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Jeder vierte Schüler in Österreich kann nicht sinnerfassend lesen

Die neuen PISA-Daten sind alarmierend: In den meisten Bereichen setzt sich der Abwärtstrend weiter fort. Kleines Trostpflaster: Österreich liegt noch immer über dem Durchschnitt.

Nur in den Naturwissenschaften stagniert das Ergebnis, sonst nehmen die Kompetenzen weiter ab
© Kanizaj
Nur in den Naturwissenschaften stagniert das Ergebnis, sonst nehmen die Kompetenzen weiter ab
Marie Miedl-Rissner
Redakteurin Bundesland Steiermark

Kaum sind die PISA-Ergebnisse da, folgen die Reaktionen einem immergleichen Muster. Fällt das Ergebnis für Österreich schlecht aus, sehen sich die einen in ihrer Kritik am Schulsystem bestätigt, während die anderen darauf beharren, dass die internationalen Schulsysteme viel zu verschieden sind, um sie zu vergleichen. Eine Fehlersuche im System, die einen im Schulsystem, die anderen im Testsystem finden.

Auf den ersten Blick könnten die diesjährigen Zahlen Grund zum Jubeln bieten, denn Österreich liegt in allen Bereichen, sowohl beim Lesen, in Mathematik als auch bei den Naturwissenschaften, über dem OECD-Schnitt.

Um die Daten richtig einzuordnen, lohnt sich aber ein Blick in die Details. Denn dort zeigt sich: In Österreich haben die Kompetenzen mit Ausnahme der Naturwissenschaften überall abgenommen. In den Naturwissenschaften stagnieren sie. Konkret bedeutet das: Österreich ist zwar besser als der Durchschnitt, aber seit der letzten Erhebung trotzdem schlechter geworden. Wohl doch kein Grund zur Freude. Alleine im Bereich Lesen fallen in Österreich 28 Prozent der getesteten Jugendlichen in die erste Kompetenzstufe. Konkret bedeutet das, die 15- und 16-Jährigen können einen Text nicht sinnerfassend lesen. Zehn Jahre zuvor traf das noch auf 23 Prozent zu.

Digitalisierung als Sündenbock

Einen Erklärversuch, den die Pisa-Studie dazu mitliefert: die Digitalisierung oder, besser gesagt, ein falscher Zugang dazu. „Wenn digitale Endgeräte in der Schule übermäßig genutzt werden, zeigen sich deutlich niedrigere Kompetenzen“, sagt der Direktor des IQS, Robert Klinglmair. Denn die höhere Bildschirmzeit, vor allem wenn sie ohne Begleitung stattfindet, sorge für eine geringere Konzentrationsfähigkeit und eine schwindende Neugierde. Laut Wiederkehr seien daher in dem Bereich neben Lehrpersonen vor allem auch die Eltern in der Pflicht. Denn besonders spannend sei dabei zu sehen, dass durch den gesellschaftlichen Wandel und die Digitalisierung auch die Lesekompetenz bei Erwachsenen im Laufe des Erwachsenenlebens abnimmt.

Ein Trend, der sich ebenfalls weiter fortsetzt: In Österreich hat der sozioökonomische Hintergrund nach wie vor einen stärkeren Einfluss auf die Leistung der Jugendlichen als in anderen OECD-Ländern. Soll heißen: Bildung und Beruf der Eltern, finanzielle Mittel, aber auch die Muttersprache spielen nach wie vor eine überdurchschnittlich hohe Rolle. Eine Ungerechtigkeit, ein Vor- oder Nachteil, der einem sozusagen in die Wiege gelegt wird. „Diese große Schere ist nicht zufriedenstellend“, sagt Bildungsminister Wiederkehr. Denn ein hoher Sozialstatus kann laut Klinglmair gleichgesetzt werden mit einem Sprung um eine Kompetenzstufe.

Wiederkehr will bei Chancengleichheit aufholen

Bei all diesen Daten stellt sich damit die Frage: Was lernen wir aus den Ergebnissen? Wiederkehr verweist dabei vor allem auf zwei Handlungsbereiche. Einerseits brauche es mehr Chancengleichheit, Stichwort Chancenbonus, Deutschförderung und verpflichtende Sommerschule. Der andere sei die Digitalisierung. „Es ist keine Absage an die Digitalisierung, sondern eine Priorisierung und eine Frage der Reihenfolge“, sagt Wiederkehr.

Denn Kinder sollen zuerst Grundkompetenzen wie etwa Lesen und den Umgang mit digitalen Endgeräten lernen. Daher werde auch die Ausgabe der Geräte in Schulen von Zehnjährigen auf Zwölfjährige verlagert. „Das Ziel ist eine Trendwende, diese passiert aber nicht über Nacht“, sagt Wiederkehr. Als kleinen Sieg verbucht er unterdessen die Stagnation im Bereich der Naturwissenschaften, denn diese sei der Beweis dafür, dass der Fokus der letzten Jahre Früchte trage.