70 Jahre ungarischer Volksaufstand: „Bei Schüssen bin ich einfach umgedreht“
Josef Kovacsics war beim ungarischen Volksaufstand 1956 in Budapest dabei. Der 89-jährige Feldbacher erinnert sich an Leid in der Hauptstadt und an die Flucht von Szentgotthárd nach Mogersdorf.
Studierendenproteste, Gewalt, Hunger, Panzer und Flucht – der ungarische Volksaufstand versetzte sein Epizentrum Budapest im Oktober und November 1956 in einen Ausnahmezustand. Was mit ersten scheinbar gewonnenen Freiheiten begann, endete mit Massenhinrichtungen und einer riesigen Fluchtbewegung Richtung Österreich. Mittendrin war der heute 89-jährige Feldbacher Josef Kovacsics.
„Ich habe einige verbrannte russische Soldaten gesehen und einmal auch einen Geheimpolizisten, der war an einer Lampe aufgehängt und unter dessen Füßen brannte ein Feuer“, erinnert sich Kovacsics, der aus Szentgotthárd stammt. Noch häufig denkt er an die so prägenden Tage in Budapest. In die Proteste stolperte er allerdings eher zufällig hinein.
Kovacsics beim Sturz der Stalin Statue in Budapest
In einem Vorort machte der damals 19-jährige Kovacsics eine Ausbildung zum Uhrmacher. Mit seinem Bruder wollte er sich am 23. Oktober die Proteste im Stadtteil Józsefváros anschauen und war dann dabei, als die ersten Schüsse fielen. „Damit wollte ich nichts zu tun haben. Bei Schüssen bin ich einfach immer umgedreht und weggegangen“, erzählt Kovacsics.
Auch als die Demonstrierenden die Stalin Statue zerstörten, war der Uhrmacher vor Ort und ergatterte sogar ein Stück Metall. Er hat es noch immer: „Ich dachte mir, wenn ich Heimweh habe, schau ich mir das an.“ Dass vom Denkmal nur noch die Stiefel übrig geblieben waren, belustigt den gebürtigen Ungarn bis heute: „Man hat gesagt, Stalin hätte seine zwei Stiefel für den Nikolaus dagelassen.“

Spricht man mit dem rüstigen 89-Jährigen, merkt man schnell, dass er sich neben der Erinnerung an Hunger, Leid und Unsicherheit vor allem Humor und eine gewisse Zuversicht bewahrt hat. „Ich hatte immer Glück im Leben“, betont Kovacsics mehrmals im Gespräch. Das würde wohl nicht jeder so formulieren.
200.000 flüchteten über das Burgenland gen Westen
Nach 14 Tagen sei er dann mit seinem Bruder nach Hause nach Szentgotthárd an der österreichisch-ungarischen Grenze gegangen, erzählt er. Die sowjetische Armee hatte den Aufstand inzwischen mit Panzern niedergewalzt. Erst mit der Niederschlagung setzte am 4. November 1956 eine große Fluchtbewegung Richtung Burgenland ein. Bis zum Juni 1957 wurden fast 200.000 Grenzübertritte gezählt – gerechnet hatte man mit 6000.
Nur ein Jahr nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags wurde das für Österreich und vor allem das Bundesheer zur Bewährungsprobe. „Da nicht ausreichend Kaderpersonal zur Verfügung stand, wurden die Einheiten durch Grundwehrdiener aufgefüllt, die erst wenige Tage zuvor eingerückt waren“, blickte das Verteidigungsministerium 2016 zurück.

Im Schneesturm ging Kovacsics nach Österreich
Auch Kovacsics ging über die Grenze, nicht als politischer Flüchtling, sondern auf der Suche nach Arbeit. Als Uhrmacher hoffte er, in der Schweiz eine gute Anstellung zu finden. „An einem Tag mit starkem Schneetreiben habe ich zu meinen Eltern gesagt, ich gehe jetzt“, erinnert sich Kovacsics. Er habe kaum Gepäck, ein paar Taschentücher und ein Leintuch mitgenommen, um im Schnee weniger aufzufallen.
„Bis Mitte Jänner 1957 war die Grenze ja offen, Papa hat natürlich Ende Jänner rübermüssen, als sie wieder geschossen haben“, erzählt Andrea Kovacsics kopfschüttelnd über die jugendliche Unbekümmertheit ihres Vaters.

Ein neues Leben in Feldbach aufgebaut
Doch der damals 19-Jährige schaffte es sicher. Sein Bruder begleitete ihn bis zu einem Sägewerk und Kovacsics signalisierte mit einer Zündholzschachtel den erfolgreichen Grenzübertritt. Von Mogersdorf im Bezirk Jennersdorf brachte man ihn in ein Auffanglager nach Kärnten. Die Schweiz nahm Kovacsics nicht auf. Ein Bekannter der Familie in Österreich vermittelte ihm schließlich eine Anstellung bei einem Uhrmacher in Feldbach – nur 30 Kilometer von Zuhause entfernt.
In den darauffolgenden Jahren lernte er seine Frau Herlinde kennen, machte die Meisterprüfung, baute sich ein eigenes Geschäft auf und gründete eine Familie. „In Feldbach war ich irgendwann bekannter als die Feldbacher“, erzählt der 89-Jährige lachend und mit Dankbarkeit in der Stimme. Ohne ein Wort Deutsch zu können, hatte man ihm eine Chance und eine Arbeit gegeben: „Das Leben ist schön“, betont Josef Kovacsics gerne rückblickend. So erst kürzlich bei einem Vortrag des südoststeirischen Vereins für Heimatkunde zum Volksaufstand. Am 23. Oktober veranstaltet der Verein einen weiteren Vortrag in Feldbach, in dem Paul Lendvai über sein Leben erzählen wird.
Vortrag mit Paul Lendvai
Am 23. Oktober 2026 findet im Zentrum Feldbach die zweite Themenveranstaltung „Der Ungarnaufstand 1956 - ein historischer Wendepunkt mit Folgen“ statt.
Paul Lendvai wird einen Vortrag über den ungarischen Volksaufstand und sein Leben halten.
Beginn der Veranstaltung: 18 Uhr
Einlass: 17 Uhr
Karten sind im Kulturbüro Feldbach und/oder im Stadtkaffee Feldbach am Hauptplatz erhältlich: Vorverkauf: 10 Euro
Abendkasse: 15 Euro