaktionellen Team des NDR betrieben wurde, war und ist enorm. Hinzu kommt der Hass, der Drosten sowie Ciesek online und offline vonseiten von Corona-Leugnern entgegenschlägt.
Millionenfach wurde Episode für Episode den Erläuterungen und Erklärungen, den Einblicken in die wissenschaftliche Arbeit gelauscht. Es wurden IgA-Antikörper ebenso erklärt wie der Begriff der False Balance. Ein veritables Problem der medialen Berichterstattung in Zeiten der Pandemie, das Drosten immer wieder angesprochen hat. Denn Journalistinnen und Journalisten sind es gewohnt, in ihrer Arbeit mehrere Seiten eines Themas zu beleuchten. In Jahrzehnten, vor allem der politischen Berichterstattung, wurde das ebenso einstudiert. Doch in der wissenschaftlichen kann dieses 50:50 eben zu einer falschen Balance führen. Das bedeutet, dass belegte Fakten vieler Wissenschaftler Meinungen einiger weniger Wissenschaftler gegenüberstehen – schlag nach bei Servus TV. Dies verzerrt die Wahrnehmung. Leserinnen und Leser können so den Eindruck bekommen, auch in der Wissenschaftscommunity steht es in Sachen Covid-19-Schutzimpfung 50:50, wenngleich es eigentlich 98:2 steht.
Dieses Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Medien und auch Politik wurde ebenso im Podcast thematisiert. Dies ist ja auch in Österreich ein Problem, wie die Diskussion um die Gecko-Kommission zeigt. Vor allem Drosten hat nicht mit Kritik am medialen Umgang mit der Pandemie gespart. In den meisten Fällen hatte er damit recht. Etwa wenn Studienergebnisse verzerrt oder als absolut dargestellt und Limitationen einer wissenschaftlichen Arbeit nicht berücksichtigt wurden. Es ist eben ein Unterschied, ob man schreibt, „verursacht“ oder „könnte verursachen“. Dieses "könnte" muss man als Journalistin und Journalist erklären – auch darauf haben Ciesek und Drosten immer wieder hingewiesen.
Nach der Wissenschaft muss die Politik liefern
Die Wissenschaft hat geliefert. Nun muss die Politik dies ebenso tun. Mit dem Wissen, das über Sars-CoV-2 vorhanden ist, mit den Impfstoffen, die es gibt, und auch den nicht-pharmazeutischen Maßnahmen, wie etwa Masken, gilt es, nicht den dritten Sommer in Folge zu verschlafen, um im dritten Herbst in Folge wieder in eine „unvorhersehbare“ Welle zu laufen. Ciesek und Drosten haben angekündigt, bei Bedarf noch weitere Folgen des „Coronavirus-Podcast“ aufzuzeichnen.
Dementsprechend kann man festhalten: Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Und beide werden ihre Expertise weiter öffentlich kundtun, sei es in Interviews oder auf Twitter. Vielleicht kehrt bei Drosten mit dem mehr an Zeit ja auch der Humor auf der Social-Media-Plattform zurück. „Humor habe ich mir auf Twitter völlig abgewöhnt, dabei fallen mir ständig lustige Dinge ein, ich könnte da den Alleinunterhalter machen“, sagte er vor wenigen Wochen in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Zu wünschen ist es ihm. Und uns.
Wissenschaft via Podcast
Zuletzt alle zwei Wochen war Virologe Christian Drosten, abwechselnd mit Virologin Sandra Ciesek, im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" zu Gast. Die beiden Fachleute vermittelten neue Studienerkenntnisse und setzten seit Februar 2020 Schlagzeilen in Relation zu Forschungsergebnissen. Nach 113 regulären Folgen ist vorerst einmal Schluss.
Der Podcast wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, etwa mit dem Grimme Online Award in der Kategorie "Information" oder mit dem "Heinz Oberhummer Award für Wissenschaftskommunikation", der u.a. von den Science Busters und der Universität Graz vergeben wird.
