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Patientenlenkung: Überweisungspflicht für Ambulanz als Lösung?

Patienten an den für sie richtigen Ort zu bringen, ist ein kompliziertes Unterfangen. Ideen gibt es viele, in deren Mittelpunkt steht fast immer die Hausärztin bzw. der Hausarzt.

© Adobestock

„In Österreich gilt die freie Arztwahl: Jede Versicherte, jeder Versicherte kann die Ärztin oder den Arzt des Vertrauens nach eigenem Ermessen wählen“, ist auf gesundheit.gv.at zu lesen. „Wenn ich freie Arztwahl höre, bringt mich das schon zum Schmunzeln“, sagt Gudrun Zweiker. Sie ist Allgemein- und Familienmedizinerin und hat eine Ordination in Straden. Ihr Bezirk Südoststeiermark sei noch ein „gelobtes Land, wir haben noch viele Hausärzte, die noch Patienten aufnehmen."

Die Realität ist aber auch: Geht es zum Beispiel um einen Hautarzt, dann gibt es einen solchen im Bezirk seit einigen Jahren nicht mehr. „Da ist die freie Arztwahl obsolet, da bleibt auch mir nichts anderes übrig, als die Patienten ins Spital zu überweisen, wenn es eine speziellere Abklärung braucht.“ Zwar würde die Teledermatologie die Situation etwas entschärfen. „Das hilft nur nichts, wenn ich keinen Kassenhautarzt habe, der mir die Bilder analysiert.“

Zu viele haben keinen Hausarzt mehr

An diesem einen Beispiel zeigen sich mehrere Problemfelder des heimischen Gesundheitssystems. Der Großteil der Kassenordinationen ist überlaufen – unabhängig davon, ob es um Allgemeinmedizin oder andere Fachbereiche geht. Das geht soweit, dass es in gar nicht wenigen Ordinationen einen Aufnahmestopp für Neupatienten gibt. In Folge steigen die Wartezeiten, jene, die es sich leisten können, wechseln in Wahlarztpraxen. Viele andere hingegen gehen direkt in Spitalsambulanzen. Somit wird das System an vielen Fronten überlastet.

Jüngere Patienten oder auch jene mit Migrationshintergrund kennen unser System nicht wirklich, die kommen gar nicht bis zu mir.

— Gudrun Zweiker, Allgemein- und Familienmedizinerin

Seit vielen Jahren wird bei jeder neuen Gesundheitsreform die absolute Notwendigkeit einer funktionierenden Patientenlenkung betont. Die Hauptrolle wird bei diesen Überlegungen immer den Hausärztinnen und Hausärzten zugedacht. Doch können sie diese Lotsenfunktion überhaupt übernehmen? „Ja“, ist Zweiker überzeugt. „Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten, wir kennen ihr Umfeld, ihre Krankengeschichte. Ich glaube wirklich, dass wir die primäre Anlaufstelle sein sollten.“

Zweikers Kärntner Kollegin ist ähnlicher Meinung. Maria Korak-Leiter ist praktische Ärztin in Maria Rain nahe Klagenfurt und stellvertretende Kurienobfrau für die niedergelassenen Ärzte. Sie sieht es „als Aufgabe der Hausärzte, Patientinnen und Patienten den richtigen Weg durch das Gesundheitssystem zu zeigen und als Berater und Lenker zur Seite zu stehen“. Dass praktische Ärzte – gerade auch in Zeiten von „Dr. Google, wenn sich Leute online über ihre Gesundheitsprobleme informieren“, die erste Anlaufstelle zur Abklärung sind und bleiben, hält Korak-Leiter für „sehr wichtig, sehr gut und kosteneffizient“.

