Winziges schottisches Dorf nimmt es mit Daten-Goliath auf
Beim malerischen ostschottischen Dörfchen Auchtertool soll ein gut 100 Fußballfelder großes Rechenzentrum entstehen. Die Bevölkerung wehrt sich – Ausgang ungewiss.

Es ist der sprichwörtliche Kampf von David gegen Goliath: David, das ist die Bevölkerung des 650-Einwohner-Dorfes Auchtertool (in etwa: „Och-ter-tuhl“) in der ostschottischen Provinz Fife. Goliath, das sind die Investoren hinter dem riesigen „Cato“-Rechenzentrum, das dort entstehen soll.
Das geplante „Data Centre“ mit 600 Megawatt Kapazität ist auf einer Fläche von über 100 Fußballfeldern anberaumt und wäre rund um die Uhr in Betrieb. In den gesamten USA gibt es derzeit (gemessen an der Leistung) nur ein größeres – den „Citadel Campus“ im US-Bundesstaat Nevada mit rund 650 Megawatt.
Im beschaulichen Dorf sind Protestbanner vor Wohnhäusern, im Park und an Autos angebracht zu sehen: „Wir hörten von den Plänen zum ersten Mal im vergangenen Jahr, als der Bauträger eine Versammlung mit der Gemeinde abhielt, um seine Vorhaben zu erläutern. Was uns damals mitgeteilt wurde, war jedoch von viel geringerem Umfang als das, was nun vorgeschlagen wird", betont Jonathan Leitch im Interview. Er betreibt im malerisch gelegenen Auchtertool mit seinem Partner eine Airbnb-Unterkunft. Diese läge in direkter Nähe zum Areal des Rechenzentrums – und würde touristisch wertlos. Er ist Teil des friedlichen zivilen Widerstands der „Auchtertool Action Group“, der in der zutiefst besorgten Gemeinde hochwallt.

„Wir sind besorgt über die Auswirkungen eines Bauvorhabens dieser Größenordnung auf die Umwelt, die Artenvielfalt sowie den Energie- und Wasserbedarf“, betont Leitch. Die Anlage würde 20 Prozent des derzeit in Schottland verbrauchten Stroms benötigen, führt er aus: „Zwar wird behauptet, das ,Hyperscale‘-Rechenzentrum solle mit erneuerbaren Energien betrieben werden, doch sind Diesel-Notstromaggregate nötig – deren regelmäßige Tests würden die Luft verschmutzen.“
Die rasante Verbreitung von künstlicher Intelligenz und „Cloud Computing“ ließ den Bedarf an Rechenzentren explodieren – und heizte die Debatte darüber auf. Auch in Österreich gibt es ähnliche Projekte, etwa das Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf: Es geht um den enormen Ressourcenverbrauch inklusive versiegelter Flächen, vor allem aber auch um die regionalen Folgen. „Die Bevölkerung in Auchtertool lehnt die Pläne mit überwältigender Mehrheit ab. Gegen den beim Fife Council, also unserer Gemeindeverwaltung, eingereichten Bauantrag wurde 16.000 Mal Einwand erhoben. Eine an das schottische Parlament gerichtete Petition für ein Moratorium bei Anträgen für Rechenzentren dieser Größenordnung kam auf 23.000 Unterschriften", bilanziert Leitch.
Es gibt in Schottland noch andere, geplante, in Bau befindliche oder bereits aktive Rechenzentren (siehe Grafik) – warum dieser Teil des Vereinigten Königreichs? Die Entwickler sagen, dass der Standort ideal sei – wegen der Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien und Wasser, und weil man wegen meist eher frischer Temperaturen weniger Kühlung benötigen würde.
Derzeit ruhen die Pläne für Auchtertool, weil die schottische Regierung eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung verlangte – diese wird sechs bis zwölf Monate in Anspruch nehmen. Nimmt die Politik die Sorgen der Bevölkerung ernst? „Die Regierung überarbeitet die Planungsvorschriften für Rechenzentren dieser Größenordnung. Sie befürwortet aber keinen Aufschub für neue Anträge. Abgeordnete des schottischen Parlaments und Kommunalpolitiker unterstützen unsere Kampagne – doch nicht immer entstehen daraus auch konkrete Maßnahmen, um uns zu unterstützen“, ist Leitch skeptisch.
Könnte das Rechenzentrum der lokalen Wirtschaft Impulse geben? „Die Projektentwickler behaupten, dass in der Region Arbeitsplätze geschaffen würden. Konkrete Zahlen werden jedoch nicht genannt. Wir gehen nicht davon aus, dass viele Stellen entstehen werden, zumal der Betrieb solcher Rechenzentren nicht personalintensiv ist und viele der dort tätigen Personen auch von anderen Standorten aus arbeiten können. Ebenso wenig glauben wir, dass die Bauphase viele lokale Arbeitsplätze schaffen würde, weil die Bauarbeiten von großen – womöglich internationalen – Unternehmen ausgeführt würden."
Am Ende wird Leitch emotional: „Das Vorhaben ließe aus Auchtertool, dessen Wurzeln bis in das 12. Jahrhundert zurückreichen, und seiner landwirtschaftlich geprägten Umgebung ein Industriegebiet werden!“