Tieradoption im LockdownWarum man nicht spontan auf den Hund kommen sollte

Dass wir unter dem Lockdown leiden, darf nicht der Grund sein, ein Tier zu adoptieren. Aber vielleicht einer von vielen.

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Tiere helfen ihren Besitzern nicht nur durch die Zeit des Lockdowns – sie sind Lebenspartner für viele Jahre © nenetus/stock.adobe.com (JOSEP SURIA)
 

Welcher Haustierbesitzer hatte diesen Gedanken heuer nicht? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich das alles ohne meinen Liebling überstanden hätte.

Denn wer Tiere liebt, den machen sie tatsächlich glücklicher: Dass Hund und Katz einen positiven Einfluss auf unser alltägliches Wohlbefinden ausüben, belegen zahlreiche Studien. Hundebesitzer vermindern etwa durch regelmäßige Spaziergänge diverse Risikofaktoren wie Übergewicht, erhöhten Cholesterinspiegel oder hohen Blutdruck. Zudem wird der allgemeine Stresspegel gesenkt.

Außerdem sorgt Körperkontakt, der für viele Menschen mit der Pandemie weggefallen ist, für die Ausschüttung verschiedener „Wohlfühl“-Hormone – „zum Beispiel Endorphine oder Oxytocin“, erklärt die Klinische- und Gesundheitspsychologin Sonja Eherer. Ob uns Tiere in dieser schwierigen Zeit Trost spenden können, kann die Expertin mit einem „Ja“ beantworten.

Gleichzeitig rät sie aber davon ab, sich spontan ein Haustier anzuschaffen, um die schweren Stunden des Corona-Lockdowns erträglicher zu gestalten: „Jetzt ist nicht die Zeit, egoistisch zu handeln. Ein Tier braucht Aufmerksamkeit, Erziehung und Zuwendung.“ Und nur wer die Bedürfnisse von Tieren kennt und auch die Möglichkeit und die Bereitschaft hat, ihnen gerecht zu werden, sollte ernsthaft über eine Adoption nachdenken.

Psychologin Sonja Eherer und Therapiehündin Lila Foto © RoVo Photography

Außerdem gebe es eine Zeit nach der Pandemie: „Jetzt sitzen viele im Homeoffice – die Zeit ist da“, sagt Sonja Eherer. Aber: „Ein Haustier begleitet mich die nächsten zehn bis 15 Jahre.“ Deshalb müsse man sich vor allem eine Frage stellen: Werde ich den Bedürfnissen des Tieres auch noch nach Corona gerecht werden können? Denn wenn nicht, landen die pelzigen, gefiederten oder geschuppten Gefährten über kurz oder lang oft im Tierheim.

Eine Frage von vielen (Hier gehts zur Checkiste: Passt ein Haustier in unsere Familie?), die Tierschutzvereine Interessenten stellen, die sich für einen ihrer Schützlinge bewerben. Und die man sich als künftiger Tierbesitzer auch selbst stellen sollte: „Es bedarf einer ehrlichen Reflexion, ob das wirklich eine gute Idee ist oder nur eine spontane, die morgen schon nicht mehr aktuell ist“, sagt die steirische Tierschutzombudsfrau Barbara Fiala-Köck.

Zudem gibt sie zu bedenken: „Wenn man das Tier im Heim oder auch die Welpen und deren Elterntiere beim Züchter nicht kennenlernen kann, dann ist im Moment nicht der richtige Zeitpunkt.“ Wer wirklich einem Tier ein Zuhause schenken möchte, der wartet gerne ein paar Wochen länger.

Generell ist es natürlich so, dass man für das Eingewöhnen eines Tiers Zeit braucht. Aber in Lockdown und Homeoffice lernen die Tiere – speziell Hunde – das Alleinbleiben nicht. „Das führt unweigerlich zu Problemen, wenn die Eltern wieder ins Büro und die Kinder in die Schule gehen. Deshalb sollte man das schon während des Lockdowns so gut es eben geht trainieren.“

Unbedingt rät Fiala-Köck davon ab, auf dubiose Quellen im Internet zurückzugreifen: Dahinter verbergen sich meist sogenannte Tierfabriken im Ausland, in denen Welpen unter qualvollen Bedingungen vermehrt werden.

in der pandemie auf den hund gekommen

Ein Bericht über ein deutsches Tierheim, das aus allen Nähten platzt – so hat die Liebesgeschichte zwischen Linda Göglburger aus Graz und Hund Frida begonnen. Als während des ersten Lockdowns angestammte Gassi-Geher fernblieben, gerieten auch hierzulande manche Heime an ihre Belastungsgrenze: „Nachdem ich gelesen hatte, dass einige Tiere bis zu 23 Stunden in ihrem Zwinger saßen, wollte ich meine Hilfe anbieten“, sagt die 30-jährige Illustratorin.

Gesagt, getan: Aus dem Angebot, einem Hund tageweise einen „Corona-Urlaub“ zu spendieren, wurde aber ganz schnell eine fixe Sache: „Als Frida die ersten drei Tage mein Bett nicht verlassen hat, wusste ich: ‚Sie ist jetzt hier daheim‘“, erzählt die Hundemama. Allerdings sei die Entscheidung, langfristig einen Hund zu sich zu nehmen, nicht spontan gefallen: „Ich habe schon vor Corona mindestens drei Jahre mit dem Gedanken gespielt.“ Schließlich müsse man viel bedenken. Dabei geht es um Dinge wie: Wer nimmt sich wirklich Zeit für das Tier? Gibt es genügend Platz? Wie viel kostet so ein Tier pro Monat – samt Futter und Tierarztbesuchen? Und wer kümmert sich um das Haustier, wenn man zum Beispiel irgendwann wieder auf Urlaub fährt?

Gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten: Hundedame Frida sei gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, eine wichtige emotionale Stütze, erzählt Göglburger: „In vielen Punkten nimmt sie mir den Druck. Und ich weiß: ‚Da wartet jemand auf mich.‘“ Das bedeute im Umkehrschluss aber auch, dass man dem Tier ebenfalls in aufreibenden Momenten zur Seite stehen müsse: „Einmal hat Frida einen Igel erwischt und sich eine furchtbare Entzündung im Mund eingefangen – das war eine Achterbahnfahrt der Gefühle“, beschreibt Göglburger. Das auszuhalten, sei man dem Tier aber schuldig: „Auf Amazon bestell ich schnell etwas und schick es wieder zurück – aber das geht bei einem Tier nicht.“

KK
Linda und ihre Hündin Frida © KK

Dass Tieradoptionen in Zeiten der Pandemie funktionieren können, zeigte die Aktion „Corona-Urlaub“ des Tierheims Arche Noah in Graz während des ersten Lockdowns im Frühjahr: „Ursprünglich waren es drohende Betreuungsengpässe durch Kurzarbeit und den Wegfall der Spaziergeher, die uns dazu bewogen haben“, sagt Pressesprecherin Lisa Pacher. „Deshalb haben Ehrenamtliche ihre Schützlinge zu Hause in Pflege genommen. Aber auch Menschen, die schon länger darüber nachgedacht haben, ein Tier zu adoptieren, haben sich beworben.“

Das Fazit: Die meisten Vierbeiner, die zum Probewohnen ausgezogen sind, haben ein Zuhause gefunden.

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