Eltern von Kärntner Mordopfer: „Mit Marsel wurde unser Herz getötet“
In der Nacht auf den 1. September wurde ein 19-Jähriger in der Justizanstalt Klagenfurt von einem Häftling getötet. Die Opferfamilie kritisiert, wie mit ihr umgegangen wird.

Marsel hat am Mittwoch Geburtstag: 20 Jahre wäre er geworden. Doch vor drei Wochen wurde der junge Kärntner in seiner Zelle in der Justizanstalt Klagenfurt getötet. Sein 17-jähriger Mitinsasse hat ihn in der Nacht auf den 1. September mit einer Klinge aus einem Einwegrasierer attackiert und so schwer verletzt, dass Marsel keine Überlebenschance hatte. Gegen den Angreifer wird wegen Mordes ermittelt, es gilt die Unschuldsvermutung.
Für Marsels Familie ist seit dem Tag der Tat nichts mehr wie es war. Lendita und Ramiz Berisha, Mutter und Vater des Opfers, trauern um ihren Sohn, drei Geschwister um ihren Bruder. „Mit Marsel wurde unser Herz getötet“, sagt der Vater. Die Hinterbliebenen müssen nicht nur den schweren Verlust verkraften, sie erheben auch Vorwürfe gegen die Justizanstalt, haben viele offene Fragen und fühlen sich im Stich gelassen.
Eltern sind zusammengebrochen
„Wir sind erschüttert darüber, wie mit uns beim Überbringen der Todesnachricht umgegangen wurde“, sagt Lendita Berisha mit tränenerstickter Stimme. „Jemand hat am 1. September am Vormittag um 9.30 Uhr bei uns in Wolfsberg angerufen und gefragt, ob ich die Mama von Marsel bin. Dann sagte er: Euer Sohn ist gestorben, Sie müssen in die Justizanstalt nach Klagenfurt kommen.“ Die Mutter dachte zuerst, das sei ein Betrugsanruf oder ein schlimmer Scherz. In der Folge hat ihre Familie bei der Polizeiinspektion in Wolfsberg angerufen und gefragt: „Stimmt es, dass Marsel tot ist?“ Die Nachricht wurde bestätigt. „Meine Eltern sind zusammengebrochen“, sagt Sanja, die Schwester des Getöteten. Sie hat in ihrer Verzweiflung das Rote Kreuz in Wolfsberg angerufen und um psychologische Hilfe für die Eltern gebeten. „Die sind dann gekommen, das war sehr nett.“
Ein Nachbar hat geholfen
Die Familie war außer sich. In diesem Zustand sind die Hinterbliebenen, die Eltern und die drei Geschwister, mit zwei Autos etwa 60 Kilometer nach Klagenfurt gefahren. „Ein Nachbar war so lieb und hat uns begleitet“, meint Marsels Familie. Im Gefängnis habe ein Gespräch mit dem Gefängnisleiter und anderen Mitarbeitern stattgefunden, dort seien Psychologen dabei gewesen. „Nach ein, zwei Stunden sind wir wieder von Klagenfurt nach Hause nach Wolfsberg gefahren. Keiner von der Justiz hat uns einen Psychologen oder andere Unterstützung für zu Hause angeboten. Wir wurden komplett alleine gelassen.“ Die Justiz habe wirklich geglaubt, mit einem Anruf und einem Gespräch sei alles erledigt, erzählt Marsels Schwester.
„Bis heute ist keiner der Verantwortlichen bei uns vorbeigekommen, keiner hat nachgefragt, ob wir psychologische Hilfe brauchen oder wie wir klarkommen, nichts“, sagt Sanja. Dabei hätten sie und ihre Eltern so viele Fragen. Fragen, wie diese: „Wie kann es sein, dass Marsel mit diesem anderen Jungen, der offenbar gewalttätig war, in einer Zelle war?“
„Mein Bruder war wegen kleinerer Delikte im Gefängnis.“ Marsel hat ein Suchtmitteldelikt begangen und in Bauernläden eingebrochen. „Ich habe einen Bruder gehabt, der kein Hochkrimineller war.“ Marsel habe Therapie statt Strafe genehmigt bekommen, er sei zwei Monate in Haft gewesen und wäre bald entlassen worden. „Er wollte ein neues, friedliches Leben weiterführen und wir, seine Familie, wollten ihm beistehen und helfen. Aber es war leider zu spät. Marsel und wir haben die Möglichkeit nicht mehr.“

„Er wollte aus der Zelle weg“
Marsel habe seiner Mutter bei Haftbesuchen drei Mal gesagt, dass er aus der Zelle mit dem 17-Jährigen weg wolle. „Jetzt liegt mein Sohn im Grab“, weint die Mutter. Marsel habe auch Gefängnismitarbeitern mitgeteilt, dass er aus der Zelle wolle. Das sagt jedenfalls die Familie. Beweise gibt es dafür nicht. Offizielle Beschwerden oder Verlegungsanträge liegen der Gefängnisleitung laut eigenen Angaben nicht vor.
Auch die Staatsanwaltschaft Klagenfurt, die wegen Mordes ermittelt, konnte bislang keine derartigen Hinweise finden. Was aber auffällt: Auch der 17-jährige Mordverdächtige sagte in seiner Einvernahme, dass es vor der Bluttat Probleme zwischen ihm und dem Mithäftling gegeben hat. Doch auch er hat laut Ermittlern keine offizielle Meldung gemacht.

