MikrobiomWie Sie Ihr Bauchhirn richtig füttern und damit auch Ihre Laune heben

Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia erklärt, warum die Ernährung einen so großen Einfluss auf unsere Psyche hat.

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Friendly Stomach Bacteria Concept
© Getty Images
 

Das Mikrobiom ist schon länger in aller Munde. Es wird immer wieder das „Bauchhirn“ genannt – warum?
Manuela Macedonia: Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Lebewesen in unserem Darm, es wiegt circa 1,5 bis 2 Kilo, dabei handelt sich um Bakterien, Viren und Pilze. Diese Lebewesen hat man früher auch Darmflora genannt. Das Mikrobiom hat eine multiple Funktion für unseren Körper, aber auch für unser Gehirn. Im Darm befinden sich zwischen 200 und 300 Millionen Gehirnzellen, sie werden neuro-endokrine Zellen oder eben auch Bauchhirn genannt. Sie sind nichts anderes als ein Teil des Gehirns im Darm.


Man könnte das Sprichwort also umdeuten von „Du bist, was du isst“ auf „Du fühlst dich so, wie du isst“?
Ja, denn die neuro-endokrinen Zellen schütten verschiedenste Botenstoffe aus. Mitunter Botenstoffe, die für unsere Psyche unentbehrlich wertvoll sind – wie Serotonin. Serotonin ist der Botenstoff, der uns ausgeglichen macht, er fehlt uns, wenn wir depressiv sind. Circa 90 Prozent des Serotonins werden im Darm produziert. Deswegen ist die Pflege des Mikrobioms etwas wirklich Wesentliches für unsere Psyche. Man darf Essen und Stimmung also nicht trennen.

Serotonin

Das Hormon Serotonin ist essenziell für die Steuerung von Schmerz und Stimmung in
unserem Gehirn. Ein Mangel spielt bei der Entstehung von Depressionen eine Rolle.
Tryptophan, das beispielsweise in Schokolade, Bananen oder Nüssen zu finden ist, ist eine Vorstufe von Serotonin.


Was sollte man zu sich nehmen, um sein Mikrobiom gut zu versorgen und die Stimmung zu heben?
Die neuro-endokrinen Zellen verrichten ihre Arbeit einerseits erst, wenn sie dazu angeregt werden. Andererseits hängt ihre Funktion von anderen Lebewesen ab, und diese Lebewesen sind Milchsäurebakterien, die sich im Mikrobiom befinden. Milchsäurebakterien finden wir beispielsweise in Joghurt und Milchprodukten. Milchprodukte, die ausreichend Milchsäurebakterien enthalten, forsten das Mikrobiom auf, denn es erleidet auch regelmäßig einen Schaden durch unsere Ernährung.

Person und Buch

Manuela Macedonia ist Neurowissenschaftlerin, sie forscht am Max-Planck-Institut Leipzig und lehrt an der Linzer Johannes-Kepler-Universität.
In ihrem neuen Buch erklärt sie, welchen Einfluss die Ernährung auf die Leistung unseres Gehirns hat.
Iss dich klug! Dein Gehirn freut sich. Ecowin, 200 Seiten, 24 Euro.


Inwiefern?
Wir essen zu viele konservierte Lebensmittel. Ein Konservierungsstoff ist nichts anderes als ein Bakterientöter, er tötet auch die guten Milchsäurebakterien im Mikrobiom. Auch geräucherte Lebensmittel wie Wurst oder zu viel Salz sind nicht gut für den Darm. Man sollte auf eine ballaststoffreiche Ernährung achten. Ballaststoffe findet man zum Beispiel in Gemüse, Vollkornbrot und Müsli. Man sollte auch hochwertige Öle zu sich nehmen. Zum Beispiel Leinöl. Es hemmt Entzündungen im Darm und bereitet damit eine bessere Basis für das Überleben der Darmbakterien. Man sollte aber auch immer wieder mit Milchsäureprodukten aufforsten. Man findet diese Milchsäurebakterien auch in einem guten, nicht industriell hergestellten Sauerkraut sowie in Kimchi. Bewegung spielt aber auch eine große Rolle, damit der Darm gut funktioniert.

