Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Peter Schöttel als ÖFB-Sportdirektor: Ein Jahrzehnt im Verwaltungsmodus

Der ÖFB beruft nach knapp neun Jahren seinen Sportchef ab. Visionen, Ideen, neue Initiativen suchte man in dieser Zeit vergebens.

Peter Schöttel kam 2017 ins Amt des ÖFB-Sportdirektors
© GEPA
Peter Schöttel kam 2017 ins Amt des ÖFB-Sportdirektors

Willi Ruttensteiner wiederholte gerne gebetsmühlenartig die Weisheit, dass ein Trainer das nächste Spiel gewinnen wolle, ein Sportdirektor das nächste Jahrzehnt. Wenn man so möchte, hat der Oberösterreicher in seiner Funktion als ÖFB-Sportdirektor so gesehen einen Kantersieg gelandet. In seinen knapp zwei Jahrzehnten beim Fußballbund krempelte der Oberösterreicher unter anderem die Talenteförderung derart beharrlich und nachhaltig um, dass Österreich nach hartnäckiger Durststrecke auf internationalem Terrain wieder größere Relevanz genießt und sich wieder in einer gewissen Regelmäßigkeit für Großereignisse qualifiziert.

David Alaba, Marko Arnautovic, Marcel Sabitzer, Michael Gregoritsch oder Konrad Laimer sind die Aushängeschilder dieser Ära, als Rot-Weiß-Rot plötzlich begann, beinahe wie am Fließband Kicker zu entwickeln, die für Topligen zumindest interessant sind. Ein Großteil des Kaders, der Österreich im Sommer erstmals seit 28 Jahren bei einer Weltmeisterschaft vertrat, geht als Produkt dieser Entwicklung durch.

Kommentar

Gleichzeitig lässt sich nicht verhehlen, dass das Nationalteam inzwischen „routiniert“ geworden ist, um es charmant auszudrücken. 15 WM-Fahrer sind 28 Jahre oder älter. Nur zwei Akteure unter 25 schafften es ins Aufgebot – der eine wurde in Deutschland (Paul Wanner) ausgebildet, der andere in England (Carney Chukwuemeka). Hätte Teamchef Ralf Rangnick das eine oder andere Juwel berufen können, um es auf künftige Aufgaben im A-Team vorzubereiten? Vielleicht. Dass sich jedoch kein einziger in Österreich ausgebildeter Hoffnungsträger für die Zukunft derart unwiderstehlich aufgedrängt hat, dass Rangnick gar nicht an ihm vorbei kann, ist gelinde gesagt ernüchternd und somit auch ein vernichtendes Zeugnis für denjenigen, der im vergangenen Jahrzehnt als Sportdirektor für die Talenteausbildung in Österreich hauptverantwortlich war.

Willi Ruttensteiner wurde im Oktober 2017 als Sportdirektor abgelöst
© GEPA
Willi Ruttensteiner wurde im Oktober 2017 als Sportdirektor abgelöst

Die Rechnung für dieses Debakel wurde Peter Schöttel am Freitag präsentiert, indem er bei der Tagung des ÖFB-Aufsichtsrats von seiner Funktion abberufen wurde. Eine Entscheidung, die mit „unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich der künftigen strategischen Ausrichtung und Ausgestaltung der Position“ begründet wurde. „Ich nehme die getroffene Entscheidung zur Kenntnis“, meinte der frühere Teamspieler.

Im Oktober 2017 wurde Schöttel von ÖFB-Präsident Leo Windtner präsentiert
© GEPA
Im Oktober 2017 wurde Schöttel von ÖFB-Präsident Leo Windtner präsentiert

Fußball ist ein Geschäft, in dem Dinge meistens nur schwarz oder weiß sind. Für alles dazwischen bleibt wenig Spielraum, schon gar nicht für differenzierte Urteile. Ob das Jahrzehnt wirklich ein Debakel war und als „Schöttel-Loch“ in die Geschichte eingehen wird, lässt sich erst in einigen Jahren endgültig beurteilen. Es gibt auch Argumente für ihn. Das Erreichen des WM-Finales der U17-Youngster beispielsweise und die Entwicklung einiger Lichtblicke im Teenager-Alter, denen man sehr wohl eine gewichtige Rolle im A-Team im kommenden Jahrzehnt zutrauen kann, lassen sich nicht verschweigen.

Für Schöttel kommen diese Fortschritte zu spät. Selbst wenn seine Saat doch noch aufgehen sollte, trägt für diesen Umstand nur eine Person die Verantwortung: Schöttel selbst. Am Tag seiner umstrittenen Bestellung wurde der damals 50-jährige Wiener im Oktober 2017 gefragt, welche Visionen er für den österreichischen Fußball habe. Die Antworten blieben bestenfalls vage. Inzwischen ist der frühere Verteidiger 59. Wer eine Idee oder Initiative benennen kann, mit der Schöttel den heimischen Kick geprägt oder entscheidend vorangebracht hat, möge vortreten. Bei der Bestellung Rangnicks wurde der Sportdirektor eher zu seinem Glück gezwungen, als sein Favorit galt Ex-Spielerkollege Peter Stöger.

Peter Schöttel „holte“ Ralf Rangnick
© APA
Peter Schöttel „holte“ Ralf Rangnick

Rangnick verbindet mit Schöttel-Vorgänger Ruttensteiner, dass er vor Ideen nur so sprudelt und auch nicht müde wird, seine Verbesserungsvorschläge öffentlich kundzutun. Schöttel steht nicht im Verdacht, dieses Gen zu besitzen. Muss er auch nicht. Marketing in eigener Sache zählt nicht zu seiner Kernaufgabe. Entsprechend hatte es auch gute Seiten, den eigenen Mitarbeitern mehr Gestaltungsspielraum zuzugestehen. Aber irgendwann reicht es gerade in einer Funktion, in der man im Sinne des österreichischen Fußballs für selbigen vorangehen sollte, nicht aus, im Verdacht zu stehen, kaum Gestaltungswillen zu haben. Sein Nachfolger wird jedenfalls nicht den Luxus genießen, mutmaßlich im Verwaltungsmodus agieren zu können, wie es Schöttel nach Ruttensteiner vergönnt war.

Mehr zum Nationalteam: