Sprüche wie „Du bist, was du isst“ zeigen, welchen Einfluss Ernährung auf uns hat. Wie groß ist der Einfluss der Nahrung, wenn es um die geistige Fitness geht?
Manuela Macedonia: Dass Ernährung mit unseren geistigen Fähigkeiten und auch unserer psychischen Gesundheit bereits ab dem Mutterleib im Zusammenhang stehen, wissen leider noch wenige. Industriell verarbeitete Lebensmittel, wie Pommes, Croutons, Tiefkühlpizza, die Transfette enthalten, können Entzündungen im Körper und somit auch im Gehirn verursachen. Es handelt sich nicht um akute Entzündungen, mit Schmerz, Schwellungen oder Symptomen. Es sind leise Entzündungen, sie verändern aber das Gehirngewebe mit der Zeit und dadurch auch unsere Fähigkeit zu lernen, zu entscheiden, zu planen. Sie steigern aber auch das Risiko, psychisch zu erkranken – zum Beispiel an Depression.


Sie haben Ihr Buch Ihrer „Mamma“ gewidmet. Sie waren ein Frühchen und schreiben, dass Sie unter anderem wegen Ihrer italienischen Küche überlebten, weil sie Ihr Hirn stärkte. Warum ist sie so gesund?
Die mediterrane Küche enthält sehr viel Gemüse und Obst. Sie sind wichtige Lieferanten von Ballaststoffen und Pflanzenpolyphenolen. Zum einen sind die Ballaststoffe für unseren Darm wichtig, der im Zusammenhang mit vielen Gehirnfunktionen steht, zum anderen halten die Polyphenole die Zellwände des Gehirns elastisch und vital.

Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia
© (c) Sabine Kneidinger


Inwiefern beeinflussen sich Gehirn und Darm gegenseitig?
Das Gehirn beeinflusst die Darmfunktionen, ob wir zum Beispiel durch Stress das Reizdarmsyndrom oder Verstopfung bekommen. Da wir aber auch Neuronen im Darm haben, die Botenstoffe wie Serotonin ausschütten, beeinflusst der Darm das Gehirn und somit unsere psychischen Funktionen.


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Worauf sollte man bei seiner Ernährung also achten, um körperlich und geistig fit zu bleiben?
Wir sollten uns bewusst werden, dass minderwertige Ernährung unserem Gehirn, dadurch unseren geistigen Fähigkeiten und unserer Psyche, maßgeblich schadet – und das schon im Mutterleib. Wichtig ist auch zu wissen, dass nicht alle dasselbe essen sollen oder müssen. Die Verträglichkeit und Verwertbarkeit von Lebensmitteln ist unter anderem genetisch bedingt. Es gibt leider kein Rezept für alle. Man sollte sich aber möglichst „bunt“ ernähren, also viel frisches Gemüse und Obst und von allem ein bisschen essen: Nur so sind wir auf der sicheren Seite.

Die Österreicher und ihr Schnitzel: Wie sieht es mit Fleisch aus?
Gegen Fleisch ist aus Sicht des Gehirns nichts einzuwenden, allerdings kann Fleisch aus Massentierhaltung Antibiotika enthalten. Sie schaden dem Mikrobiom, welches wiederum die Darm-Gehirn-Kommunikation aufrechthält. Auch Käse, Brot, Süßes und ein Glas Rotwein alle paar Tage sind in Ordnung. Wir dürfen im Prinzip alles essen: Die Menge und die Qualität machen den Unterschied aus, aber vor allem die Herkunft. Vom Dauerkonsum industriell hergestellter Lebensmittel, worunter auch Süßigkeiten und Limonaden fallen, ist abzuraten. Ernährung ist kein Hobby, sie ist eine der Säulen unserer Gehirngesundheit.

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Kann man sein Geschmacksempfinden umtrainieren?
Ja, im Gehirn kann man sich Geschmack als Muster, als Netzwerk unter Gehirnzellen vorstellen, das sich im Lauf eines ganzen Lebens bildet. Bereits im Mutterleib entsteht Geschmack: Die Aromastoffe im Fruchtwasser, die von der mütterlichen Ernährung stammen, werden von den Geschmacksrezeptoren im Mund des Fötus wahrgenommen und über elektrische Signale an das Gehirn des Kindes übertragen. Dort bilden sich unter den dafür spezialisierten Neuronen Verbindungen, Netzwerke entstehen. Es gibt ein Netzwerk für Vanille-, für Salat, für Gulasch … All das, was die Mutter isst, erlebt das ungeborene Kind auch geschmacklich. So bilden sich bereits im Mutterleib Vorlieben in Form von Netzwerken für die eine oder andere Speise. Isst die werdende Mutter Ungesundes, wird es auch dem Kind später schmecken. Bei den gesunden Speisen ist es dasselbe. Bekommt das Kind dann weiter gesundes Essen, wird ihm das Junkfood nicht munden. Und so ist es im Laufe des ganzen Lebens.

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Kann man das Ruder als Erwachsener noch herumreißen?
Hat man sich als Erwachsener den süßen Zahn antrainiert, kann man versuchen, diese Netzwerke im Gehirn abzubauen, indem man immer weniger Süßes isst. Irgendwann einmal entscheidet man sich für den Apfel statt für die Schokolade. Aber der Weg ist lang und mühsam. Viel besser ist es, gar keine Netzwerke entstehen zu lassen.

Viele setzen aufs Intervallfasten, was sagen Sie aus Sicht der Hirnforschung dazu?
Wenn man fastet, legen die Mitochondrien, die man sich wie Verbrennungsmotoren innerhalb der Zelle vorstellen kann und sehr wichtig für ihr einwandfreies Funktionieren sind, eine Arbeitspause ein. Dadurch kann die Zelle selbst, aber auch das Netzwerk, in dem sie sich befindet, „gewartet“ werden. Durch das Fasten „warten“ wir unser Gehirn und machen es leistungsfähiger, unabhängig von der Art des Fastens.


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