„Der Start auf der Dolomitenhütte war eine harte Probe“
Seit fast 20 Jahren betreibt Scarlet Olesova mit ihrem Bruder Juraj die Dolomitenhütte. Sie ist auch Yogalehrerin. Ihr größtes Geschenk ist Tochter Anastasia.

Sie sind nun fast 20 Jahre in Osttirol. Wie waren die Anfänge?
SCARLET OLESOVA: In meiner damaligen Firma in Deutschland war ich unter anderem für die Einarbeitung von Mitarbeitern zuständig. Dabei kam ich mit einem Osttiroler in Kontakt, mit dem ich privat dann auch klettern gegangen bin. Dieser Osttiroler, Thomas Gaisbacher, mit dem ich später auch lange liiert war, lud mich in seine Heimat, in die Bergwelt Osttirols ein. Dann kam der 3. Juli 2007, ein für mich ausgesprochen markanter Tag.
Was ist an diesem Tag passiert?
Ich wollte an diesem Tag den Panoramaklettersteig gehen und traf auf Albert Thenius, eine Bergsteigerinstitution in Osttirol. Thenius erkannte in mir sofort die unpassend ausgerüstete Städterin, die er nicht allein gehen lassen konnte. Ich hatte nämlich nichts zu trinken mit, Thenius hingegen zwei Liter Wasser. Unser Gespräch war nicht allzu ausführlich, aber seit diesem Tag weiß ich alles über den Zusammenhang zwischen Wasser, Bergen und Klettern (schmunzelt). Auf dem Heimweg kehrten wir in der Dolomitenhütte ein, wo wir erfuhren, dass die Hütte bald zum Verkauf stehen würde.
Zusammen mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Juraj haben Sie sie gekauft und noch vor Jahresende 2007 aufgesperrt. Wie ist die erste Saison verlaufen?
Der Schnee kam in diesem Jahr sehr spät, erst rund um Weihnachten. Juraj und ich waren überfordert, weil wir nicht aus der Tourismusbranche kamen und zudem mit 23 und 27 Jahren noch sehr jung waren. Als unser Koch dann auf einen kurzen Heimaturlaub fuhr und nicht mehr wiederkam, wurden wir auf eine harte Probe gestellt, da viele interessierte Augen auf die neuen Besitzer der Dolomitenhütte gerichtet waren.

