Franzobels Einwürfe: Das Land der Verteidiger
Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport-Fan.
Der Österreicher ist von Haus aus vorsichtig und auf Erhalt des Status quo bedacht. Ja, es gibt auch Hasardeure, aber der Otto Normalo will nichts riskieren. Im Fußball geht es so weit, dass wir bald die Hymne umschreiben müssen: Heimat bist du großer Verteidiger, Land der Ausputzer, begnadet für die Grätsche. Alaba, Danso, Lienhart, Friedl, Posch, Mwene, Wöber, Affengruber, Veratschnig, Querfeld, Schuster, Ndukwe, Baidoo, Puczka … die Liste ist endlos, und ständig tauchen neue Defensivtalente auf, muss man fragen, was Österreich groß zu verteidigen hat, dass ständig neue Abwehrrecken nachwachsen.
Bevor das Ministerium für Landesverteidigung jubelnd aus der Deckung hüpft, muss relativiert werden. Ein einziger Ire hat gereicht, um zu zeigen, dass die österreichische Abwehr doch nicht so ein Prunkstück ist, wie man anhand der wohlklingenden Arbeitgeber glauben könnte. Lienhart läuft seit einem halben Jahr Form und Gegenspielern hinterher, Mwene muss Buddhist sein, landen seine Flanken doch stets zielsicher im Nirwana, Posch ist, wie sein Licht-Schatten-Spiel verrät, ein Cineast, Alaba dauerrekonvaleszent … Aber es hätte gar keiner irischen Vergurkung gebraucht, um zu zeigen, dass unser Land nicht mehr sicher ist. In Salzburg wurde ein Hubschrauber gestohlen. Von Hubsch-räubern? Die Frauschaft von Austria Wien ließ sich in letzter Sekunde den Sieg gegen Inter Mailand nehmen, den Rapid Ultras wurden in Venedig Fetzen genannte Fahnen, quasi die Goldenen Vliese der Fangemeinde, entwendet, und bei der U21-Quali hat sich gezeigt: Die Schiedsrichter bei Österreich-Spielen sind immer welche, die in sich gehen, um das Maximum aus sich herauszuholen – also Nasenbohrer.
Lassen wir uns bald die Läuse vom Kopf stehlen? Österreich ist wunderschön mit Sicherheit und Wohlstand und Gratiszeitungen. Meinungsfreiheit, Sozialsystem. Aber was sagt es über uns aus, dass wir kaum noch kreative Spieler hervorbringen, keine Stürmer, Zangler, Dribblanskis? Sind wir eine Nation biederer Verteidiger?
Die Welt ist unberechenbar geworden, im Fußball muss man mittlerweile sogar Zypern, Luxemburg oder den Kosovo fürchten, während das wirkliche Leben von Mährobotern, selbstfahrenden Autos und KI-Agenten übernommen wird. Bald braucht man sogar für die Klospülung eine App. Jeder, der ein bisschen herumgekommen ist, weiß, wie gut es uns hierzulande geht. Da gibt es viele Dinge, deren Verteidigung unbedingt lohnt. Aber ob dabei die ganzen Abwehrspieler helfen? Manchmal reicht ein Irrer, um alles auszuhebeln. Betrüger und Gauner überall. Trotzdem dürfen wir uns nicht auf die Verteidiger verlassen, sondern müssen auch kreativ, genial und mutig sein – im Fußball wie im Leben. Amen.

