Eingebrochen, aber noch nicht am Ende
Novak Djokovic will nach seinem Exodus bei den US Open nichts von einem Karriereende wissen. Die Liebe der Fans treibe ihn weiter an.

Es war am Ende nicht mehr schön anzuschauen. Novak Djokovic, der erfolgreichste Tennisspieler aller Zeiten, kämpfte im fünften Satz gegen den Argentinier Mariano Navone nicht nur mit Schmerzen, Krämpfen und Übelkeit, sondern auch mit den Tränen. Man konnte es dem Superstar nicht verübeln, nach einer 6:7, 7:5, 6:4-Führung tat der Körper des 39-Jährigen das, was er bereits bei der überraschenden Auftakt-Niederlage des Serben beim Cincinnati-Masters getan hatte: Er verweigerte die Arbeit. Die bittere Folge: Der 24-fache Grand-Slam-Triumphator verlor die Sätze vier und fünf mit 2:6 und 1:6 und schlich nach 4:36 Stunden ausgelaugt und gebrochen aus dem Arthur-Ashe-Oval.
„Es ist einfach eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die mich schon seit ein paar Jahren belastet. Das verursacht eine Menge Probleme, vor allem bei hoher Luftfeuchtigkeit und Hitze“, erklärte der „Djoker“ in Ohio. Nach dem Aus bei den US Open klangen die Worte nicht viel anders: „Es ist etwas, das mich leider in fast jedem Spiel dieses Jahr begleitet: Erbrechen, Übelkeit, ein wirklich ernstes Problem. Dann fängt mein ganzer Körper an, zusammenzubrechen, Krämpfe und Schmerzen. Mein Rücken hat einfach aufgegeben, am Ende auch die Schulter, und ich konnte es nicht mehr zu Ende bringen.“

Eine bittere Erkenntnis für den Superstar, für den an diesem Abend eine unglaubliche Serie zu Ende gegangen ist. Nach 78 Siegen in Folge kassierte Djokovic zum ersten Mal seit den Australian Open 2006 wieder eine und zugleich seine insgesamt dritte Erstrundenniederlage bei einem Grand Slam. Ganze viermal konnte er in Flushing Meadows triumphieren, vergangenes Jahr hatte er es immerhin noch bis ins Halbfinale geschafft, wo er gegen den späteren Turniersieger Carlos Alcaraz den Kürzeren zog. Erfolge, die nach dem bemitleidenswerten Zusammenbruch gegen Navone in wohl nie wieder erreichbare Ferne gerückt sind.

Ließ Djokovic hinsichtlich seiner körperlichen Probleme eine konkrete Begründung vermissen („Ich kann es derzeit nicht kontrollieren, mir ist der Treibstoff ausgegangen“), so gestand er sich zumindest ein, dass es für ihn in Zukunft extrem schwierig werden würde, Fünfsatzmatches bei einem Grand Slam zu überstehen. Eine Aussage, die aber zumindest inkludiert, dass der Auftritt in New York nicht der letzte in seiner herausragenden Karriere gewesen ist. „Ich werde auf alle Fälle noch in Athen spielen und möchte noch um Trophäen kämpfen“, wischte Djokovic etwaige Befürchtungen über ein Karriereende vorerst vom Tisch.

Dass es gegen junge Spieler nicht mehr leicht sei, wäre eine logische Folge seines vorangeschrittenen Alters. „Aber ich genieße nach wie vor den Nervenkitzel bei Wettkämpfen. Und ich habe heute wieder tolle Unterstützung von den Zuschauern erfahren. Und die Liebe, die ich den letzten Jahren vom Publikum bekommen habe, ist auch ein Grund, warum ich heute noch spiele.“ Auf die Frage, ob er 2027 auch wieder bei den Australian Open antreten werde, geriet der 101-fache Turniersieger allerdings ins Stocken: „Das ist noch weit weg. Zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere kann ich nicht mehr so weit in die Zukunft schauen.“

Trotzdem muss ein Blick nach vorne erlaubt sein. Auch wenn Djokovics Konstitution nicht mitgespielt hat, hätte Navone (der wies vor dem Match auf Hartplatz eine äußerst mäßige Karriere-Gewinnquote von 29,3 Prozent auf) für den Serben nicht zum Stolperstein werden dürfen. Und der „alte Nole“ hätte den Südamerikaner wohl auch glatt in drei Sätzen abserviert. Doch diese Zeiten sind vorbei, Djokovic kratzt an seinem 40er und muss aufpassen, dass er nicht den richtigen Absprung verpasst.


