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Bildungsminister Wiederkehr: „Da habe ich meine Meinung geändert“

Am Montag startet die Schule. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) über seine Kehrtwende beim Kopftuchverbot, warum Bundesvorgaben und Schulautonomie kein Widerspruch sind und er lieber Lehrer als Schüler wäre.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr zum Schulstart im Interview
© KLZ/Georg Aufreiter
Bildungsminister Christoph Wiederkehr zum Schulstart im Interview

Die neuesten PISA-Ergebnisse und eine IHS-Studie zeigen: Bildung wird in Österreich noch immer vererbt und ist abhängig von dem sozioökonomischen Hintergrund. Wie geht es Ihnen mit diesem Befund?

Christoph Wiederkehr: Die Bildungschancen sind in Österreich sehr ungleich verteilt. Das ist nicht gut für eine Gesellschaft. Weder für den demokratischen Zusammenhalt noch für den Wirtschaftsstandort. Und deshalb möchte ich das auch möglichst schnell ändern.

Eine Lösung wären laut IHS Ganztagsschulen. Davon soll es in der Steiermark bis 2028/29 um 0,2 Prozent mehr geben. Das klingt nicht nach großem Turbo.

Über Jahre gab es in Österreich zum Thema einen ideologischen Streit, dieser ist nun überwunden. Das Komplizierte aktuell ist die Organisationsform der Ganztagsschule. Es gibt derzeit keine klare rechtliche Verankerung, wer dafür verantwortlich ist. Darum machen es oft Vereine, Gemeinden, die Länder. Im Rahmen der Verhandlungen zur Reformpartnerschaft haben wir erreicht, dass ganztägige Schulformen in Zukunft leichter möglich und vom Bund finanziert werden. Das wird einen Turbo geben.

Eine andere Lösung wäre eine Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen. Die Neos sind dafür, die Koalition jedoch nicht. Stattdessen schlagen Sie nun eine Verländerung der Volksschule vor. Auch hier gibt es Gegenwind aus den Bundesländern. Sind gemeinsam mit ÖVP und SPÖ keine großen Sprünge möglich?

Die Regierung bringt im Bildungsbereich viel voran, etwa die Einführung des Chancenbonus, der zusätzliches Personal in die Schulen bringt. Zu den angesprochenen Themen: Wir trennen in Österreich sehr früh; die internationale Evidenz zeigt, dass das zu schlechteren Leistungen und weniger Chancengerechtigkeit führt. Das will ich ändern. Bei der Diskussion um die Gesamtschule ist man in Österreich über Jahre nicht vorangekommen. Bei der Verlängerung der Volksschule zeigen Versuche an sechs Pilotstandorten, dass es gut aufgenommen wird und ausgebaut werden soll.

Als Bildungsminister teilen Sie sich Zuständigkeiten in Österreich mit den Ländern und den Gemeinden. Ist das Bildungssystem zu sehr zersplittert?

Sehr viel Steuerung im Bildungssystem ist Bundesangelegenheit. In der Reformpartnerschaft ist es gelungen, eine Einigung zu erzielen, dass es im Bildungsbereich keine gemischten Finanzierungen mehr geben soll. Am Ende soll eine klare Zuständigkeit sichergestellt sein.

Und zugleich sind Sie ein Verfechter von Schulautonomie. Ist das denn kein Widerspruch?

Nein, weil es klare Vorgaben braucht, aber zugleich möglichst viel Autonomie in der Umsetzung. Das betrifft die Pädagogik, die Organisation vor Ort, aber auch Finanzen und Personal. Die Direktionen sollen künftig selbst auch über die Art des Personals – beispielsweise Schulpsychologie – entscheiden können.

In der Koalition hat man sich auf ein Kopftuchverbot geeinigt. Ein Gesetz, das Sie 2018 als „Stimmungsmache gegen Muslime“ bezeichnet haben. Und heute?

Seit 2018 hat sich hier vieles getan, leider. Die kulturellen und religiösen Konflikte in unserer Gesellschaft und in den Klassenzimmern haben zugenommen. Es gibt vermehrt junge Burschen muslimischen Glaubens, die jungen Mädchen vorschreiben wollen, wie sie sich zu kleiden haben. Deswegen habe ich hier meine Meinung geändert, auch wenn ein Verbot für einen Liberalen nie leicht ist. Aber es ist notwendig.

