Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Die Uhr: Jene Maschine, die uns die Zeit gestohlen hat

Julian Melichar
Stv. Chef vom Dienst/Print
© Klz / Stefan Pajman
Der „Müßige, der seine Zeit verliert, der sie nicht bemisst, gleicht den Tieren und verdient es nicht, als Mensch angesehen zu werden“, hielt der Dominikanermönch Domenico Cavalca, geboren 1270, einst fest

Über die Erfindung der Zeit und die unterschätzte Maschine namens Uhr.

Wie verhält es sich mit der Zeit? Heilt sie die Wunden, ist sie uns gut gewogen oder fordert sie uns heraus? Ist die Zeit lose oder nah? Manchmal gehen wir mit der Zeit, manchmal läuft sie uns davon, noch öfter trauern wir ihr nach. Sie ist so fern und doch mit uns. Sie ist unser kostbarster Besitz und gleichzeitig etwas, das wir nicht festhalten können.

Und nicht einmal die Gegenwart ist das, wofür wir sie halten. Wissen Sie eigentlich, dass wir in die Vergangenheit schauen können? Es ist nämlich so, dass das, was wir sehen, oft gar nicht die Gegenwart ist. Zum Beispiel, wenn wir die Sonne betrachten. Die sehen wir in einer Version, die rund acht Minuten alt ist. Denn selbst die Lichtgeschwindigkeit von 300.000 Kilometern pro Sekunde ist manchmal nicht schnell genug. Für die 150 Millionen Kilometer von der Sonne zur Erde braucht selbst das Licht seine Zeit. Acht Minuten eben. Wenn wir in den Nachthimmel schauen und den Planeten Jupiter betrachten, nimmt die Vergangenheit noch mehr Form an. Die Jupiter-Version, die wir zu Gesicht bekommen, ist nämlich zwischen 33 und 54 Minuten alt. Wir blicken ins All und sehen, was längst geschehen ist. Jaja, die Gegenwart ist das, was gerade war.

Die Erfindung der Zeit

Aber wann wurde die Zeit erfunden? Gar nicht so leicht zu beantworten. Die physikalische Zeit existiert jedenfalls seit dem Urknall vor rund 13,8 Milliarden Jahren, die „menschliche Zeit“ gibt es seit rund 5.000 Jahren. Die alten Ägypter hatten zum Beispiel schon Sonnenkalender.

Mit unserem heutigen Begriff von Zeit hatte das alles aber wenig zu tun. Lange galt sie weniger als etwas Voranschreitendes, vielmehr als etwas Wiederkehrendes. Es gab das Morgengrauen, die Morgenröte, die Dämmerung. Die Natur bestimmte die Zeit, nicht der Mensch.

Mit der Zeit wurde aus etwas Vagem aber eine Waage des Jetzt. Vor allem Mönche sezierten den Tag besonders gerne, teilten ihn in exakte Abschnitte. Mittels Sonnenuhren, Wasseruhren, Kerzenuhren. Und irgendwann wurde die Zeit nicht nur zu einer messbaren Größe, sondern auch zu einem Maßstab der Moral.

Der „Müßige, der seine Zeit verliert, der sie nicht bemisst, gleicht den Tieren und verdient es nicht, als Mensch angesehen zu werden“, hielt etwa der Dominikanermönch Domenico Cavalca, geboren um 1270, fest. Die Verachtung des Nichtstuns ist keine Erfindung des Kapitalismus, wie man sieht.

Die Uhr ist eine unterschätzte Maschine

Etwa zur gleichen Zeit, rund um das Jahr 1300, entstanden dann auch die ersten mechanischen Uhren. Bald wurden sie an Türme montiert, Glockenschläge wurden zum Taktstock der arbeitenden Bevölkerung und läuteten gleichsam die Demokratisierung und Domestizierung der Zeit ein. Die Uhr, diese unterschätzte Maschine: Sie war öffentlich, einsehbar, messbar, vergleichbar, allgegenwärtig. Ein radikaler Bruch in der Menschheitsgeschichte.

Seither haben wir die Zeit immer präziser vermessen. Wir zerlegen sie in Stunden, Minuten, Sekunden und deren Bruchteile. Wir füllen unsere Kalender und optimieren Abläufe. Wir wissen, dass Zeit Geld ist. Aber wissen wir auch, was wir damit anfangen wollen?

Die Anzugträger von der Zeitsparkasse

Auf die Suche nach der verlorenen Zeit machte sich zwischen 1913 und 1927 in einem siebenteiligen Roman der französische Schriftsteller Marcel Proust. Man muss aber gar nicht unbedingt vorgeben, dieses Opus magnum der Weltliteratur in Gänze gelesen zu haben. Ein Kinderbuch hat alles zum Thema Zeit gesagt, was es zu sagen gilt. Momo von Michael Ende. Dort treten fiese graue Anzugträger von der Zeitsparkasse auf und animieren die Menschen zum Sparen – für späteren Reichtum. Und man lernt: Je mehr Zeit die Menschen sparen wollen, desto weniger haben sie davon.

Übrigens: Haben Sie wohl eh nicht auf die Zeitumstellung vergessen? Heute Nacht war es so weit. Falls doch: Stellen Sie die Uhren (wenn Sie so etwas Analoges überhaupt noch besitzen) eine Stunde zurück.