WeltklimakonferenzFeilschen um mutigere Klimaziele steht vor dem Höhepunkt

Nach der pandemiebedingten Absage im Vorjahr startet am Sonntag die 26. Weltklimakonferenz in Glasgow. Die Staaten sollen sich dort in den nächsten zwei Wochen auf Regeln zur Umsetzung des Pariser Klimaziels einigen. Noch aber fehlt es an Zusagen für weniger Treibhausgasausstoß.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Aktivisten fordern vor dem Tagungsort in Glasgow mehr Bewegung beim Klimaschutz © AP
 

Zumindest an royalem Glanz dürfte es nicht fehlen, wenn am Sonntag die 26. UN-Weltklimakonferenz in Glasgow startet. Zwar musste Queen Elisabeth II ihre geplante Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen absagen, doch Thronfolger Charles und Camilla werden ebenso nach Schottland anreisen wie auch Prinz William und Herzogin Kate. Eine symbolische Geste, die jedoch nicht über den gewaltigen Verzug hinwegtäuschen kann, in den die Welt im Kampf gegen die Erwärmung geraten ist.

Sechs Jahre sind seit den entscheidenden Beschlüssen von Paris vergangen. Bei der damaligen 21. Weltklimakonferenz hatten sich die 195 Teilnehmerstaaten dazu verpflichtet, den globalen Hitzetrend im Vergleich zu vorindustriellem Niveau auf weniger als 2 Grad und wenn möglich auf nicht mehr als 1,5 Grad Celsius einzubremsen. Für diesen gemeinsamen Kraftakt sollten alle Staaten nationale Klimaziele vorlegen und bis zum Vorjahr entsprechend nachschärfen.

Pandemie wirkte nur kurz

Tatsache ist, dass die globalen Emissionen seither weiter angestiegen sind. Einzig die Coronakrise brachte im Vorjahr eine zwischenzeitliche Entlastung, deren Effekt laut Klimaforschern aber bereits vollständig verpufft ist. Ansonsten hatte die Gesundheitskrise für den Kampf gegen die steigende Hitze primär nachteilige Auswirkungen. Nach den Minimalbeschlüssen des letzten Klimagipfels 2019 in Madrid fiel das Treffen im Vorjahr pandemiebedingt ins Wasser. In der Folge verzichteten die meisten Staaten darauf, wie versprochen ihre Klimaziele nachzuschärfen – rund 50 Staaten haben es bis heute nicht getan.

Grafik: Jonas Pregartner

Kurz vor Beginn der zwei Wochen dauernden 26. Konferenz, zu der 20.000 Teilnehmer erwartet werden, klafft laut UNO immer noch eine große Lücke zwischen den Pariser Vereinbarungen und der Summe der nationalen Zusagen. Bleibt es dabei, dürften die globalen Treibhausgasemissionen im laufenden Jahrzehnt weiter ansteigen. Um das 1,5-Grad-Ziel nicht zu verfehlen, müssten sie nach den Berechnungen des Weltklimarats IPCC bis 2030 aber um fast die Hälfte sinken. Auch das 2-Grad-Ziel bleibt nur realistisch, wenn die Emissionen bis 2030 um 25 bis 30 Prozent zurückgehen.

Die Klimakonferenz

Auf Basis der 1992 in Rio de Janeiro beschlossenen Klimarahmenkonvention hält die UNO seit 1995 jährlich Klimakonferenzen ab. Sie tragen die Bezeichnung COP (Conference of the Parties).

Die COP26 findet heuer – nach der pandemiebedingten Absage im Vorjahr – von 31. Oktober bis 12. November in Glasgow statt. Erwartet werden 10.000 Delegierte und ebenso viele Vertreter von NGOs und andere Beobachter.

In der zweiten Verhandlungswoche werden die Minister und Regierungschefs der Staaten das Ruder übernehmen.

Die bisher vorliegenden Ziele dürften dagegen laut IPCC bis Ende des Jahrhunderts zu einer Erwärmung von 2,7 Grad Celsius führen, mit kaum kalkulierbaren Folgen. Eines der zentralen Vorhaben in Glasgow ist es deshalb, den Staaten weitere Nachschärfungen abzuringen. Ein schwieriges Unterfangen, zumal entscheidende Spieler wie Indien bereits wissen haben lassen, von der Idee einer Klimaneutralität wenig zu halten. Andere Staaten wie Australien weigern sich beharrlich, die Reduktionsziele bis 2030 zu verschärfen, Russland und Saudi Arabien wollen das 1,5-Grad-Ziel überhaupt nicht mehr anerkennen. Viel wird vom Verhalten Chinas abhängen, das allein 28 Prozent der globalen Emissionen verantwortet. Beobachter befürchten, Peking könnte Klimazusagen im Handelsstreit mit dem ebenfalls anreisenden US-Präsidenten Joe Biden als Faustpfand einsetzen.