Maria Korak-Leiter
© KLZ / Markus Andreas Traussnig
Maria Korak-Leiter

Doch wie kann das funktionieren, wenn aktuell schon Kapazitäten fehlen? Es würde strukturelle Änderungen brauchen, so Zweiker. Ihrer Ansicht nach gibt es mehrere Schrauben, an denen man drehen könnte. Einerseits mehr Kassenstellen – die steirische Ärztekammer fordert derer 200 zusätzliche. Andererseits müsse „die Gesprächsmedizin besser honoriert werden“. Diese Arzt-Patienten-Gespräche würden die Patienten wünschen und auch eine Verbesserung weg von der Reparaturmedizin hin zur Vorsorgemedizin bringen. Korak-Leitner wiederum erachtet eine Aufwertung der Primärversorgung durch Einzelordinationen, Hausärzte, Gruppenpraxen oder Erstversorgungszentren als notwendig. Um Patienten davon abzuhalten, etwa bei einer Hautveränderung gleich eine Notfallambulanz aufzusuchen, sei Aufklärungsarbeit notwendig. In Wien beginne das durch Besuche von medizinischem Personal bereits in Volksschulen.

In die Spitalsambulanz nur mehr mit Überweisung?

Als konkretes Beispiel für gelungene Patientenlenkung nennt Zweiker die Niederlande. „Notfälle ausgenommen, müssen Patienten zuerst zum Hausarzt. Dieser bewertet dann, was für den Patienten in der jeweiligen Situation notwendig ist, eine Überweisung in eine Fachordination, eine Spezialambulanz oder an einen anderen Gesundheitsberuf.“ Die ÖGAM, die österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin, fordert ebenso ein hausärztlich geleitetes Primärarztsystem nach dem Vorbild Baden-Württemberg: Dort verbesserte ein hausärztlich gesteuertes System sowohl Versorgungsqualität als auch Kosteneffizienz.

Elga ist sehr sinnvoll, aber noch nicht sehr verlässlich. Ich kann Arztbriefe aus manchen, aber nicht aus allen Spitälern sehen, ich habe nicht in alle Labor- und Röntgenbefunde Einblicke.

— Maria Korak-Leiter, Allgemein- und Familienmedizinerin

Zudem erachtet Zweiker eine Überweisungspflicht für Ambulanzen als sinnvoll. Denn, eine nicht geringe Anzahl von Patienten würde eben gar nicht mehr bei Hausärztinnen und Hausärzten andocken. Vor allem im städtischen Bereich gibt es viele, die keinen Hausarzt mehr haben. „Jüngere Patienten oder auch jene mit Migrationshintergrund kennen unser System nicht wirklich, die kommen gar nicht bis zu mir.“

Gudrun Zweiker
© Steirische Ärztekammer / Harry Schiffer Photodesign
Gudrun Zweiker

Das Problem der Mehrfachbefundung, dass das System verstopft, sieht Zweiker hingegen als mehr oder weniger gelöst. Dass Patienten zu unterschiedlichen Ärzten gehen würden und dann mehrmals die gleiche Untersuchung durchgeführt wird, sei mit der elektronischen Gesundheitsakte Elga seltener geworden. „Ich sehe die Befunde ja. Wenn der Patient dann ein weiteres MRT möchte, muss ich eben erklären, wieso das vielleicht nicht notwendig ist.“ Nachsatz: „Aber die Überzeugungsarbeit dauert manchmal.“

Dass es aber trotz Elga weiter Doppelbefundungen gibt, liege am lückenhaften Elga-System, so Korak-Leiter, die über Jahre Spitalsärztin war. „Elga ist sehr sinnvoll, aber noch nicht sehr verlässlich. Ich kann Arztbriefe aus manchen, aber nicht aus allen Spitälern sehen, ich habe nicht in alle Labor- und Röntgenbefunde Einblicke.“ Wenn Patienten trotz Laborwerten vom Hausarzt im Spital noch einmal die gleiche Untersuchung bekommen, liege das auch daran, dass das oft schneller sei, als die Befunde vom Hausarzt durchzulesen. Korak-Leiter betont: „Ich verlasse mich lieber auf die Kommunikation mit anderen niedergelassenen Ärzten über Datenleitungen wie medicat data.“

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