Wenn es etwas aus diesem Krieg zu lernen gilt, dann wohl auch die Tatsache, dass viele ihr typisches Bild vom "Flüchtling" überdenken müssen. Yuliia Kriukova hat an zwei Universitäten studiert und in Charkiw als Finanzmanagerin gearbeitet. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Vertriebsleiter, hat sie im Dezember ihre nagelneue Wohnung im Zentrum der Stadt bezogen. Zwei Monate später fielen die ersten Bomben.

Yuliias Familie suchte Zuflucht in ihrer Wohnung. "Viele sind zu uns gekommen, weil wir glaubten, im Zentrum der Stadt sicher zu sein." Doch der Lärm der Bomben und Schüsse rückte immer näher. Die Kinder weinten, vom Fenster aus sah man das Feuer, die Einschläge und die zerstörten Wohnhäuser. Die Familie verschanzte sich in der U-Bahn-Station "Botanichyj Sad". "Wir waren elf Personen und hatten vier Decken. Da mussten wir immer abwechselnd schlafen. Zur Essensausgabe sind wir über die Gleise in eine andere Station gegangen", berichtet die 36-Jährige.

Zuflucht in Feldkirchen

Heute lebt sie bei Harald Jordan und Dagmar Grohmann in Feldkirchen und kann wieder in einem normalen Bett schlafen. Valeria, ihre Tochter, tanzt, tobt und fährt Fahrrad im Garten. "Ich habe natürlich gezögert, aber wenn ich sehe, wie glücklich meine Tochter ist, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war."

Die 7-Jährige beeindruckt die Gastgeber mit ihren Rechenkentnissen. "Es ist unglaublich, wie gut sie kopfrechnen kann. Sie schlägt uns auch immer im Memory", erzählt der Feldkirchner Geschäftsmann. Für ihn war es wichtig, dass Kriegsthema am Anfang bewusst zu vermeiden, bis sich die beiden wohlfühlen. Das hat gut geklappt – Kriukova und die kleine "Leri" sind froh, wieder an andere Dinge zu denken.

Harald Jordan hat Yuliia und Valeria bei sich zu Hause aufgenommen
© F. Steiner

Charkiw zerstört

Trotzdem nimmt die Ukrainerin immer wieder ihr Handy in die Hand und blickt auf den Bildschirm. Die Nachrichten und Bilder von ihrer zerstörten Heimatstadt strömen darauf nur so ein. Sie zeigt sie ihrer Tochter nicht, aber "Leri" merkt, dass ihre Mutter traurig ist. "Der Moment, an dem ich entschieden habe, zu fliehen, war als eine Bombe in Valerias alten Fechtclub eingeschlagen hat. Die Sporthalle ist nur 300 Meter von unserer Wohnung entfernt. Man weiß nie, wo die nächste Bombe einschlägt." Nach sechs Tagen in der U-Bahn Station brach die Familie schließlich am 7. März zur Grenze auf.

Unter normalen Umständen dauert die Reise von Charkiw an die westliche Grenze einen Tag – mit den Militärkontrollen und den langen Autoschlangen waren es diesmal vier Tage. Kriukova ist mit ihrer Tochter weiter nach Kärnten gereist, wo sich der Chef ihres Mannes gerade aufhielt. Er war in Österreich auf Urlaub, als der Krieg begann und hat die beiden an der ungarischen Grenze abgeholt. Olga Grölitsch konnte sie schließlich mit dem Feldkirchner Unternehmerpaar in Verbindung bringen.

Ihr Mann musste aufgrund der Wehrpflicht in der Ukraine bleiben. Er ist mit seinem Bruder und Yuliias Mutter in einem kleinen Dorf im Westen der Ukraine bei den Großeltern untergekommen. Dort sei die Lage noch besser, auch wenn Geld und Lebensmittel langsam knapp werden.

Von Wohlstand zur Existenzkrise

Das sind Sorgen, die man als wohlhabende Familie zuvor nie hatte. Jetzt werden sie auf einmal zur Realität. "Das Problem ist, dass die Menschen ja nicht mehr arbeiten gehen können und deshalb auch kein Gehalt mehr beziehen", erklärt Harald. "Zur Kriegssituation kommen also noch Existenzängste hinzu."

Die Feldkirchner, die derzeit die Platzbrauerbehausung am Hauptplatz sanieren, bezahlen die Miete für die Wohnung der ukrainischen Familie in Charkiw. Kriukova solle sich keine Gedanken darum machen müssen. Auch Familie und Freunde helfen bei den Mietkosten und allem, was die beiden benötigen. "Sie sind hier keine Flüchtlinge, sondern unsere Gäste", sagt Jordan. "Auch nach dem Krieg werden wir sie unterstützen, wo wir können. Möglich wäre, dass man eine Partnerschaft mit der Stadt abschließt und beim Wiederaufbau hilft. Außerdem habe ich "Leri" bereits einen Job angeboten." Die 7-Jährige hat begeistert zugesagt.

"For Dagmar and Harald" steht auf dem Bild
© F. Steiner

Doch erstmal arbeitet "Leri" ehrenamtlich in der Messehalle 2 in Klagenfurt. Gemeinsam mit der Mutter werden jeden Tag gespendete Güter für die ukrainischen Landsleute entgegengenommen, verpackt und sendefertig gemacht. Das gibt den Ukrainerinnen Hoffnung für die Zukunft, denn sie wollen wieder zurück in ihr geliebtes Land, wie Kriukova schildert: "Auch wenn wir sehr dankbar für die Gastfreundschaft von Harald und Dagmar sind". Als Dank haben die beiden ein Bild gemalt – es zeigt zwei Hände in den Farben der ukrainischen Flagge, die die österreichische Flagge umschließen.

"Russland wird euch befreien"

"Wir wollten diesen Krieg nicht", sagt Yuliia in Anspielung auf die russischen Medien, die behaupteten, der Krieg würde von der Ukraine ausgehen. Die Propagandafalle in Russland kennt sie aus erster Hand. Ihre Tante lebt in Russland, wo die Menschen nur staatsfreundliche Nachrichten konsumieren können. "Ich habe ihr die Bilder von Charkiw geschickt und ihr gesagt, dass wir in der U-Bahn-Station schlafen. Sie hat mir geantwortet: Haltet durch, Russland wird euch befreien."

"Wovon befreien? Sie werden uns zerstören", antwortete Yuliia schockiert und schickte noch mehr Bilder – beispielsweise von der zerstörten Wohung ihrer Mutter. Diese Bilder kennen die meisten Russen nicht. Gerade deswegen sei es auch für Harald Jordan wichtig, nicht alle Russen zu verurteilen. "Sie sind manipuliert und haben keinen Zugang zu putinkritischen Nachrichten. Der Krieg ist auch ein Informationskrieg", erklärt er.