Franzobels Einwürfe: Spygate in der Premier League, Spygate überall

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport-Fan.
Vor Wochen sprach ich mit einer Freundin über die Schwierigkeit österreichischer Schriftsteller, ins Englische übersetzt zu werden. Man sollte meinen, das wäre kein Problem, tatsächlich haben Briten und Amerikaner aber selbst so viel Belletristik, dass sie kaum etwas übersetzen … Bald darauf kam ein Mail von einem amerikanischen Verlag, der meinen jüngsten Roman in den Himmel lobte und eine Übersetzung ankündigte. Ich sah schon Millionen und Hollywood-Verfilmungen, stutzte aber über einige Details: in der Mailadresse stand Alex Poreda, während mit Alexandra Porell unterzeichnet war, außerdem eine dubiose gmail-Adresse. Eine kurze Recherche brachte Ernüchterung – alles Gaunerei, vermutlich KI gemacht. Erst später fiel mir ein, dass bei dem Gespräch mit der Freundin mein Handy auf dem Tisch lag. Ob da ein Zusammenhang besteht? Ich meine schon. Wir werden überwacht und bis in die Enddärme ausspioniert.
So leicht hatte es Tonda Eckert nicht. Wenn nun die englische Premier League ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt, beginnt der FC Southampton eine Liga darunter mit vier Minuspunkten. Warum? Die gar nicht heiligen Saints haben recht profan versucht, die Gegner im Aufstiegs-Play-off auszuspionieren, was ein absolutes No-go ist. Dass man in Southampton trotzdem weiter auf Tonda Eckert setzt, der die illegale Trainingsbeobachtung abgesegnet hat, ist ein kleines Wunder. Laut Eigenaussage war dem 33-jährigen Trainer mit Red-Bull-Vergangenheit das Vergehen gar nicht bewusst. Natürlich wollte er alles über seine Gegner wissen, war ihm jedes Mittel recht.
Die Überwachung wird immer perfider, und die gigantischen Rechenzentren, die Flüsse und Gemüter erhitzen, bespitzeln uns bis in die hintersten Hirnfurchen, damit ihre KI-Agenten uns dann in den Leim locken, auf den wir ihnen gehen sollen.
— Franzobel
Mittlerweile geht es im Spitzensport um derart hohe Summen, dass eine Informationsbeschaffung mit Drohnen oder Spionen immer wahrscheinlicher wird. Aber was sind Wanzen oder versteckte Kameras, wenn man mit Hilfe der KI bald anhand des Einkaufverhaltens von Spielerfrauen weiß, ob der Gemahl in der Startaufstellung steht oder nicht. Die Überwachung wird immer perfider, und die gigantischen Rechenzentren, die Flüsse und Gemüter erhitzen, bespitzeln uns bis in die hintersten Hirnfurchen, damit ihre KI-Agenten uns dann in den Leim locken, auf den wir ihnen gehen sollen. Komplett verrückt!
Ich bin übrigens Fan von Ipswich Town. Die Traktor Boys haben den Aufstieg ohne Spionage geschafft. Dass es schwer wird, den Wiederabstieg zu verhindern, weiß man auch ohne KI. Und bis es mit der Übersetzung meiner Romane klappt, füttere ich das Handy mit Wörtern wie Grammelschmalzpizza oder Wühlmausfallen und schaue, welche Werbung mir dann über den Schirm flattert. Vielleicht lässt sich der Wahnsinn ja überlisten? Wenn nicht, geht sich zumindest ein Roman aus, mit Hirnschmalz statt KI, vielleicht kommt Ipswich darin vor, Southampton eher nicht.

