Johannes Hibler: „Das Zusperren des Hochsteins im Winter tut weh“
Johannes Hibler, Ex-Bürgermeister von Lienz, mag sich nach 15 Jahren Ausstieg aus der Politik nicht geißeln. Seit 38 Jahren ist er Anwalt, ans Aufhören denkt er nicht.

Wir sitzen hier in Ihrer Kanzlei, Herr Hibler. Wie schaut es aus, gibt es für Sie Arbeit genug?
JOHANNES HIBLER: Mehr als genug. Ich habe einen sehr schönen und erfüllenden Beruf, den ich wirklich gerne mache. Es ist genug zu tun für alle Anwälte im Bezirk. Wir haben eher zu wenig Rechtsvertreter. Die Arbeit hat sich im Laufe der Jahre geändert. Ein Großteil ist Kampf gegen die Bürokratie, viel Verwaltungsrecht und Verwaltungsstrafen. Natürlich gibt es Scheidungen, Schadenersatzprozesse oder Verkehrsunfälle. Der Weg führt aber immer häufiger zum Landesverwaltungsgericht.
Sie sind nach acht Jahren als Bürgermeister der ÖVP in Lienz aus diesem Amt ausgeschieden – und zwar nach einer Stichwahl gegen Elisabeth Blanik (SPÖ). Haben Sie lange gebraucht, um das zu verdauen?
Ich habe damals schon vor der Wahl ein ungutes Gefühl gehabt. Ich war enttäuscht, aber nicht überrascht. Ich war gefasst und habe daher nicht lange gebraucht, die Niederlage zu verdauen. Nach meinem Ausscheiden als Bürgermeister habe ich mich ein halbes Jahr zum Politfasten entschieden. Keine Zeitung, kein Internet. Ich habe mich nicht dafür interessiert, was politisch um mich herum passiert. Das hat mir geholfen.
War es danach schwierig, als Anwalt wieder Fuß zu fassen?
Dazu habe ich lange gebraucht, war ich doch zu 90 Prozent Bürgermeister und nur zu zehn Prozent Anwalt. Zwei bis drei Jahre hat es gedauert, bis meine Kanzlei wieder richtig lief. Es war keine ganz leichte Zeit.

Sie sind ein sehr politischer Mensch. Wie leben Sie das aus?
Ich beobachte, aber ich mische mich nicht mehr ein. Ganz bewusst. Dieses Interview mit Ihnen ist das erste Mal seit 2011, dass ich wieder mit einem Medienvertreter rede. Ich war und bin der Meinung, dass die, die nichts zu sagen haben, nicht viel reden sollen. Da nehme ich mich nicht aus. Schauen Sie sich den Unsinn, der in den sozialen Medien verbreitet wird, an.
Würden Sie noch einmal aktiv in die Politik zurückkehren? Hätte das seinen Reiz?
Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Ich bereue nichts. Ich war nicht nur Bürgermeister. Ab 1992 war ich Kulturreferent und dann unter Helga Machne Vizebürgermeister. Es war eine sehr schöne, erfüllende Zeit, in der ich sehr viel gelernt und viele Menschen kennengelernt habe. Es hat interessante Begegnungen gegeben. Sie bleiben eher in Erinnerung als die Mühen des Alltags.
Die Frage lautete: Würden Sie noch einmal aktiv Politik machen?
Ich denke, dass sich mehr Menschen dieser Verantwortung stellen sollten. Ich vermisse, dass sich Leute engagieren. Ich selber würde nicht mehr alles gleich machen, aber die Politik war keine verlorene Zeit.
In der ÖVP sind Sie tief verwurzelt. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Heimatpartei?
Ich bin ÖVPler, weil ich ein wertkonservativer Mensch bin. Ich wurde auch so erzogen. Ich bin ÖVPler aus Überzeugung. Ich bin auch in der katholischen Kirche, bei der ich auch nicht mit allem einverstanden bin, was sie macht. Aber ich bleibe dabei. So ist es auch mit der ÖVP. Sie entspricht am ehesten meinem Weltbild. Und ich möchte feststellen – ich war und bin ein überzeugter Kurz-Anhänger. Er hat sehr wohl, entgegen anderen Behauptungen, ein Programm gehabt, für Familien und Leistungsbezogenheit und ein Sich-Kümmern um uns. Er hat zumindest versucht, das umzusetzen.
Im Lienzer Gemeinderat ist die ÖVP ziemlich auf Kuschelkurs mit der regierenden SPÖ. Stört Sie das?
Die ÖVP hat als Oppositionspartei ein Problem. Seit dem Krieg kennt sie in Lienz nur ÖVP-Bürgermeister und hat diese immer unterstützt. Sie hat kein Oppositionsgen im Gegensatz zur SPÖ. Diese hat Oppositionsarbeit von Günther Horwath über Elisabeth Blanik perfekt beherrscht. Die einen sagen über meine Nachfolgerin, sie bindet alle konstruktiv ein. Die anderen sagen, sie hat alle im Griff. Die Wahrheit kann sich jeder selbst aussuchen.
Zur Person
Johannes Hibler ist im Mai 1959 in Lienz geboren.
Ausbildung. 1977 in Lienz maturiert, Rechtswissenschaften in Salzburg studiert. Er ist seit 1988 Anwalt.
Politik. Johannes Hibler war seit 1992 Gemeinderat und Kulturreferent in Lienz. Von 1998 bis 2003 war er Vizebürgermeister und von 2003 bis 2011 Bürgermeister.
Hobbies. Sachbücher, momentan großes Interesse an Geschichte und als Ausgleich liebt er Biken in Friaul.