Für viele bedeutet ein Stück Schokolade pures Glück. Darf man sich solche kleinen Glücksmomente auch im Sinne des Bauchhirns gönnen?
Ich bin total gegen Genussverzicht. Ich bin dafür, dass man seinen Körper und sein Gehirn gut behandelt. Man sollte sich einfach gesund ernähren, sich aber auch ab und zu etwas gönnen. Essen bereitet uns Freude, das ist evolutionär bedingt. Alleine schon, wenn wir eine Speise sehen, die uns schmeckt, schütten wir Dopamin aus. Es ist der Botenstoff in unserem Gehirn, der uns glücklich macht und motiviert. Gegen einen ehrlich gebackenen Kuchen aus qualitativ hochwertigen Zutaten ist nichts einzuwenden. Aber industriell hergestellte süße Speisen und Naschereien sind sicher nicht das Beste, weil man nicht weiß, welche Zusatzstoffe verwendet wurden.

Dopamin

Die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin gelten als „Glückshormone“. Haben wir ein Ziel erreicht , löst Dopamin in bestimmten Hirnarealen positive Gefühle aus. Dieser Belohnungseffekt motiviert uns. Parkinson-Patienten schütten zu wenig von dem Botenstoff aus.


Was macht Zucker im Gehirn?
Zucker löst Sucht aus. In einem Tierversuch konnten sich Ratten zwischen Zucker und Heroin entscheiden – sie wählten Zucker. Er hat also ein höheres Suchtpotenzial als Heroin. Im Gehirn löst Zucker Suchtmechanismen aus. Wir brauchen also immer mehr davon, um den gleichen Genuss zu spüren, weil mit der Zeit Dopaminrezeptoren im Gehirn abgebaut werden.

Demenz ist ein Schreckgespenst des Alters. Kann man mit der richtigen Ernährung vorsorgen?
Ja, indem man mit der richtigen Ernährung die Degeneration des Gehirns nicht noch zusätzlich ankurbelt. Das Hirn baut im Alter ab, es verliert an Masse, somit an wertvollen Zellen, die nicht mehr da sind. Auch die Verbindungen unter noch vorhandenen Zellen gehen verloren – man vergisst Dinge, die man früher immer wusste. Aufgrund dieses Schrumpfens, ist die Tür für Degeneration offen, dafür, dass Krankheiten eintreten.

Ernährung fürs Köpfchen

  • Achten Sie auf eine ausgewogene, bunte und ballaststoffreiche Ernährung mit Gemüse, Obst, Vollkornbrot und Müsli.
  • Verwenden Sie nur hochwertige Öle wie beispielsweise Leinöl von einem lokalen Produzenten.
  • Verzichten Sie auf industriell hergestellte Produkte.
  • Tipp der Expertin: Achten Sie auf die Qualität der Lebensmittel. „Vor allem die Herkunft macht den Unterschied aus. Ernährung ist eine der grundlegenden Säulen der Hirngesundheit.“

Was sollten ältere Menschen von ihrem Speiseplan streichen?
Die Degeneration beginnt mit entzündlichen Zuständen, die wir gar nicht bemerken. Die Dauerentzündung ist ein Phänomen, das im Alter natürlich ist. Sie wird allerdings durch die falschen Lebensmittel angeregt, zum Beispiel durch billige Industriefette, in denen sogenannte gesättigte Fettsäuren enthalten sind. Diese schlechten Fette findet man in industriell erzeugter Nahrung. Pommes oder auch Suppencroûtons enthalten sie, aber auch Industriekekse und Backerbsen. Deswegen sind diese Lebensmittel für Senioren, aber auch für Erwachsene und Kinder schlecht.

Was sollte man auf die gesunde Einkaufsliste fürs Gehirn setzen?
Gute Öle, die Omega3-Fettsäuren enthalten, wie Leinöl. Außerdem möglichst fette Fische aus kalten Gewässern wie Makrele. Unser Gehirn braucht aber auch Bewegung, sie kurbelt Aufbauprozesse an und wirkt gegen die Degeneration, indem zum Beispiel neue Gehirnzellen entstehen.

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