Das klingt nicht nach Hüttenidylle. Wie haben Sie diese Situation gemeistert?
Juraj hat gekocht und hatte dabei Kopfhörer auf, Standleitung nach Deutschland zu unserer Mutter Eva. Mama hat quasi per Telefon mitgekocht, ich war im Service. In diesen Wochen haben wir beide rund zehn Kilogramm abgenommen, aber wir haben es irgendwie geschafft. Es war eine sehr prägende, schwierige und anspruchsvolle Zeit.
Was würden Sie fast 20 Jahre später zu Ihrem jüngeren Ich sagen?
Hut ab, Scarlet und Juraj! Heute würde ich das wahrscheinlich nicht mehr so gut hinbekommen. Das größte Problem war die Integration. Ich habe für mich gelernt, dass man Integration nicht im Außen suchen darf, sondern dass diese von innen kommen muss, und dafür braucht es hundertprozentige Selbstverantwortung.
Selbstverantwortung und jede Menge Disziplin. Wie schaut ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?
Ich stehe ausnahmslos jeden Tag um 4.30 Uhr auf und arbeite im Schnitt 70 Stunden pro Woche, wobei die Nachmittage meiner Tochter Anastasia gehören. Sechsmal pro Woche unterrichte ich Yoga, der Samstag ist meist bewegungsfrei. Da entspanne ich mich, setze mir Kopfhörer auf, bilde mich auf diese Weise fort und mache währenddessen Strudel, Kuchen und Schlipfkrapfen für die Dolomitenhütte. Seit der Geburt von Anastasia bin ich nicht mehr im Service aktiv und arbeite im Hintergrund.
Sie zeigen sich reflektiert und selbstkritisch, sprechen von Grundwerten und Veränderung, die Ihr Geschäftsleben begleiten. Welche Einschnitte gab es in den letzten Jahren?
Wirtschaftlich gesehen hat sich durch Corona sehr viel verändert, auch unser Geschäftsmodell. Juraj und ich betreiben nicht nur mit 20 bis 25 Mitarbeitern die Dolomitenhütte, sondern auch das Waldhotel Bad Jungbrunn, dem die Akademie „Fokus der Sinne“ angeschlossen ist. In allen Häusern gilt: „Klarheit geht vor Harmonie“. Zudem ist Juraj Shaolin-Qigong-Lehrer, und ich unterrichte Yoga. Wir leben in einer Zeit mit vielen Brüchen und Übergängen. Unsere langfristig gedachte Arbeit sehen wir als Brücken, um einen guten Umgang mit den Herausforderungen der Zeit zu finden. Brücken deren Pfeiler Ernährung, Bewegung, Ruhe, Ästhetik, Mentales und die Chemie im Körper sind. An Orten ohne Ablenkung, ohne Reizüberflutung. An Orten, wie der Dolomitenhütte.
Apropos Dolomitenhütte. Stimmt es, dass die verglasten Panoramazimmer mit Blick auf die Lienzer Dolomiten auf Jahre ausgebucht sind?
Jedes Jahr am 1. Dezember schalten wir auf einer normalen Buchungsplattform um 8 Uhr unsere Zimmer für das kommende Jahr frei. Für die Zimmer „Adlernest“ und „Adlerhorst“ wurden an diesem 1. Dezember schon bis zu 10.000 Zugriffe pro Sekunde gezählt, was natürlich schnell zur Überlastung des Tools führt. Diese beiden Zimmer sind schnell vergriffen, aber auch die anderen Zimmer haben einen großartigen Ausblick und sind nicht minder interessant und ansprechend.

Sind sechs Doppelzimmer und zwei Familienzimmer mit insgesamt 20 Betten nicht zu wenig, um die Nachfrage abdecken zu können?
Bei uns kommt Qualität vor Quantität, wer hier Zeit verbringt, soll auch die Möglichkeit der vollumfänglichen Entspannung haben. Wir werden in naher Zukunft, vielleicht noch heuer, ausbauen, also aufstocken, aber alles im moderaten Bereich. Derzeit warten wir auf die Bescheide.
Was bieten Sie auf der Hütte, die mittlerweile fast im Ganzjahresbetrieb geführt wird, im Speziellen an?
Das Angebot ist der Ort selbst. Keine Reize, keine Ablenkung, keine Ausweichmöglichkeiten. So hat man, sofern man es möchte und zulässt, die Möglichkeit die innere Wahrheit ans Licht zu bringen. Neue Perspektiven zu gewinnen und sich zu erholen.
Wann und wie erholen Sie sich?
Zum einen habe ich das größte Wunder überhaupt bei mir zuhause, meine vierjährige Tochter Anastasia. Sie ist das größte Geschenk, das mir das Leben gemacht hat. Zum anderen verbringe ich so viel Zeit wie möglich in der Natur. Dort beobachte ich viel, gewinne neue Erkenntnisse und bekomme die gesuchten Antworten. Mit meinen Mischlingshunden, Adam und Eva, mache ich mich jeden Tag aufs Neue auf die Suche nach den Ursprüngen, spüre der Evolution nach.

Zur Person
Scarlet Olesova (47) wurde in der Nähe von Bratislava (Slowakei) geboren, kam nach der Matura nach Deutschland in den Landkreis Main Spessart, um 2007 in Osttirol zu landen. Zusammen mit ihrem Bruder Juraj übernahm die damals 27-Jährige die Dolomitenhütte.
Die Mutter der vierjährigen Anastasia ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Yoga-Trainerin und Naturliebhaberin.


