„Vor der Abschiedsmesse habe ich schon Lampenfieber“
Ernst Windbichler (70) feiert heute seinen letzten Gottesdienst in Spittal. Für die neue Stelle in Kötschach-Mauthen wünscht er sich Weggefährten und eine gute Gemeinschaft.

Mit einem Trompetenstück werden Sie sich heute bei den Gottesdienstbesuchern in der Stadtpfarrkirche Spittal verabschieden. Wie kam es dazu, dass Sie bei Messen selbst spielen?
ERNST WINDBICHLER: Ich werde den Chor und die Orgel begleiten und falls die Trompete ausfällt, singen die anderen weiter. Im Gymnasium Tanzenberg habe ich das Instrument erlernt. Damals kostete der Musikunterricht 20 Schilling in der Stunde. Der damalige Erzieher Engelbert Hofer hat uns Trompetenstunden aber gratis angeboten, deshalb habe ich mich dafür entschieden. Während der Coronazeit habe ich wieder zu üben begonnen und spiele seither öfters bei Messen.
Haben Sie die Koffer für Ihre neue Stelle in Kötschach-Mauthen schon gepackt?
Die Koffer weniger, aber es gibt viele Kisten. Es haben sich viele Bücher, Bilder und Statuen angesammelt, die ich aussortieren musste. Dieses Loslassen ist eine Kunst, denn die Entscheidung, was ich behalte und was ich weggebe, war teilweise schwierig. Die Stelle in Kötschach wird wohl meine letzte sein, ich muss daher nicht mehr alles mitnehmen.
Sie waren 18 Jahre lang Pfarrer in Spittal. Was wird Ihnen fehlen, woran denken Sie gerne zurück?
Die vielen Menschen, die ich kennengelernt habe und von der Wiege bis zur Bahre begleitet habe. Da gab es oft intensive Momente, wie etwa bei Taufen, Begräbnissen, Hochzeiten oder Firmungen. Der Millstätter See wird mir fehlen. Da bin ich oft mit dem Rad herumgefahren und zwischendurch hineingesprungen. Das vielseitige kulturelle Leben wird mir abgehen. Sehr gut funktioniert hat auch die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche. Den Kindergarten werde ich vermissen, aber in Kötschach habe ich wieder einen, der sogar im Pfarrhof untergebracht ist. Die Feier zu meinem 70. Geburtstag werde ich lange in Erinnerung behalten, so viele haben mitgewirkt und mir einen wunderschönen Tag beschert.
Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was Sie in Ihrer neuen Pfarre erwartet?
Die Arbeit wird nicht weniger werden, weil ich für Kötschach, Mauthen, Laas und die Krankenhausseelsorge zuständig sein werde. Die Kötschacher pilgern sehr gerne – nach Maria Luggau, Oberdrauburg oder über den Plöckenpass nach Italien. Daran werde ich mich gerne beteiligen.
Seit 44 Jahren sind Sie Priester, war der Weg in der Kindheit schon vorgezeichnet?
Eigentlich nicht, aber nachdem ich das Gymnasium in Tanzenberg, damals ein bischöfliches Knabenseminar, abgeschlossen habe, gingen einige meiner Schulkollegen in das Priesterseminar. Ich habe noch überlegt und bin nach der Matura als Hirte auf die Alm gegangen. Da ist die Entscheidung gereift, wenigstens Theologie zu studieren. Schließlich bin ich doch in das Priesterseminar eingetreten und hab mir gedacht: „Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.“
Wie haben Sie den Wandel des Berufs erlebt? Ist es nicht so, dass die Österreicher zunehmend weniger Bindung zur Kirche haben?
Das betrifft nicht nur Österreich, sondern die gesamte westeuropäische Kirche. In Afrika, Indien und Asien wächst sie überall. Am Beginn meiner Laufbahn stand der Priester im Mittelpunkt eines Dorfes. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich ein Servicemann bin, der die Feste ein bisschen verschönert. Dennoch geht es um Glaube und Gottvertrauen. Wofür die Kirche steht, muss man heute mehr erklären als früher. Diejenigen, die sich heute für die Kirche entscheiden, machen das bewusster und bringen sich ein. Zum Mitgestalten ist jeder eingeladen.
Was verstehen Sie unter Gottvertrauen?
Gerade bei Begräbnissen herrscht oft Sprachlosigkeit. Da kann ich schon die Botschaft vermitteln, dass das Leben Zukunft hat, auch über den Tod hinaus. Ich möchte den Leuten den Glauben nicht aufdrängen, aber ich versuche ihnen Hoffnung zu vermitteln, die sie sonst in der Art nirgends finden. Gerade bei Lebenswenden wird man von Gott begleitet und getragen.