Grafik: Jonas Pregartner

Doch selbst wenn es weitere Zusagen gibt, ist das noch nicht einmal die halbe Miete. Denn bislang handeln die wenigsten Staaten den eigenen Zielen entsprechend. So hat das UN-Umweltprogramm UNEP jüngst errechnet, dass die Unterzeichnerstaaten des Pariser Abkommens in diesem Jahrzehnt mehr als doppelt so viel Öl, Kohle und Gas fördern wollen, wie mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar wäre. Selbst für das 2-Grad-Ziel sei die Fördermenge um fast die Hälfte zu hoch.

Umstrittenes Regelwerk

Ebenfalls Einigungsbedarf herrscht in Bezug auf die Regeln, nach denen das Pariser Abkommen umgesetzt werden soll. Offen ist unter anderem der komplexe, aber entscheidende Punkt, wie ein Emissionshandel zwischen den Staaten aussehen könnte ohne Schlupflöcher offen zu lassen. In Madrid hatten sich die Staaten 2019 nicht über die Ausgestaltung des entsprechenden Artikel 6 des Pariser Regelbuchs geeinigt und den Beschluss deshalb vertagt.

Grafik: Jonas Pregartner

Im Verzug sind die Industrieländer auch in Sachen Finanzierung. Vor elf Jahren sagten sie zu, bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar an Hilfen locker zu machen, um Entwicklungsländern bei der Bekämpfung des Klimawandels zu helfen. Bislang sind erst 80 Prozent der Summe sichergestellt. Die Lücke könne wohl erst 2023 geschlossen werden, wie Regierungsvertreter von Deutschland, Großbritannien und Kanada diese Woche mitteilten.

Was Österreich tun muss

Österreich stellt, wie auch die übrigen EU-Staaten, bei den UN-Klimakonferenzen keine eigene Verhandlungspartei. Diese Rolle übernimmt Brüssel für die gesamte Union, die ihre Klimaziele für das Jahr 2030 im Frühjahr bereits kräftig nachgeschärft hat. Die Emissionen sollen bis dahin um 55 Prozent (bisher: 40 Prozent) unter den Wert von 1990 sinken. Bis 2050 soll die Union klimaneutral werden. Etwas mehr als die Hälfte des europäischen Treibhausgasaustoßes (2019 waren es insgesamt rund 3,6 Milliarden Tonnen) entfällt auf die Industrie und die Energiegewinnung, die größtenteils dem Emissionsrechtehandel unterworfen sind. Die restlichen rund 45 Prozent werden den einzelnen Staaten zugerechnet. Eine Lastenteilung regelt, wie viel jeder Staat zum Gesamtziel beitragen muss. Für Österreich soll die Reduktionsverpflichtung für 2030 durch die verschärften Ziele von bislang minus 36 Prozent auf minus 48 Prozent wachsen (jeweils im Vergleich zu 2005).

Auf Kurs ist das Land dafür bislang nicht. Hauptverantwortlich dafür ist der Sektor Verkehr, dessen Emissionen seit 1990 um fast 75 Prozent auf 24 Millionen Tonnen angestiegen sind. Dieser Zuwachs, der vor allem durch den rasant wachsenden Güter- und Pkw-Verkehr zustande gekommen ist, macht die Teilerfolge in anderen Sektoren (Gebäude, Landwirtschaft, Abfallwirtschaft) zunichte. Bilanz mit Stand 2019: Österreich hält (ohne Industrie und Energiegewinnung) bei einer Emissionsmenge von 50,2 Millionen Tonnen. Das ist im Vergleich zum Höchststand im Jahr 2005 zwar ein Minus von rund elf Prozent. Um die Ziele für 2030 zu erreichen, müssen die Emissionen künftig aber jedes Jahr um weitere rund drei Millionen Tonnen sinken.

Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) wird zur Eröffnung des Klimagipfels anreisen, Klimaministerin Leonore Gewessler (Grüne) besucht die Klimakonferenz in der zweiten Verhandlungswoche. Für die Anreise verzichtet die Ministerin demonstrativ aufs Flugzeug und steigt in den Zug. Fahrzeit Wien-Glasgow: rund 25 Stunden.


Mit der Anmeldung stimme ich den Allgemeinen Nutzungsbedingungen einschließlich der darin geregelten Datenverwendung zu.

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

Adiga
0
1
Lesenswert?

Das 1,5° Ziel vor Augen oder auch nicht

Die Regierungen reden vom Senken der CO2-Emissionen.
Die Konzerne wollen dafür Geld bekommen.
Das Volk soll ihre Emissionen dann senken, ebenso die Politik fürs reden darüber bezahlen und die Konzerne dafür bezahlen, dass sie auch die Emissionen senken.

Die Politiker wissen zudem, dass sie mehr Geld fürs darüber Reden bekommen, wenn sie anstatt sich zu einigen - sich darüber streiten und gegenseitig blockieren, damit es möglichst lange dauert bis sie irgendwas beschließen. Und Außerdem kann man während man sich im Parlament darüber lauthals streitet, hintenherum über Chats ausmachen wer inzwischen wieviele Millionen aus Steuergeldern fürs Nichts tun abzweigen darf.

future4you
0
3
Lesenswert?

