Kopftuchverbot: Viel Diskussion, um wenig Stoff
In der Steiermark beginnt die Schule. Mädchen unter 14 Jahren mit Kopftuch sollen dann in den Klassen keine mehr sitzen. Wird das gut gehen?
In Österreich schreibt der Staat nun vor, was Mädchen tragen dürfen und was nicht. Das ist die Realität, die hinter dem Kopftuchverbot steckt, das seit Schulbeginn hierzulande ein gültiges Gesetz ist. Seit Schulbeginn gilt es, zuerst in Wien, nun auch in der Steiermark. Manche sehen darin einen überfälligen Schritt, um eine fortschreitende Islamisierung in den Griff zu bekommen, andere sehen hingegen einen übergriffigen Eingriff in die Religions- und Persönlichkeitsrechte junger Frauen. Zwei Fronten, die wenig Spielraum für einen Kompromiss lassen.
Das Problem dahinter: Das ist alles nicht so leicht. Es gibt nämlich nicht den einen Grund, wieso muslimische Frauen ein Kopftuch tragen. Das weiß Kenan Güngör. Der Soziologe und Islamkenner sagt: „Über die Jahrhunderte hinweg hat sich das immer wieder verändert.“ In seinen islamischen Ursprüngen diente das Kopftuch als würdigendes Unterscheidungsmerkmal von Nichtsklavinnen zu Sklavinnen. Die islamische Theologie hat das im Weiteren als Bedecken des sündigen, weiblichen Körpers und ihrer Reize ausgelegt. „Mit dem Aufkommen islamistischer Strömungen wurde das Kopftuch weiter zutiefst misogyn aufgeladen. Erzkonservative und radikale Muslime sehen es als Pflicht an und üben auch Zwang aus – selbst gegenüber Kindern“, sagt Güngör. Dem gegenüber stehen jedoch auch Frauen, die das Kopftuch aus freien Stücken tragen und damit ihre Religiosität ausleben.
Imam sieht Kopftuchverbot als problematisch
Das sagt auch der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Mehmet Celebi, er meint: „Die Zahl der Mädchen, die wirklich zum Kopftuch gezwungen wird, ist verschwindend klein.“ Hier müsse man selbstverständlich einschreiten, am besten mit der Schulpsychologie und anderen Kräften arbeiten. Das generelle Verbot sei für den Imam jedoch der falsche Weg. „Hier wird über die Köpfe der jungen Mädchen hinweg entschieden. De facto spricht der Staat ihnen ihre Mündigkeit ab“, so Celebi.
Was tun, wenn sich Celebi irrt? Was, wenn sich Muslime weigern, das Kopftuch abzunehmen – egal ob aus Zwang oder Überzeugung? Die Bildungsdirektion in der Steiermark hofft, dass es nicht so weit kommen würde, dass man sich gesprächsbereit zeigen würde. Das Lehrpersonal in der Steiermark wurde jedoch auf das nun geltende Verbot vorbereitet.
Wie viele Mädchen in der Steiermark Kopftuch tragen, ist nicht bekannt. Zahlen der Bildungsdirektion von Mai zeigen aber: Sieben Prozent der steirischen Schüler sind Muslime, in Grazer Volksschulen liegt der Anteil bei 29 Prozent, in ausgewählten Schulen weit jenseits bei 50 Prozent. In Mittelschulen sind es in Graz im Schnitt 46 Prozent Kinder mit muslimischem Glauben. Und es gibt auch andere Zahlen, beispielsweise jene vom Soziologen Güngör..
Er hat in einer Langzeitstudie erfragt, dass 41 Prozent der jungen Muslime islamische Gebote über geltende Gesetze stellen. Ein Zugang, den Imam Celebi nicht akzeptiert. Er sagt: „Sobald das Gesetz in Kraft ist, soll man es auch befolgen", ergänzt aber: „Wir werden aber auch Betroffene beim Gang zum Verfassungsgerichtshof unterstützen, weil wir der Meinung sind, dass man hier ganz klar gegen eine Religionsgruppe vorgeht und das nicht verhältnismäßig ist“.
Experte sieht im Kopftuch „frauenfeindliches Grundbild“
Klar dürfte somit sein: Kompromisse wird es keine geben. Das Kopftuchverbot folgt der Logik: Ganz oder gar nicht. Der Soziologe Güngör sagt: „Bei allen unterschiedlichen Gründen, warum das Kopftuch getragen wird, zeigt sich im Kern ein frauenfeindliches Grundbild“. Junge Mädchen seien noch nicht reif genug, um die Bedeutung und die Tragweite zu kennen..
„Bei allen unterschiedlichen Gründen, warum das Kopftuch getragen wird, zeigt sich im Kern ein frauenfeindliches Grundbild
— Kenan Güngör
Für den Experten steht auch fest, dass das Kopftuchverbot nur eine Maßnahme von vielen sein. „Eine gewisse Zurückhaltung gegenüber starken religiösen Symbolen ist gerade in der Schule sinnvoll“, so Güngör. Neben dem Kopftuch und dem Islam könnte der Diskurs also auch noch weitergehen.

