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Knigge Reloaded Das bedeutet Benimm in der neuen Arbeitswelt

New Work: Alles wird flexibler, digitaler, schneller. Doch wie steht es um altbekannte Umgangsformen in der neuen Arbeitswelt?

Person using a laptop computer
Person using a laptop computer © (c) Tierney - stock.adobe.com
 

Sie haben einen „Knigge Reloaded“ für die neue Arbeitswelt verfasst. Zählen hier Tugenden noch?
Saskia Eversloh: Ja, sie sind gefragter denn je. Einer Umfrage zufolge motivieren zum Beispiel Glaubwürdigkeit und Werteorientierung Mitarbeiter aller Generationen – und das weit mehr als durchdesignte Loftbüros und flexible Arbeitszeiten. Dennoch brauchen wir für neue Arbeitsformen wie mobiles Arbeiten, Homeoffice oder Großraumbüros neue Spielregeln. Hinzu kommen die digitalen Kanäle: Mails, Chats mit Text-, Video- und Audionachrichten, Video-Konferenzen – und das auf immer mehr Endgeräten. Bei dieser Informationsflut braucht es Spielregeln, wann, wer, was und wo kommuniziert und vor allem bündelt.

Wem würden Sie den Knigge ans Herz legen? Alt oder Jung?
Allen Generationen. Immerhin arbeiten heute bis zu fünf Generationen unter einem Dach. Umso wichtiger ist es, sich auf Spielregeln zu verständigen. Das fängt schon beim Duzen und Siezen an, geht über die digitalen Vorlieben bis hin zum Dresscode. 

E-Mails: Nehmen Sie sich Zeit

E-Mails sollte man mit Anrede, Verabschiedung und Kontext verfassen und dafür nicht die Betreffzeile missbrauchen. Und: Satzzeichen sind keine Rudel-, sondern Einzeltiere. Vor allem Ausrufezeichen
sollte man wohldosiert einsetzen.

Ist man heute zu schnell per Du?
Seit einigen Jahren hält das „Du“ – mit Sneakern und Ablegen der Krawatten, Einzug in die Vorstandsetagen. Auch in konservativeren Branchen. Ich empfinde ein verordnetes Unternehmens-Du aber eher als künstlich. Oft stammt das Geduze eher aus der Werbung oder dem Employer Branding, um sich ein jugendliches Image gegenüber dem Nachwuchs zu geben – was aber noch lange nicht heißt, dass die Atmosphäre im Unternehmen dem entspricht. Genauso ist es mit der scheinbaren Vertrautheit in den sozialen Medien. Die ja oft alles andere als sozial sind. Da wird eine künstliche Vertrautheit geschaffen.

Der angemessene Umgang

  • In welcher Branche arbeitet man?
  • Wie konservativ ist die Branche?
  • Sind die Hierarchien tatsächlich so flach, wie sie dargestellt werden?
  • Mit welchen Altersgruppen und Kulturen arbeitet man zusammen?
Sie sprechen im Buch vom Business Ghosting – was bedeutet das?
Diese neue Unverbindlichkeit ist ein großes Thema und zieht sich durch alle Lebensbereiche. Die Kommunikation in Echtzeit via Whatsapp und anderen Medien befördert die Verschieberitis, die oft nicht mehr zu bewältigende E-Mail-Flut zieht „no reply-Mailings“ im Kundenverkehr nach sich – und auch das Ghosting macht sich im Business breit. Plötzlich bekommt man keine Antwort mehr – bei Terminen und selbst bei Verträgen. Der ehrbare Kaufmann scheint vom Aussterben bedroht. Wort und Handschlag sind nur so lange gültig, wie keine E-Mail oder Chat hinterhergeschickt wird.

Zum Buch

Saskia Eversloh und Isabel Schürmann erklären, warum Höflichkeit und Tugenden auch in der neuen Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielen.
New Work: Knigge reloadad. Umgang
und Netiquette in einer agilen Arbeitswelt.
C.H. Beck, 155 Seiten, 10,20 Euro.

Viele Firmen wollen das Homeoffice unter bestimmten Bedingungen beibehalten. Worauf muss man hier besonders achten?
Wichtig ist eine klare Aufgaben- und Rollenverteilung. Das erfordert eine neue Priorisierung und Zielsetzung. Denn manches lässt sich im Homeoffice nicht erledigen, anderes dafür besser. Hier ist die Führungskraft gefragt. Auch der Teamgeist muss virtuell wesentlich bewusster gepflegt werden.

Duzen und Siezen im Netz

Bei Geschäftskontakten auf Business- und Karrierenetzwerken zuerst einmal beim formellen, respektvollen „Sie“ bleiben oder zumindest damit starten – auch, wenn es sich eingebürgert hat, dass viele im Internet automatisch per „Du“ sind.

Es gibt viele Definitionen von New Work. Wie lautet Ihre?
New Work ist zum Modewort für alles und nichts geworden. Meist werden damit Designerbüros à la Google und arbeiten, wann und wo man will assoziiert. Auch viele Zuckerln wie der Kickertisch oder – im Zuge des Gesundheitsmanagements – Elektrofahrräder und bestenfalls Biokantine. Ich denke, Köpfe und Talente sind der wichtigste Wettbewerbsfaktor in einer globalisierten Wissensgesellschaft. Nur, wenn wir machen, was wir wirklich wollen, sind wir auch motiviert und gut darin. Dieser Ansatz geht auf Frithjof Bergmann, den Urvater von New Work zurück. Wie sehen die Vor- und Nachteile der neuen Arbeitswelt aus?
New Work ist ja nicht nur der sozialphilosophische Ansatz von Bergmann – eine Arbeitswelt, in der Menschen ihren Neigungen nachgehen und ihr Potenzial entfalten. New Work ist auch eine durch Digitalisierung und globalen Wettbewerb beschleunigte Hochleistungsgesellschaft. Und arbeiten wann und wo man will, heißt ja auch, eine Entgrenzung von Beruf und Privatem. Das ist für viele eine Überforderung. Davon abgesehen ist die schöne neue Arbeitswelt ja auch seit den 2000er Jahren durch Prekarisierung geprägt: Kettenbefristungen, Zeit- und Leiharbeit sind großzügig legalisiert worden.

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