Was bereitet Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?
Wenn eine Feier gut gelungen ist oder wenn ich dafür gelobt wurde, die richtigen Worte gefunden zu haben. Es freut mich, wenn ich einen guten Einfall für eine Predigt habe oder die Kirche voll ist und eine lebendige Gemeinschaft spürbar ist. Wenn ich es mit dem Rad aufs Goldeck schaffe ohne abzusteigen, genieße ich das auch.
Gibt es etwas, dass Sie jungen Priesterkollegen mitgeben möchten?
Ich kann ihnen nur sagen, dass sie die Hoffnung nicht verlieren und Menschen um sich versammeln sollen, die sie verstehen und mit denen sie reden können. Ein Netzwerk und ein Freundeskreis sind ganz wichtig. Man sollte sich auch nicht immer in derselben Blase bewegen, sondern versuchen bei den Sorgen und Freuden der Menschen mittendrin zu sein.

Seit rund 30 Jahren verfassen Sie in der Sonntagsbeilage der Kleinen Zeitung Ihre Gedanken zu Bibelzitaten. Werden Sie oft darauf angesprochen?
Als ich kürzlich in Kötschach war, hat mich gleich jemand darauf angeredet, dass er mich aus der Kleinen Zeitung kennt. Das passiert immer wieder und es macht mir große Freude, diese Kolumne schon so lange verfassen zu dürfen.
Wie würden Sie sich als Privatperson beschreiben?
Ich versuche ganz normal zu sein. Meinem Vornamen mache ich nicht allzu viel Ehre, Humor ist mir wichtig. Ich sitze gerne mit jemanden zusammen und trinke ein Bier. Im Urlaub bin ich häufig am Berg oder ich besuche meine große Verwandtschaft im Lesachtal. Ich ziehe mich aber auch gerne zurück, um zu lesen.
Sie waren zeitlebens sportlich und haben 2009 beim Ironman in Klagenfurt teilgenommen. Welchen Stellenwert hat Bewegung in Ihrem Leben?
Entstanden ist das Ganze aus einer übermütigen Äußerung. Ich habe beim Ironman zugeschaut und gegenüber Freunden gesagt, dass ich das auch noch schaffen würde. Sie haben das ernst genommen und mich angemeldet. Radfahren fiel mir leicht, das Laufen habe ich intensiviert. Beim Schwimmen war ich nicht so fit. Im Millstätter See habe ich dann mit Neoprenanzug trainiert. Es war jedenfalls ein Erlebnis, vor allem, dass man von der Menge getragen wurde. Durch Bewegung werde ich gelassener, ich schlafe besser und fühle mich einfach gesünder.
Ab morgen sind Sie dann „Dompfarrer“, weil Ihre neue Wirkungsstätte der Gailtaler Dom ist. Haben Sie schon Lampenfieber vor der 1. Messe?
Lampenfieber habe ich eher vor meiner letzten Messe in Spittal. Die erste Messe in Kötschach wird am 6. September sein. Ich habe mitbekommen, dass sich die Leute schon freuen, wenn ich komme. Jedenfalls werde ich mir alles in Ruhe anschauen, bevor ich mit Veränderungen beginne.
Für Sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Welche Wünsche verbinden Sie damit?
So wie jeder, wünsche ich mir, dass ich möglichst lange gesund bleibe und dass es mir gelingt, bei den Menschen zu sein und die Kirche zu den Menschen zu bringen. Dass ich noch lange Freude am Beruf habe und den Leuten vermitteln kann, dass Glaube, Kirche und Religion etwas Aufbauendes und Heilsames sind. Ich wünsche mir viele Weggefährten und eine gute Gemeinschaft.
Zur Person
Ernst Windbichler ist am 9. April 1956 in Liesing im Lesachtal geboren.
Nach der Matura 1975 am Gymnasium Tanzenberg, folgte ein Theologiestudium in Salzburg und Innsbruck bis 1982.
In den vergangenen 18 Jahren war der Sportbegeisterte Stadtpfarrer in Spittal und Provisor für die umliegenden Pfarren. 2012 wurde er zum Dechant des Dekanats Spittal an der Drau ernannt.
Ab September wird der Seelsorger die Pfarre Kötschach leiten und seinen Kollegen Sergius Duru ablösen. In Spittal folgt Charles Lwanga Mubiru.