„Marsel hat mich einen Tag vor der Tat aus dem Gefängnis angerufen, aber mich leider nicht erreicht“, sagt seine Schwester. Sie und ihre Familie, unterstützt von Rechtsanwalt Philipp Tschernitz, fordern volle Aufklärung. Dass ihr Sohn und Bruder so leiden musste, ist für die Familie schwer zu ertragen. Der 19-Jährige wurde bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Dann hat ihm der Täter mit der Klinge eines Einwegrasierers tödliche Schnittverletzungen am Hals zugefügt. Schwester Sanja zeigt die Fotos der Leiche und kann nicht glauben, dass diese Wunden nur mit einem Rasierer zugefügt worden sein sollen. „Nicht alle Wunden passen zu einer Rasierklinge.“

„Er ist tot. Er wird nie wiederkommen“
Marsel war slowenischer Staatsbürger, er ist in Wolfsberg aufgewachsen, er ist hier zur Schule gegangen, hat hier gearbeitet und gelebt. „Zu seiner Verabschiedung sind 300 Menschen gekommen“, berichten seine Eltern und seine Schwester. „Marsel hatte viele Freunde.“
Seine Eltern sind derart gebrochen, dass sie aus Wolfsberg wegziehen werden. „Wir können nicht mehr in der Wohnung sein, in der Marsel sein Zimmer hatte“, sagt sein Vater. „Überall, wo wir sind, wohin wir gehen, war auch Marsel.“ Egal, ob in der Siedlung, im Cafe, im Supermarkt oder am Spielplatz. „Ich sehe überall meinen Sohn, will mit ihm reden, ihn umarmen. Und ich hoffe immer, dass ich aus einem Traum aufwache“, sagt Ramiz Berisha. „Doch dann schaue ich herum und sehe Marsel nicht. Er ist tot und er wird nie wiederkommen.“
„Wir wünschen das niemandem“
Die drei haben sich ganz bewusst dafür entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie wollen ihre Geschichte erzählen und öffentlich machen, „damit so etwas nicht wieder geschieht“. Die Justiz soll genauer überprüfen, wen sie gemeinsam in eine Zelle gibt, appellieren die Betroffenen. Und Schwester Sanja meint: „Ich bekomme meinen Bruder sowieso nicht mehr zurück. Aber was uns passiert ist, wünsche ich niemanden, es ist schrecklich und es soll keiner anderen Familie mehr passieren.“

Das sagt das Justizministerium
In einer schriftlichen Stellungnahme widerspricht das Bundesministerium für Justiz (BMJ) der Darstellung der Familie nicht, wonach die Eltern vom Tod ihres Sohnes nur per Telefon informiert wurden, statt persönlich und durch ein geschultes Krisenteam vor Ort. Auch dass die Familie sich die Fahrt von ihrem Heimatort in die JA zu ihrem getöteten Sohn selbst organisieren musste, wird nicht dementiert
Beim Gespräch in der JA waren „Vertreter der Justizanstalt, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und des Kriseninterventionsdienstes“ dabei, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. „Angehörige können selbst entscheiden, ob und inwiefern sie das Kriseninterventionsteam oder weiterführende unterstützende Maßnahmen, wie über den Weißen Ring oder andere kostenfreie Nachbetreuungseinrichtungen, in Anspruch nehmen", heißt es in der Stellungnahme. „Nahe Angehörige haben überdies Anspruch auf unentgeltliche juristische und psychologische Prozessbegleitung im Strafverfahren gegen den mutmaßlichen Täter.“
Im konkreten Fall wurde der Familie angeboten, mit dem Leiter der Justizanstalt, der Leiterin des psychologischen Dienstes sowie mit der zuständigen Staatsanwältin ein gemeinsames persönliches Gespräch zu führen. Dieses Angebot sei seitens der Familie angenommen worden.
Für Mitarbeiter der Justizwache „sind generell im Anschluss an potenziell belastende und traumatisierende Ereignisse auch Maßnahmen der Krisenintervention vorgesehen", so das Ministerium. Im Fall der Tötung des 19-Jährigen „wurden allen direkt und indirekt am Einsatz beteiligten Justizwachebediensteten im Rahmen dieses Kriseninterventions-Managements unmittelbare Maßnahmen zur Verarbeitung von Stresssymptomen angeboten.”
Aufgrund der laufenden Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft und der internen Untersuchungen könne man keine weiteren Angaben machen, schreibt das Justizministerium.