Elektrische RennserienKann der Motorsport noch die Kurve kratzen?

Klimakrise, Strukturwandel und Corona haben den Motor im Rennsport ins Stottern gebracht. Mit einem Kurswechsel kratzen die Protagonisten die Kurve und setzen Hersteller und Fans unter Strom.

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Skurriler Werbeträger für die Elektromobilität: Extreme E © Extreme E
 

Jahrzehntelang war der Motorsport eine perfekte Bühne für Imagebildung und Marketing: Win on Sunday, sell on Monday. Doch der Slogan, der bei den Automobilherstellern einst alle Budgets rechtfertigte, hat weitgehend ausgedient. Die viel beschworene Vorreiter-Rolle für die Serie erfüllt der Rennsport nur noch bedingt. Der Rückfluss und Benefit ist überschaubar geworden. Geschuldet freilich auch der komplexen Technik, die eine sichtbare Darstellung schwer möglich macht. Erfolgsstorys, wie sie einst Audi mit dem Quattro schrieb, finden nicht mehr statt.

Dazu kommt der gesellschaftliche Gegenwind, der dem Motorsport seit Jahren entgegenschlägt und sich verstärkt. Im Zuge der Klimadiskussion steht die lärmende Raserei zunehmend in der Kritik und wird nicht nur von Umweltschützern als Anachronismus und maßlose Ressourcenverschwendung gegeißelt.

Für die Autobauer wird besonders der Verbrennungsmotor, der langsam, aber sicher aus der Zeit zu fallen scheint, zum Problem. Auf der Werbebühne ist damit künftig kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Die mediale Aufmerksamkeit wurde zuletzt auch immer dürrer, und das bei explodierenden Kosten. Immer mehr Autobauer und Sponsoren zogen die Reißleine. Wobei gerade die endgültige Abkehr der Hersteller schwerwiegende Konsequenzen für die Szene hätte, weil die Autobauer mit ihrer Innovations- und Finanzkraft das Rückgrat des Rennsports bilden.

Mit der Formel E erschloss sich den Werken eine signalhafte Plattform für die Elektromobilität und sie setzte auch die letzten Petrol Heads unter Strom, die nun dabei sind, den Motorsport in eine neue nachhaltige Ära zu führen. Der Forderung nach zukunftsorientierter Technologie entzieht sich nahezu keine Rennserie, "grün" wird zur Überlebensstrategie.

„Das Schlagwort heißt CO2- neutral“, sagt Red-Bull-Mastermind Helmut Marko. Die Königsdisziplin Formel 1 will dem Anspruch als schnellstes Testlabor der Welt gerecht werden. Mit Start des neuen Motorenreglements 2025 wird sich der Elektroanteil der Hybrid-Triebwerke verdoppeln, ab diesem Zeitpunkt werden die Boliden auch zu 100 Prozent mit synthetischen Kraftstoffen angetrieben. 2030 später soll der gesamte Formel-1 Zirkus CO2-neutral sein.

Einen radikalen Schnitt wagen will man in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft, die nach dem Ausstieg von Mercedes und Audi an der Kippe stand. So folgt DTM-Boss Gerhard Berger den Wegen der Autobauer und plant schon für 2023 eine Elektro-Plattform. Die Boliden der DTM Electric sollen bis zu 1200 PS stark sein und in Sprintrennen mit einer Dauer von rund 30 Minuten die Fans unter Strom setzen. Die erste rein elektrische Tourenwagen-Serie – Pure ETCR – geht noch heuer an den Start: Geplant sind vier Rennen in Europa sowie das Saisonfinale in Südkorea.

Auch der Rallyesport kratzt die Kurve und setzt ab 2022 in der Weltmeisterschaft auf Hybrid und nachhaltige Treibstoffe. In der Rallyecross-Weltmeisterschaft soll ab 2022 rein elektrisch die Post abgehen. Ausgerüstet werden die Fahrzeuge mit einem einheitlichen Antrieb, der von Kreisel Electric aus Österreich geliefert wird.

Ein neues Leuchtturmprojekt für das Elektro-Zeitalter ist die Extreme E. Der Erfinder Alejandro Agag, der schon vor sieben Jahren die Formel E aus der Taufe gehoben hat, sieht das neue Format als Versuch, Motorsport mit dem Umweltschutz zu versöhnen. Gefahren wird mit einheitlichen Elektro-SUV namens Odyssey 21, zwei Elektromotoren liefern den Rallye-Monstern 544 PS Leistung.

Die Extreme E gastiert in der Wüste Saudi-Arabiens, an den Küsten Senegals, auf den Gletschern Grönlands und Patagoniens sowie im Amazonas-Regenwald. Also an Orten, an denen die Auswirkungen des Klimawandels bereits zu spüren sind. Ein wissenschaftliches Team sorgt dafür, dass der Tross keine Schäden hinterlässt und vor Ort zahlreiche Projekte zur Verringerung der Umweltprobleme initiiert. Die Teambetreiber haben klingende Namen: Lewis Hamilton, Nico Rosberg oder Carlos Sainz.

Der nächste Coup im Motorsport als Gamechanger könnte Wasserstoff sein. In Deutschland startet ab 2023 mit der Hyraze League, an der unter anderem der ADAC und Schaeffler beteiligt sind, eine eigene Brennstoffzellen-Rennserie. Der fünfmalige Wüsten-Sieger Cyril Despres will die Rallye Dakar 2023 mit einem Wasserstoffauto bestreiten. In Le Mans sind ab 2024 ebenfalls Wasserstoff-Renner zugelassen.

Die Sterbeglocke im Zuge der Zeitenwende hört im PS-Lager jedenfalls niemand läuten. Für Helmut Marko wird sich an der Faszination Motorsport nichts ändern. "Brot und Spiele. Es war immer so: Je strenger die Restriktionen wurden, desto spürbar stärker wurde die Nachfrage.“ Weltweit gehen die TV-Einschaltziffern bei der Formel 1 in die Höhe, durch die sozialen Medien und E-Sports explodiert gerade die Zahl der jungen Fans.

Nur einem Rennformat erteilt der Red-Bull-Sportchef eine Absage: Die Formel E hält er für einen schlechten Marketing-Gag. „Keine Power, kein Sound und eine flaue Action – die Formel E ist reine Geldvernichtung.“ Könnte was dran sein: Mit Jahreswechsel steigen mit Audi und BMW zwei der neun Hersteller aus.

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