Das wird wohl nichts mehr

seit über 50 Jahren ist das Thema am Tisch und alle tanzen flott und fröhlich unseren Tango Egale auf dem Schiff namens Erde weiter. Der Mensch schafft ja nicht einmal die primitivsten Aufgaben, wie z.B. dass er seine Tschickstummel ordentlich entsorgt, oder seinen Müll nicht aus dem Auto wirft. Wie soll diese geistig verkümmerte Spezie dann so ein komplexes Thema bewältigen?

melahide
3
4
Lesenswert?

Nachdem

die Menschheit und vor allem die Wirtschaft nicht bereit sind etwas zu unternehmen, werden wir due volle Breitseite des Klimawandels abbekommen. Maßnahmen um etwas zu tun, damit wir mit dem Klinawandel leben können treffen wir auch nicht. Das würde ja heißen: Bauwut stoppen, was noch „gebaut“ werden darf sind Bäume und Grünflächen. Gibt es nicht. Der Mensch will weiterhin sein Rindfleisch um 5 Euro das Kilo, will weiter jeden Meter per Auto zurücklegen. Will weiter Kurzstrecken fliegen. Will weiter billige Wegwerf-Kleidung. Will weiterhin Erdbeeren im Winter und was weiß ich …

Sam125
2
4
Lesenswert?

Und dann gleich noch den Quellennachweis dazu,damit alles seine Richtigkeit hat!

So viel Kohlekraft installiert China jährlich neu!Nachzulesen unter de.statista.com!Der kohle verbrauch ist seit 1965 um mehr als das 16 Fache angestiegen!Wie die Daten der Klimaschutz- Organisation Global Coal Plant Trackers zeigt installiert das Land Jahr für Jahr mehr Kohlekraftwerke,als es vom Netz nimmt!!Und es wurde zuletzt
wieder erweitert-statt reduziert! Demnach hätten chinesische Behörden im MÄRZ dieses Jahres den Bau von mehr Kohlekraftwerke erlaubt,als im GESAMTEN Jahr 2019!Na dann gute Nacht liebe Mutter Erde und ihr,die wie die Lemminge hinter der Frau Gewessler,Maurer und ihre Spezialisten herlaufen wünsche ich alles Gute für die Zukunft und natürlich auch alle anderen,die sich schwer tun gegen die unheilvolle Strömung der Lemminge durzusetzen!Wacht endlich auf!

Sam125
1
4
Lesenswert?

Eines MUSS uns allen klar sein,solange gnadenlos und weltweit die Regenwälder

abgeholzt werden und sich daher der"Golfstrom"gravierend verändert,werden sich die Meeresströmungen und damit auch das Weltklima nachhaltig zum Nachteil der gesamten Welt und für immer verändern!Die Klimakatastrophe wird daher leider auch nicht zum aufhalten sein!Es ist schön,wenn wir fossile Brennstoffe durch Elektrizität ersetzen wollen,was natürlich nur in Ländern möglich ist,wo keine AUTOBATTERIEEN,wie in China,hergestellt werden,denn in China wird wegen der florierenden Wirtschaft(E- Mobilität!)fast täglich ein neues Kohlekraftwerk hochgefahren und die sogenannten westlichen und fortschrittlichen Länder wollen alles verbieten was mit fossilen Brennstoffen fährt und heizt und die gute Luft vom "Westen"wird durch die schlechte Luft vom "Osten",gesehen für's WELTKLIMA,wieder aufgehoben! Schöne Aussichten für uns alle! Und Deutschland verbraucht ALLEIN 40 % vom weltweit angebauten Palmöl und ist daher auch am allermeisten für die Abholzung der Regenwälder verantwortlich!

Adiga
0
5
Lesenswert?

Ober- und Untergrenzen sind ja ganz nett.

Wie realistisch ist es, eine 25 - 30% Reduktion der Emissionen bis 2030 erwarten zu können? Ich erwarte eigentlich trotz all der Zielsetzungen global eine 10 - 15% Steigerung der Emissionen bezüglich der errechneten Obergrenze. Weil Ziele zu verfehlen, um soviel einfacher umzusetzen ist und sich Eliten und Machthaber meistens nicht daran halten, was sie öffentlich erzählen.

econom100
5
6
Lesenswert?

Klimaziele

Realistischerweise sollte wir Maßnahmen planen, wie wir mit dem Klimawandel umgehen werden. Denn so wir wir derzeit versuchen ihn aufzuhalten, werden wir grandios scheitern. Wir feiern uns schon für faule Kompromisse bei Zielfestlegungen; von wirklichen Maßnahmen sind wir noch Lichtjahre entfernt. Die heutige Jugend wird sich bei uns bedanken, denn sie wird es ausbaden müssen.