Wie stellen Sie sich eine erfolgreiche Opposition vor?
Eine Opposition, die aus ihrer Eigeneinschätzung erfolgreich sein will, muss ja zwangsläufig gegen den, der regiert, opponieren. Das liegt in der Natur der Sache, sie will ja ans Ruder gelangen. Andere sehen ihre Rolle wieder in der Mitgestaltung. Da muss jeder seinen Platz finden.
Haben Sie im Hintergrund bei Ihren Parteifreunden in der Stadt die Finger im Spiel?
Null. Schaut es wirklich so aus?
Sind Sie mit der Entwicklung der Stadt nach Ihrem Ausscheiden als Bürgermeister zufrieden?
Ich denke, dass die Bürger zufrieden sind. Ich hätte wohl andere Schwerpunkte gesetzt. Aber so wie es jetzt ist, ist es gewollt. Es wird von einer großen Mehrheit getragen und somit ist es gut so.
Was fehlt Ihrer Meinung nach in der Stadt?
Was ich als anderen Schwerpunkt gesetzt hätte, wäre der Verkehr. Ich hätte den nicht mit diesen Bussen gelöst, sondern wäre in Richtung Umfahrung gegangen. Und - das Zusperren des Hochsteins im Winter tut mir schon weh. Das hätte ich mich nicht getraut.
Was war aus heutiger Sicht Ihr größter politischer Fehler?
Nach 15 Jahren mag ich mich retrospektiv nicht geißeln. Ich habe sicher einige Fehler gemacht. Ich hatte diese im persönlichen Bereich mit mangelnder Diplomatie und schon einer gewissen Robustheit in der Umsetzung, die man als Drüberfahren interpretieren konnte. Politisch gesehen war der Osttirodler vor der Wahl ein Fehler. Sachlich war er okay, wie es sich jetzt herausstellt. Froh bin ich heute, dass ich das Einkaufszentrum M99 verhindert habe.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung Osttirols?
Der Bezirk hat sich wirklich gut entwickelt. Osttirol ist einer der lebenswertesten Bezirke Österreichs und es ist wichtig, dass wir gut darauf schauen.
Wie viele Jahre sind Sie nun schon Rechtsanwalt?
Seit 38 Jahren. Zu meinem Erstaunen bin ich aktuell der älteste Anwalt in Osttirol. Ich habe mit 67 Jahren das Pensionsalter für Anwälte schon erreicht, aber ich denke gar nicht daran, in Pension zu gehen. Ich will arbeiten, solange ich körperlich fit bin und geistig jeden Tag mehr dazulerne als ich vergesse.