Warum glauben Sie, dass der Verfassungsgerichtshof Ihnen das Verbot nicht als Eingriff in die Religionsfreiheit zurückwirft?

Es ist ein eindeutiger Eingriff in die Religionsfreiheit. Das ist aber unter gewissen Rahmenbedingungen verhältnismäßig und verfassungskonform.

Hinter der Debatte um das Kopftuch steckt ja eigentlich die Frage: Wie viel Religion verträgt die Schule?

Ich finde es gut, dass Themen, die uns als Menschen beschäftigen, auch Platz in der Schule haben. Deshalb ist es wichtig, dass die Schule ein Ort ist, an dem über Religion gelehrt und gesprochen wird. Neben dem konfessionellen Religionsunterricht braucht es aber auch einen Demokratieunterricht, den wir für ein gemeinsames Wertefundament etablieren wollen.

Neben dem Kopftuch verbietet ein liberaler Bildungsminister auch Social Media für unter 14-Jährige. Verlieren die Neos ihren Markenkern aus den Augen?

Wir sehen massive Folgeerscheinungen von zu viel Bildschirmzeit und zu viel Social Media: weniger Konzentrationsfähigkeit, mehr psychische Erkrankungen und weniger Leistungsfähigkeit. Ich komme daher aus liberaler Überzeugung zur Auffassung, dass eine Social-Media-Altersgrenze notwendig ist.

Zurück zur Bildung: Suspendierungen in Schulen steigen, hier setzt man Maßnahmen. Aber ist es hier nicht eigentlich schon zu spät?

Je früher wir ansetzen, desto mehr können wir erreichen. Bisher gab es keine zentrale Verantwortung des Bildungsministeriums für den Kindergarten. Das soll sich durch gemeinsame Qualitätsstandards – beispielsweise kleinere Gruppengrößen – ändern.

Neben dem Kindergarten spielt vor allem das Elternhaus eine Rolle. Welchen Hebel hat der Staat hier?

Die Eltern haben eine ganz wichtige Rolle in der Bildung ihrer Kinder. Künftig akzeptieren wir es beispielsweise nicht mehr, wenn Eltern von suspendierten Kindern Gespräche verweigern, und ahnden so etwas mit Verwaltungsstrafen von bis zu 800 Euro.

Wie digital soll Schule im Jahr 2026 sein? Einstige Vorreiter wie Estland oder Finnland verbannen Bildschirme wieder aus den Klassen.

Es ist eine Änderung der Strategie, die notwendig ist und die lautet: später und besser. Wir müssen die Kinder vorher gut in den Kulturtechniken schulen – Schreiben lernen, selbst Lesen lernen, Lust am Basteln bekommen. Darauf müssen wir dann mit Digitalisierung zum richtigen Zeitpunkt aufbauen.

Also ab wann?

Mit 12 Jahren. Das heißt aber nicht, dass wir nicht davor schon Anreize zur digitalen Bildung setzen.

Werden wir dann auch unsere Lernpläne und Prüfungsmodalitäten umstellen müssen?

Es gibt Veränderungsbedarf. Es geht stärker in Richtung Mitarbeit in der Klasse, mündliche Überprüfungen und schriftliche Projektarbeiten im Klassenverband.

Wird es in 20 Jahren noch Ziffern als Noten geben?

Ich glaube schon. Wir Menschen wollen uns einordnen, und Noten helfen, eine eigene Einschätzung über uns zu bekommen.

Wären Sie aktuell lieber, Lehrer oder Schüler?

Ich wäre gerne Lehrer. Ich liebe es, im Klassenzimmer zu stehen, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten und ihnen etwas mitzugeben.

Was würden Sie unterrichten?

Ich bin fasziniert von Geschichte. Wirtschaftliche Bildung und Geografie halte ich für unglaublich wichtig, um ein Verständnis von der Welt zu bekommen.

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© Georg Aufreiter

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