KommentarRoland Weißmann muss zeigen, für welche Weichenstellung er steht

Roland Weißmann wird der neue ORF-Alleinvorstand und damit der mächtigste Medienchef des Landes. Ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist, wird er uns bald zeigen.

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++THEMENBILD++ ORF-WAHL 21
© APA/ROLAND SCHLAGER
 

Am Ende war die Bestellung eine klare Sache: Roland Weißmann wird ab 1. Jänner 2022 Generaldirektor des ORF. In der Abstimmung im Stiftungsrat setzte sich der 53-Jährige klar gegen seinen Vorgänger Alexander Wrabetz und die weiteren Herausforderer Lisa Totzauer, Thomas Prantner und Harald Thoma durch. Weißmann erhielt 24 Stimmen, Wrabetz sechs, Totzauer fünf.

Weißmann startet nicht aus einer Position der Stärke, die Öffentlichkeit ahnt ihn am Gängelband, an dessen anderem Ende Kanzler Sebastian Kurz oder dessen mächtiges Mediensprachrohr Gerald Fleischmann ziehen. Der neue ORF-Chef muss also beweisen, dass er seine Wahl nicht mit mehr abzahlen muss als bloß mit seiner in den letzten Wochen in Mitleidenschaft gezogenen Glaubwürdigkeit. Gelingt ihm das nicht, dann wird die "Tiroler Tageszeitung" recht behalten, die schon im Mai über Weißmann als der "Thomas Schmid des ORF" geurteilt hatte. Gelingt ihm das, kann er die Unabhängigkeit des ORF sichern.

Wrabetz' zwiespältige Bilanz

Für Alexander Wrabetz ist das Spiel vorbei. Seine Ära endet nach 15 Jahren, und nach drei Amtsperioden schaffte es der studierte Jurist diesmal nicht mehr, sich die politische Rückendeckung im Stiftungsrat zu sichern. Für den ORF muss das keine schlechte Nachricht sein: Wrabetz musste sich vorwerfen lassen, er habe die Chance vertan, den ORF schneller ins digitale Zeitalter zu transformieren. Programm-Innovationen blieben zuletzt aus, die Auferstehung des Sendungs-Dinos "Starmania" darf als Symptom dafür stehen. Auf der Haben-Seite der letzten Jahre steht der erfolgreiche Umbau des Küniglbergs inklusive eines multimedialen Newsrooms.

Wrabetz unterschätzte Geschwindigkeit und Wucht des Medienwandels. Die Wendigkeit, die ihn bei der Politik zum Überlebenskünstler werden ließ, fehlte ihm im Umgang mit dem jungen Publikum und der Senderstruktur. Das zeigt sich insbesondere bei ORF 1 und dem Verlust des jungen Publikums. Der von Wrabetz seit Jahren angekündigte ORF-Player verstaubt, bevor er sich an der Konkurrenz von Netflix, Amazon, aber auch von ARD und ZDF messen kann.

Seine politische Bringschuld bezahlte Wrabetz zu oft mit Postenbesetzungen - die härteste Währung im ORF. Notfalls setzte Wrabetz dafür auf eine Strukturreform wie jene 2018, als er Channelmanager einführte und den von Schwarz-Blau ungeliebten ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher absägte. Der ORF stand damals unter dem größten politischen Druck seiner Geschichte: Wrabetz tat da vieles, um sich und/oder den Sender zu retten. Dazu zählte, dass sich das Kanzleramt eine eigene Hauptabendsendung ("Lebensretter") wünschen durfte, in der Kanzler Kurz selbst die Preise verlieh.

Weißmann muss schnell handeln

Die Bestellung Weißmanns ist eine Weichenstellung. Im besten Fall für einen modernen, vielfältigen ORF, der allen Österreichern und Österreicherinnen mit verlässlichem, seriösem, unterhaltsamem und spannendem Programm dient. Im schlechtesten Fall ist es eine Weichenstellung für die ÖVP, die glaubt, den ORF in den kommenden Jahren als erweitertes Medienwerkzeug verwenden zu können. Dann wäre ab 1. Jänner die ORF-Führung nicht auf dem Küniglberg, sondern im Kanzleramt angesiedelt.

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